Auschwitz-Prozess in Detmold
„Mord verjährt nicht“

Detmold -

Es ist einer der letzten Auschwitz-Prozesse, der vermutlich am Freitag vor dem Landgericht in Detmold zu Ende geht. Und so wie es aussieht der letzte Prozess seiner Art in NRW. Verantworten muss sich Reinhold ­Han­ning, ein 94 Jahre alter, ­gebrechlicher und unscheinbarer Mann aus dem lip­pischen Lage.

Freitag, 17.06.2016, 08:51 Uhr

Auschwitz-Prozess in Detmold : „Mord verjährt nicht“
Reinhold Hanning (Mitte) muss sich als ehemaliger SS-Wachmann in Auschwitz vor Gericht verantworten. Foto: dpa

Ihm legt ­­ An­dre­as Brendel , der Leiter der NRW-Schwerpunktstaats­an­waltschaft für NS-Verbrechen, zur Last, von Januar 1943 bis Juni 1944 im ­Konzentrationslager Auschwitz als Wachmann tätig gewesen zu sein – und sich in 170 000 Fällen der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht zu haben. Hanning hat sich in dem Verfahren nie wirklich geäußert.

Das Wenige, das er zu sagen hatte, ließ er über seine Anwälte ausrichten. Er bestritt nicht, als SS-Mann in Auschwitz gewesen zu sein.

Den Beihilfe-Vorwurf wiesen seine Anwälte jedoch er­wartungs­ge­mäß zu­rück; sie forderten ei­nen Freispruch – und begründeten dies mit einer seit 2011 eigentlich überkommenen Rechts­auf­fassung: Nämlich der, dass ih­rem Mandanten für ei­ne Verurteilung die Beteiligung an einzelnen Taten nachgewiesen werden müsse.

Wir sind fast gleich alt, und wir stehen bald beide vor dem höchsten Richter. Ich fordere Sie auf, die historische Wahrheit zu sagen.

Leon Schwarzbaum, Überlebender

Dass sieht Oberstaats­an­walt Brendel ganz anders. Etliche Zeugen, Überlebende al­lesamt, ließ er zu Wort kommen. Sie ­schil­der­ten den Horror im Lager. Für Brendel ist die Anklage allein dadurch belegt, dass Hanning aktiver Teil des mörderischen Systems war. Sechs Jahre Haft forderte er darum.

Hanning gehörte zur großen Schar jener NS-Schergen, gegen die jahrzehntelang nicht ermittelt wurde. Der Grund: Seit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen in den sechziger Jahren galt der Grundsatz, dass Tätern die individuelle Schuld nachzuweisen sei. Was bei einem KZ-Wachmann meist nicht möglich war. Erst 2011 kam die Wende.

In dem Sobibor-Verfahren vor dem Münchner Landgericht verurteilten die Richter den Angeklagten John Demjanjuk 2011 nur nach Aktenlage wegen Beihilfe zum Mord in 280 000 Fällen zu fünf Jahren Haft. Demjanjuk starb, bevor über die Revision entschieden wurde.

Im Nachgang folgten neue Ermittlungen gegen inzwischen steinalte SS-Leute. Er habe 40 Tatverdächtige ausfindig gemacht, sagte 2015 der damalige Leiter der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen , Kurt Schrimm. Ei­ner von ihnen war Reinhold Hanning.

Ob der wirklich bereut? Im Verfahren gab er nur wenige Sätze der Entschuldigung von sich. Dürre Pflichtsätze. Er bedauere, einer verbrecherischen Organisation angehört zu haben. Er schäme sich, es tue ihm leid.

Den Überlebenden im Gerichtssaal und den Vertretern der Nebenklage reichte das nicht. Schon beim Prozessauftakt im Februar war es zu einer ergreifenden Szene gekommen. Der Überlebende Leon Schwarzbaum sprach Hanning direkt an: „Wir sind fast gleich alt, und wir stehen bald beide vor dem höchsten Richter“, sagte er. „Ich fordere Sie auf, die historische Wahrheit zu sagen.“ Doch Hanning schaute auf den Boden. Und schwieg.

Sollte er schuldig gesprochen werden, wird sich das Strafmaß vermutlich an früheren Urteilen orientieren. Demjanjuk bekam fünf Jahre. Oskar Gröning, der Buchhalter von Auschwitz, wurde 2015 zu vier Jahren Haft verur­teilt.

70 Jahre nach dem Ende des Krieges solche Verfahren? Warum? Oberstaatsanwalt Brendel argumentiert als Jurist. „Mord verjährt nicht“, sagt er. Drei Wörter. Und alles ist gesagt.

 

Prozess gegen Auschwitz-Wachmann in Detmold

1/14
  • Ein 94 Jahre alter früherer Auschwitz-Wachmann steht wegen Beihilfe zum Mord in Detmold vor Gericht.

    Foto: dpa
  • Der Andrang von Journalisten und Zuhörern zum Prozessauftakt vor dem Gebäude der Industrie- und Handelskammer, wo die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold den Fall verhandelt, war groß.

    Foto: Friso Gentsch
  • Zwölf Verhandlungstage sind für den Prozess angesetzt - auch deshalb so viele, weil ein Gutachter die Verhandlungsfähigkeit des 94-jährigen Angeklagten auf zwei Stunden täglich beschränkt hat. Damit soll seinem Alter Rechnung getragen werden. Das Foto zeigt Sicherheitskontrollen am Eingang.

    Foto: dpa
  • Auch frühere KZ-Insassen verfolgten den Prozessauftakt.

    Foto: dpa
  • Der Angeklagte Reinhold H. (r.) wird in den Gerichtssaal im Gebäude der Industrie- und Handelskammer geführt. Ihm wird vorgeworfen als Wachmann in Auschwitz zwischen 1943 und 1944 geholfen zu haben, mindestens 170.000 Menschen zu töten. In diesem Zeitraum kamen etwa 92 Transporte mit jüdischen Deportationsopfern aus Ungarn an. Wer nicht arbeitsfähig war, wurde in die Gaskammern getrieben. Als Teil des SS-Totenkopfsturmbanns war es der zuständigen Dortmunder Staatsanwaltschaft zufolge Aufgabe des Angeklagten, das Lager und die ankommenden Transporte zu bewachen. Die Ermittler gehen davon aus, dass er die Tötungsmethoden des KZs kannte. Ihm sei bewusst gewesen, das dieses System mit so vielen Toten nur funktionieren konnte, wenn die Opfer durch Gehilfen wie ihn bewacht wurden. Der Angeklagte habe eingeräumt, in Auschwitz eingesetzt worden zu sein, er bestreite aber eine Beteiligung an den Tötungen.

    Foto: dpa
  • Der Auschwitz-Überlebende Leon Schwarzbaum (r.) - hier mit dem Anwalt der Nebenklage - berichtete als Zeuge unter anderem, wie geflüchtete Häftlinge von Hunden aufgespürt worden und ihre Leichen zur Abschreckung zur Schau gestellt worden seien.

    Foto: dpa
  • Gerade angekommene Gefangene hätten auf dem Weg zu den Gaskammern um Wasser gebettelt, ohne zu wissen, was passiere. „Eine halbe Stunde später waren sie tot“, schilderte der Auschwitz-Überlebende Leon Schwarzbaum im Zeugenstand.

    Foto: dpa
  • Die 92-jährige Erna de Vries entkam ihrer Schilderung als Zeugin und Auschwitz-Überlebende zufolge als 19-Jährige nur knapp der Gaskammer. Sie sei kurzfristig von einem SS-Mann im Todesblock 25 für einen Transport ins Lager Ravensbrück ausgewählt worden. „Wenn er zehn Minuten später gekommen wäre, wäre ich ins Gas gekommen.“

    Foto: dpa
  • „Sprechen Sie an diesem Ort über das, was sie und ihre Kameraden getan oder erlebt haben“, rief Leon Schwarzbaum mit bebender aber kraftvoller Stimme aus dem Zeugenstand dem Angeklagten zu.

    Foto: dpa
  • In den der ersten zwei Prozesstage hatte der Angeklagte geschwiegen. Der 94-Jährige verfolgte die Zeugenaussagen mit offensichtlichem Interesse.

    Foto: dpa
  • Mehr als 70 Jahre nach dem Krieg arbeiten die Ermittler gegen die Zeit - wer gegen Kriegsende erwachsen war, ist mindestens 90 Jahre alt. Die allermeisten sind längst gestorben. Einige hochbetagte mutmaßliche Mordgehilfen könnten jedoch noch vor Gericht gestellt werden. Neben dem Detmolder Fall sind zur Zeit drei weitere ehemalige SS-Leute aus Auschwitz vor Gerichten in Kiel, Neubrandenburg und Hanau angeklagt.

    Foto: dpa
  • Interview mit Leon Schwarzbaum: Der 94-Jährige Auschwitz-Überlebende hatte beim Prozessauftakt in einem bewegenden Vortrag die unmenschlichen Bedingungen in Auschwitz geschildert.

    Foto: dpa
  • Die mehrfach verurteilte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel (r.) wollte den Prozess in Detmold und wurde vor dem IHK-Gebäude von Demonstranten bedrängt.

    Foto: dpa
  • Die 87-jährige Holocaust-Leugnerin und in rechtsextremen Kreisen populäre Ursula Haverbeck hatte im Jahr 2015 am Rande des Lüneburger Prozesses gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning vor Journalisten gesagt, das KZ Auschwitz sei kein Vernichtungs-, sondern ein Arbeitslager gewesen. In einem Fernsehinterview verneinte sie zudem, dass es dort Massenvernichtung gab.

    Foto: dpa

 

Zentralstelle ermittelt weiter

(dpa) Die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg hat weitere ehemalige Wachleute von Konzentrationslagern im Visier. Es gehe um Bei­hilfe zum Mord in den ­Lagern Bergen-Belsen, Neuengamme und Stutthof bei Danzig, sagte der Leiter der Ermittlungs­behörde, Jens Rommel, am Donnerstag.

Derzeit suchen die Ermittler auch Verdächtige, die nach Südamerika ausgewandert waren. Listen damaliger Einwanderer werden mit Suchlisten der Zentralstelle verglichen. Dabei seien in einigen Fällen Übereinstimmungen gefunden worden, die aber nicht zu Strafverfahren geführt hätten. Mehrere Verdächtige seien Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges inzwischen tot. 

...
Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4086954?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F87%2F3862662%2F4847783%2F4847790%2F
Nachrichten-Ticker