Exzellenzcluster-Sprecher Detlef Pollack lobt Münsters neuen Campus
„Wir suchen Dialog und Verständnis“

Münster -

Exzellenzcluster-Sprecher Detlef Pollack über den geplanten Campus der Religionen in Münster: Münster geht mit der Integration von christlicher und islamischer Theologie in einem Gebäudekomplex voran.

Samstag, 04.06.2016, 06:06 Uhr

Detlef Pollack 
Detlef Pollack  Foto: Universität Münster

Religiöse Vielfalt – damit befasst sich eines der aktuellen Forschungsprojekte von Prof. Dr. Detlef Pollack . Redakteur Günter Benning sprach mit dem Vorstandssprecher des Exzellenzclusters Religion und Politik an der WWU Münster über den geplanten Campus der Religionen.

Hat die Einrichtung des Campus in Münster etwas mit dem wachsenden Pluralismus der Gesellschaft zu tun?

Pollack: Wir beobachten in Europa und in Deutschland, wie sich Menschen durch die wachsende religiöse Pluralität auf der einen Seite herausgefordert sehen, aber auf der anderen Seite auch bereichert fühlen. Die Universitäten sind gut beraten, sensibel auf die religiöse Lage zu reagieren. Der Campus, wo christliche Theologien gemeinsam zusammen mit der islamischen Theologie untergebracht werden sollen, könnte sich zu einem Forum des interreligiösen Dialogs entwickeln.

Noch vor wenigen Jahren wurde die Frage gestellt, ob der Islam zu Deutschland gehört. Sehen Sie den Campus als politisches Signal?

Pollack: Er ist auch ein Signal – und in mehrfacher Hinsicht. Einmal wird deutlich gemacht, dass wir an der Universität Musliminnen und Muslime nicht ausgrenzen, dass wir Dialog und Verständigung suchen. Zum anderen wird auch deutlich, dass die islamische Theologie als Wissenschaft verstanden werden muss. Das ist ein Signal an die Vertreter der islamischen Theologie, sich auseinanderzusetzen mit den wissenschaftlichen Methoden, wie sie in den christlichen Theologien gepflegt werden und wie sich seit der Aufklärung in Europa entwickelt haben.

Es ist eine gemeinsame Bibliothek geplant. Muss dann jeder ins Regal der anderen gucken?

Pollack: Ja, man kann dadurch voneinander lernen. Aber es gibt natürlich sehr viele Überschneidungen. Wir haben bei uns viele Wissenschaftler, die sich mit dem Islam befassen – für diese Leute gibt es Synergieeffekte.

Es gibt zwei Bewegungen: Einerseits großes Interesse an Religionen. Auf der anderen Seite: Religion ist von gestern, ist keine Wissenschaft, brauchen wir nicht...

Pollack: Man hatte vor vielen Jahren gemeint, dass die Bedeutung eines Themas wie Religion in modernen, aufgeklärten Gesellschaften zurückgehen würde. Heute aber sieht man, dass der politische Einfluss von Religion vielleicht sogar zugenommen hat. Und an vielen Stellen zu einem Medium zur Austragung von ethnischen, nationalen, politischen Konflikten geworden ist. Das hat deutlich gemacht, dass man auch in modernen Gesellschaften zu einem tieferen Verständnis von Religionen kommen muss.

Religion ist ein Mittel der Politik, löst politische Konsequenzen aus. Münster, die Friedensstadt, steht für eine Vermittlungsleistung zwischen Religionen. Ist der Campus ein Signal in Richtung „Frieden unter den Religionen“?

Pollack: Unbedingt. So verstehe ich das. Die Idee, einen Campus der Religionen oder der Theologien zu schaffen, knüpft an den Friedensschluss in Münster und Osnabrück von 1648/49 an. Damals haben sich die verfeindeten Religionsparteien zum Kompromiss bereitgefunden und ihre Streitigkeiten beigelegt; heute in einer Welt des zunehmenden religiösen Pluralismus geht es noch immer um Ausgleich, um Toleranz und Verständigung zwischen den Religionen. Doch heute ist eben auch der Islam mit dabei.

Theologie und Glaube sind ja verschiedene Dinge. Der Glaube braucht auch Räume, wo er sich ausleben kann. Wird es auf dem Campus auch Kirchenräume geben?

Pollack: Es ist geplant, dass es auch einen Andachtsraum geben wird. Das ist für die Gläubigen wichtig. Aber in der Universität sind der Vollzug des Glaubens und die Wissenschaft natürlich getrennt.

Die künftige Islamische Fakultät ist zwar die kleinste Einrichtung, aber optisch fallen vor allem die vielen Studentinnen auf, die Kopftuch tragen. Wird es ein Aufeinanderzugehen der Religionen auch in den Äußerlichkeiten geben?

Pollack: Das kann man nicht vorhersagen. Es kann in beide Richtungen gehen. Viele Untersuchungen zeigen, dass man offener füreinander wird, wenn man Kontakt hat und sich kennenlernt. Aber es gibt auch die gegenteilige Tendenz, und die Abstoßungstendenzen verstärken sich durch den Kontakt. Es kommt darauf an, wie die Kontakte gestaltet werden – und dabei ist es am wichtigsten, dass sie auf gleicher Augenhöhe stattfinden.

Welche Rolle spielt das Exzellenzcluster auf dem Campus?

Pollack: Der Exzellenzcluster beherbergt sowohl die bekenntnisgebundene als auch die bekenntnisneutrale Religionsforschung. Insofern nehmen wir hier eine Vermittlungsrolle wahr.

Prof. Khorchide vertritt ja einen aufklärerischen Ansatz im Islam, im Sinne der europäischen Wissenschaftstradition. Glauben Sie, dass der Geist, der dort herrscht, Münster für Studenten attraktiv macht?

Pollack: Die Bandbreite innerhalb des Islam ist äußerst weit. Viele, die das Fach studieren wollen, werden dankbar für die Möglichkeit sein, in Münster eine liberale Variante des Islam kennenlernen zu dürfen. Entscheidend für uns Wissenschaftler muss sein, dass wir Forschung fördern, die den methodologischen Standards der Wissenschaft genügen.

Kennen Sie ähnliche Campus-Modelle?

Pollack: Die gibt es kaum, es gibt Ansätze, etwa in Frankfurt am Main, aber das ist nicht so weit gediehen wie in Münster. Auch wenn sich Münster in der Politik der religiösen Verständigung auf eine große Tradition berufen kann, geht Münster hier voran.

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