Interview mit der österreichischen Band Granada
„Haltung vorleben – auch in Songs“

Wien/Münster -

Im vergangenen Jahr machten die österreichischen Bands Wanda und Bilderbuch von sich reden. Wer aber geglaubt hat, dass sich damit eine neue Austropop-Welle erschöpft habe, hat sich geirrt. Neben Voodoo Jürgens („Heite grob ma Tote aus“) granteln Granada („Pina Colada“) schwarzhumorig mit Mundart. Mit deren Sänger Thomas Petrtisch hat unser Redakteur Carsten Vogel kurz vor der Präsidentschaftswahl in Österreich gesprochen.

Sonntag, 04.12.2016, 11:12 Uhr

 
Thomas Petrtisch inmitten seiner Band Granada. Foto: Philipp Hafner

Warum ist österreichische Mundart in Deutschland aktuell so erfolgreich?

Thomas Petrtisch: Eine sehr gute Frage, die ich mir auch gestellt habe. Ich bin aber zu keiner wirklichen Antwort gelangt. Vielleicht liegt es an der medialen Verbreitung, da viele österreichische Themen auch in Deutschland angegangen werden.

Primär geht es um Dialekt. Bands wie Wanda und Bilderbuch hat man vor einem Jahr noch gut verstanden, aber mit Voodoo Jürgens und Granada wird es in diesem Jahr schon schwieriger.

Petritsch : (lacht) Das kann ich nachvollziehen. Im deutschsprachigen Raum ist man es gewohnt deutschsprachige Musik zu hören. Vielleicht ist es gerade deshalb interessant, dass mit dem Dialekt viele neue Facetten der Sprache hinzu kommen wie schweizerische Redewendungen oder Austriazismen.

Bei Ihrer anderen Band Effi singen Sie englisch. Wie sehr nervt es Sie, wenn ich jetzt Falco ins Gespräch bringe?

Petritsch: Überhaupt nicht. Falco war ein großer österreichischer Künstler, der mit englischsprachiger Musik international erfolgreich war. Aber man kann ihn schlecht als Vergleich zur heutigen Zeit heranziehen.

Sie haben Germanistik studiert. Inwiefern stört das beim Songwriting?

Petritsch: (lacht) Das Studium nimmt einem die Zeit, weil man Kurse besuchen muss. Aber darauf wollten Sie nicht hinaus, oder?

Nein...

Petritsch: ... Man fangt jetzt nicht an, die Sprache zu zerlegen. Ich kann das gut trennen. Mir fällt das eher bei anderen auf, wenn ich analytisch zuhöre.

Also eher wie bei Franzobel , dass das Lautmalerische im Vordergrund steht?

Petritsch: Ja, Sie sagen es. Ein poetischer Zugang zur Sprache. Vor allem Lyriker versuchen, eine bestimmte Sprachrhythmik zu erzeugen. Schon allein wegen der Metrik. Das ist in der Musik ähnlich, weil sich bestimmte Melodien aufgrund von Wörtern ergeben.

Sie covern Billy Joels Stück „Vienna“ auf deutsch. In dem 1977 veröffentlichten Stück geht es um Leistungsdruck und ums Kürzertreten. Wie würde man Billy Joel 30 Jahre später entgegnen, dass das Leben wegen des Internets und der Globalisierung eher noch schnelllebiger geworden ist?

Petritsch: (lacht) Joel hat es damals auf Amerika bezogen, weil er beim Besuch in Wien eine Art Entschleunigung festgestellt hat. Mittlerweile ist das natürlich rübergeschwappt. Man muss immer mehr leisten, in der Gesellschaft immer besser funktionieren. Es ist ein sehr aktuelles Thema, deshalb habe ich das aufgegriffen.

Apropos „rüberschwappen“. Am Wochenende sind Präsidentschaftswahlen in Österreich. Haben Sie Angst vor einem Trump-Effekt?

Petritsch: Ich habe mich natürlich mit der Vorberichterstattung und mit den Nachwahlanalysen beschäftigt. Viele haben Trump im Vorfeld belächelt. Ich bin gespannt, was tatsächlich kommt. Auch, wenn Obama oft durch den Senat be- oder ausgegrenzt wurde, hat man bei ihm die Vorschusslorbeeren zu schnell verteilt. Ich bin absolut kein Fan von Trump, aber ich finde, man sollte die Leute an ihren Taten messen.

Im Interview mit dem Spiegel hat Metallica-Sänger James Hetfield sinngemäß gesagt, dass er sich nicht politisch äußern will, weil er Fans auch nicht vor den Kopf stoßen möchte. Der deutsche Sänger Bosse indes moniert, dass bekannte Musiker sehr wohl Stellung beziehen sollten, weil es ein Gewicht habe. Wie sehen Sie das?

Petritsch: Das ist in der Tat ein zweischneidiges Schwert. Jeder Mensch sollte politisch sein und eine Meinung haben, wenn es um die Zukunft oder um die Mitmenschen geht. Aber Hetfield hat auch recht, weil es als Künstler schwierig ist, den Leuten vorzuschreiben, was sie tun sollen. Man kann Empfehlungen abgeben, aber wichtiger ist es, seine Haltung vorzuleben. Zum Beispiel auch in seinen Songs. In einer politisch korrekten Art und Weise, was auch immer das dann heißt. Was nicht bedeutet, dass man auf der Bühne immer hochpolitisch sein muss.

Jetzt sind Sie auf Tour. Auch mit den Sportfreunden Stiller. Was unterscheidet den deutschen vom österreichischen Fan?

Petritsch: Mir ist aufgefallen, dass man in Deutschland pünktlicher zum Konzert kommt und die Aufmerksamkeit etwas höher ist. Wir haben ja häufiger bereits als Vorband begonnen und das Publikum war eigentlich immer schon da. In Österreich ist man vorbandfauler (lacht). Die Hallen sind erst gefüllt, wenn der Hauptact spielt.

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