Stadtbücherei-Leiterin zur Gebührenerhöhung
„Wir stehen auch dazu“

Münster -

Die Stadtbücherei hat ihre Gebührenordnung geändert – und nun teils deutlich höhere Preise. Dazu äußert sich Leiterin Monika Rasche im Interview

Sonntag, 08.01.2017, 08:01 Uhr

Monika Rasche leitet seit 30 Jahren die Stadtbücherei Münster, Ende Mai geht sie in den Ruhestand – und muss vorher noch eine Gebührenerhöhung vertreten.
Monika Rasche leitet seit 30 Jahren die Stadtbücherei Münster, Ende Mai geht sie in den Ruhestand – und muss vorher noch eine Gebührenerhöhung vertreten. Foto: Anna Spliethoff

Es klingt fast bedrohlich: „Achtung! Es gibt keine Kulanztage mehr!“ In roten Buchstaben weist die Stadtbücherei auf die Änderung ihrer Gebührenordnung zum 1. Februar hin – mit zum Teil deutlich erhöhten Preisen. Im Gespräch mit Redakteur Lukas Speckmann nimmt Büchereileiterin Monika Rasche dazu Stellung.

Höhere Gebühren für Ausweis, Ausleihe und Versäumnis – musste das wirklich sein?

Rasche: Jede Bibliothekarin und jeder Bibliothekar wird sagen: Am besten wäre alles kostenlos – wie in Skandinavien . Aber hier in Deutschland sind Gebühren in fast allen öffentlichen Bibliotheken Standard, und wir stehen auch dazu. Aber natürlich müssen wir genau erklären, warum wir die Gebühren erhöhen.

Und warum?

Rasche: Unsere Kosten sind in den vergangenen Jahren gestiegen, vor allem die Personalkosten, obwohl wir 18 Prozent unserer Stellen abgebaut haben. Wir haben versucht, durch viele Sparmaßnahmen die Kosten in den Griff zu bekommen und auf eine Gebührenerhöhung seit 2006 verzichtet. Das war nun nicht mehr zu vertreten – auch gegenüber der Politik nicht. Die Stadt hat ein großes Haushaltsdefizit.

Wäre es nicht besser gewesen, die Gebühren alle zwei Jahre moderat anzupassen?

Rasche: Einerseits sparen, andererseits Gebühren erhöhen: Das wäre kontraproduktiv gewesen. Es gibt immer eine gewisse Verärgerung unter den Kunden, wenn es teurer wird, manche verlassen uns auch – und dann gibt es nach einiger Zeit eine Rückkehrwelle. Deshalb halte ich es für besser, die Preise für längere Zeit stabil zu lassen. Außerdem bedeutet jede Gebührenerhöhung viel Hintergrundarbeit, die man nicht alle zwei Jahre machen möchte.

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Letztlich sind Sie von der Politik angewiesen worden, mehr Geld zu erwirtschaften. Um welchen Betrag geht es?

Rasche: Für 2017 rechnen wir mit 5,6 Millionen Euro Ausgaben. Dem stehen gewünschte Einnahmen von 850 000 Euro gegenüber 200 000 Euro mehr als bisher. Wir mussten im letzten Jahr überlegen, wie dieses Geld zusammenkommt.

Vor allem durch eine Erhöhung der Benutzungsgebühr um 25 Prozent?

Rasche: Das ist sicher der größte Posten: Die Jahresgebühr für Erwachsene beträgt künftig 24 statt 18 Euro, für Inhaber des Münster-Passes die Hälfte. Kinder und Jugendliche zahlen nach wie vor nichts. Außerdem wird die mit 27 Euro günstige Partnerkarte für zwei Personen im gemeinsamen Haushalt abgeschafft – mit diesen Karten gab es aus programmtechnischen Gründen immer wieder Probleme, sie wurden immer weniger nachgefragt.

Welche Bedeutung hat die Versäumnisgebühr?

Rasche: Nicht mehr eine so große wie früher, als wir deutlich höhere Einnahmen durch Versäumnisgebühren hatten. Das liegt daran, dass die Kunden drei Tage vor Ablauf der Frist eine Erinnerungs-Mail erhalten, dass sie die Frist online verlängern können, dass die Außenrückgabe jederzeit zur Verfügung steht. Deshalb haben wir auch die drei Kulanztage abgeschafft.

Das wirkt wenig kundenfreundlich . . .

Rasche: Die alte Regelung stammt aber noch aus der Lochkartenzeit, als die Kunden Bücher und Medien zu den Öffnungszeiten zurückgeben und auch zur Fristverlängerung in die Bücherei kommen mussten. Viele haben die drei Kulanztage bei der Rückgabe schon eingerechnet. Künftig gelten 50 Cent pro Tag und Exemplar, beim Kinder- und Jugendangebot sind es 30 Cent. Nicht mehr ein Euro wie bisher. Wer lange überzieht, zahlt auch mehr, wer nur kurz überzieht, zahlt wenig. Nur wenn Eltern ihren Kindern die Nutzung der Bücherei wegen Versäumnisgebühren untersagen, finde ich das sehr schade. Das gibt es, leider.

Sollte man diese Gebühren nicht gleich abschaffen?

Rasche: Dann hätten wir große Schwierigkeiten, unsere Bücher zurückzubekommen. Und außerdem haben die Nutzer diese Gebühr selbst in der Hand.

Was ändert sich noch?

Rasche: Alle kostenfreien Medien, darunter auch Hörbücher und CDs, haben nun 28 Tage Leihfrist. Nur die kostenpflichtigen Medien, etwa Games, DVD oder neue Hörbücher sind nach wie vor auf 14 Tage beschränkt.

Die Ausleihe geht aber insgesamt zurück?

Rasche: Wir verleihen jährlich 1,8 Millionen Medien, dazu zählt auch das Herunterladen von E-Books. Es waren schon mal zwei Millionen, insofern kann man schon von Rückgang sprechen. Aber die Kernaufgabe der Bücherei besteht darin, den Zugang zu Informationen zu ermöglichen. Früher bedeutete das, Bücher zur Verfügung zu stellen. Heute heißt es auch, digitale Medienkompetenz zu vermitteln. Es ist das alte Thema – aber ein neuer Weg. Wir haben also immer mehr Nutzer, die gar nichts ausleihen.

Wie viele Nutzer gibt es überhaupt

Rasche: Etwa 37 000, von denen ungefähr zwei Drittel Erwachsene sind, die Nutzungsgebühren bezahlen – nicht nur für die Ausleihe, sondern auch für die PC-Arbeitsplätze. Die Zahl der Menschen, die die Stadtbücherei als Ort der Begegnung und des Lernens nutzen, steigt aber.

Im Prinzip braucht eigentlich niemand Geld, um die Stadtbücherei zu nutzen?

Rasche: Die Nutzung des WLANs setzt nur einen kostenpflichtigen Ausweis voraus – aber im Prinzip ist die Stadtbücherei ein kommerzfreier Ort, der allen Bürgerinnen und Bürgern offen steht. Dieses Zusammenbringen von Menschen aller Altersgruppen, Schichten und unterschiedlichster Herkunft ist doch gerade unser Alleinstellungsmerkmal.

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