Interview zur Studie
Münsters Stadtverwaltung in der NS-Zeit

Münster -

Seit 2014 untersuchen drei Wissenschaftler der Universität die Rolle der münsterischen Stadtverwaltung im Nationalsozialismus. Mittlerweile befinden sie sich mit ihren Recherchen auf der Zielgeraden, Anfang 2018 soll der Abschlussbericht erscheinen. Mit Annika Hartmann, Markus Goldbeck und Philipp Erdmann sowie Thomas Großbölting, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der WWU, sprach unser Redakteur Martin Kalitschke.

Samstag, 01.04.2017, 17:04 Uhr

Erforschen die Rolle der münsterischen Stadtverwaltung im Nationalsozialismus (v.l.): Annika Hartmann, Prof. Dr. Thomas Großbölting, Philipp Erdmann und Markus Goldbeck.
Erforschen die Rolle der münsterischen Stadtverwaltung im Nationalsozialismus (v.l.): Annika Hartmann, Prof. Dr. Thomas Großbölting, Philipp Erdmann und Markus Goldbeck. Foto: kal

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Wie nationalsozialistisch war die Stadtverwaltung zwischen 1933 und 1945?

Hartmann : Auf jeden Fall hat sie das System aktiv gestützt und stabilisiert. Sie preschte aber weder voran – noch war sie resistent. Die Verwaltung hat überall mitgemacht, wo sie sich einen eigenen Vorteil versprach.

Goldbeck : Wenn es um ihre Belange ging, hatte die Verwaltung großes Interesse, nicht zu kurz zu kommen. Und da kam es durchaus auch mal zum Streit mit anderen Behörden. Zum Beispiel stritt sich die Stadt mit der Gestapo um die Immobilie der Marks-Haindorf-Stiftung am Kanonengraben. Die Gestapo setzte sich schließlich durch.

Erdmann : Ein weiteres Beispiel ist die Nutzung des Grundstücks, auf dem die 1938 abgebrannte Synagoge stand. Die Stadt hatte es der jüdischen Gemeinde abgekauft und ihr dabei die Entfernung der Trümmer in Rechnung gestellt, das Geld kam auf ein Sperrkonto. Um die weitere Nutzung stritten sich gleich mehrere Ämter. Das eine wollte dort einen Parkplatz bauen, das andere einen Spielplatz. Schließlich kam ein Feuerlöschteich hin.

War damals eigentlich die ganze Stadtverwaltung nationalsozialistisch?

Goldbeck: Es gab auf jeden Fall Personen, die Positionen inne hatten, die sie unter anderen Umständen nicht bekommen hätten. Doch es war nicht so, dass 1933 flächendeckend Parteimitglieder städtische Ämter enthielten.

Hartmann: Eine andere Untersuchung hat ergeben, dass 1933 weniger als zwei Prozent der Beschäftigten ausgetauscht wurden – weniger als nach Kriegsende.

Großbölting: Aber man muss sagen, dass alle beteiligt waren, den NS-Staat zu stützen. Es gab nicht „Nazis gegen die Verwaltung“ oder „Nazis gegen die Gesellschaft“. Der Nationalsozialismus war die Verwaltung – und er war die Gesellschaft.

Gab es auch Ausnahmen? Mitarbeiter der Verwaltung, die die Arbeit ausbremsten oder sabotierten?

Goldbeck: Da fällt mir der Stadtarzt Kropff ein. Wir haben eine Beschwerde eines Medizinalbeamten gefunden, der ihm vorwirft, Zwangsarbeiter unnötig arbeitsunfähig geschrieben zu haben. Der Ankläger war Jost Walbaum, ein extrem linientreuer Nationalsozialist, der 1943 von Krakau nach Münster kam. Er behandelte Zwangsarbeiter äußerst hart und erklärte sie für arbeitsfähig, egal, wie krank sie waren.

Erdmann: Ohne Zwangsarbeit hätte die Verwaltung im Krieg nicht funktioniert. Zwangsarbeiter wurden zum Beispiel von der Verwaltung für die Trümmerräumung eingeteilt – oder an Bauunternehmen verliehen.

Im Stadtweinhaus fehlt das Bild des damaligen Oberbürgermeisters Albert Hillebrand in der OB-Galerie. Aus gutem Grund?

Goldbeck: Auf jeden Fall.

Hartmann: Hillebrand war ein altgedienter Nationalsozialist. Er gehörte der Partei bereits vor 1933 an, war später NSDAP-Ortsgruppenleiter. Er war wirklich ein Nazi. Trotzdem hat er darauf geachtet, dass die Verwaltung funktioniert.

Goldbeck: Es gibt zugleich diverse Beispiele, die belegen, dass er im Zweifel für die Partei entschieden hat. Das war auch beim Verkauf des Gebäudes der Marks-Haindorf-Stiftung der Fall. Es war am Ende Hillebrand, der entschied, dass die Interessen der Gestapo Vorrang haben sollten.

Enden Ihre Untersuchungen mit Ende des Krieges?

Erdmann: Nein, sie erstrecken sich bis etwa 1960, als in der Verwaltung ein Generationswechsel stattfand.

Gab es nach dem Krieg – wie im Gesundheits- und Rechtssystem – auch in der Verwaltung eine personelle Kontinuität?

Hartmann: Die gab es, aber sie war nicht so groß wie zum Beispiel bei manchen Bundesministerin, wo bis zu 70 Prozent der Mitarbeiter bereits in NS-Ministerin gearbeitet hatten.

Goldbeck: In den 50er-Jahren Jahren gab es das 131er Gesetz, wonach mindestens 20 Prozent der Planstellen einer Verwaltung mit Personen zu besetzen waren, die nach 1945 ihre Stelle verloren hatten. Diese Vorgabe wurde auch in Münster umgesetzt. Ein Rechtsrat, der tief in die Arisierung verstrickt war, klagte sich übrigens nach 1945 wieder in die Stadtverwaltung ein. Dort wollte man ihn eigentlich nicht mehr haben, aber er bekam recht. Die Stadt Münster hatte aber Glück. Er wechselte später nach Paderborn, wo er Stadtdirektor wurde.

Sie forschen seit drei Jahren, wo haben Sie recherchiert?

Hartmann: Im Stadtarchiv, im Landesarchiv, im Landes- und Bundesarchiv in Berlin, außerdem im Nationalarchiv in London.

Sind Sie mit dem Ergebnis der Arbeit zufrieden?

Großbölting: Es ist gelungen, einen neuen Blick nicht nur auf die Stadtverwaltung als Organisation, sondern auch auf ihre Verflechtungen mit der Stadtgesellschaft zu werfen. Dass in der Untersuchung gezeigt wird, wie tief die Verwaltung in die Diktatur verstrickt war, das ist in der Tat neu. Diese breite gesellschaftliche Verflechtung beleuchtet hoffentlich bald auch eine Ausstellung über „Volksgemeinschaft in Münster und im Münsterland“.

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