Syrer mit Wohnung muss in Landesaufnahmeeinrichtung
In den Fängen der Asylgesetze

Münster -

Es könnte ein Paradebeispiel für Begrüßungskultur sein: Ein junger Syrer, der in Münster Arbeit sucht, wird von einem Unterstützerkreis finanziert. Man besorgt ihm eine Wohnung. Aber als er dann Asyl beantragt, muss er ins Camp.

Donnerstag, 07.04.2016, 08:04 Uhr

Gisela und Hans Kühn mit einem Nachbarkind.
Gisela und Hans Kühn mit einem Nachbarkind. Foto: Günter Benning

Hans Kühn war mal Baudezernent am Uniklinikum. „Aber es war einfacher, da ein neues Gebäude zu bauen“, sagt der Pensionär, „als einem Syrer durchs Asylverfahren zu helfen.“

Kühn sitzt in seinem Wohnung an der Habichtshöhe. Auf der Haustür steht der Name von Bader K., als wenn er zur Familie gehören würde. Aber der junge Syrer lebt derzeit in einer Notunterkunft für Flüchtlinge in Oerlinghausen bei Bielefeld . Seine Wohnung in Münster steht leer.

Bader ist schon fast wie ein Sohn für uns.

Gisela Kühn

Was klingt, wie ein Stück aus dem Tollhaus, ist juristisch sauber, sagt selbst Claudius Voigt von der Flüchtlingsberatung GGUA. Und trotzdem ist es schwer verständlich. Das Drama in seinen Einzel-Akten:

► Bader K. aus Damaskus, Elektroingenieur mit Zusatzausbildung kommt nach Münster. Er darf ein halbes Jahr einen Hochqualifizieren-Job suchen. In der Unibibliothek lernt er den Nachbarn von Gisela und Hans Kühn kennen, der seine Bachelor-Arbeit schreibt. Man freundet sich an. „Bader“, sagt Gisela Kühn, „ist fast wie ein Sohn für mich.“

► Die Kühns und einige Freunde haben für Bader K. eine kleine Wohnung gemietet, er hofft, seine Frau und seine Kinder (2 und 5 Jahre) nachholen zu können.

► Nach einem halben Jahr steckt Bader K. in einem Deutsch-Kurs, macht ein Praktikum, hat aber noch keinen Job gefunden. Im Ausländeramt heißt es, die einzige Chance länger zu bleiben, sei ein Asylantrag.

► Er lässt sich bei der Registrierungsstelle in Dortmund als Flüchtling erfassen. Nun wird ihm erklärt, er müsse seinen Asylantrag schriftlich in Nürnberg einreichen und müsse nicht in eine der Landesunterkünfte einziehen. Dies ist eine Regelung für Menschen, die bereits länger als sechs Monate in Deutschland leben.

► Vier Monate später stellt das Ausländeramt in Münster fest, dass Bader K. nur ein Visum hat, das für fünf Monate und 28 Tage ausgestellt wurde. Der schriftliche Antrag durfte gar nicht gestellt werden.

► Jetzt muss er sich eilig in Bielefeld als Asylsuchender registrieren lassen. Die Kühns fahren ihn dorthin: „Das ist dort wie ein Albtraum.“ Von Bielefeld wird er an die Landesaufnahmestelle Oerlinghausen weitergeleitet. Wann über seinen Antrag entschieden wird, ist offen.

In Münster sitzt Hans Kühn vor einer dicken Akte und sagt: „Ich verzweifele daran.“ Wenn er in Verwaltungen anrufe, sei „niemand mehr freundlich“. Wenn das schon ein geübter Verwaltungsmann erlebt, wie mag es dann wohl einem Flüchtling ohne Hilfe gehen?

Rechtlich, sagt GGUA-Mann Claudius Voigt, sei alles korrekt gelaufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Bader K. nach Münster verlegt werde, sei gering. Die Stadt habe ihr Soll erfüllt. Eine Zuweisung sei nur möglich, wenn die Verwaltungsspitze zustimmt. Und wenn Baders Helfer erklären, dass für die Stadt keine Kosten entstehen.

Erst wenn Bader K. Asyl erhält, könnte später seine Frau nachreisen. Sie hat bereits ein Visum beantragt. Dafür musste sie in den Libanon reisen. Hans Kühn: „Da hieß es, sie dürfe reisen, ihre beiden Kinder nicht.“

Die rechtliche Lage

Qualifizierte Ausländer, die über anerkannte Hochschulabschlüsse verfügen, können in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis bis zu sechs Monaten erhalten, um einen „der Qualifikation angemessenen Arbeitsplatz“ zu suchen. Eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis über die sechs Monate hinaus ist nach diesem Gesetz nicht möglich, wenn der Ausländer bis dahin keine entsprechende Arbeit gefunden hat. In § 14 Abs. 2 Asylgesetz steht: „Der Asylantrag ist beim Bundesamt zu stellen, wenn der Ausländer 1. einen Aufenthaltstitel mit einer Gesamtgeltungsdauer von mehr als sechs Monaten besitzt, (...)“ Dies gilt in der Regel zum Beispiel für Studenten oder Arbeitnehmer, die seit längeren Zeit in Deutschland studieren und Asyl beantragen wollen.

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