Verbraucherinsolvenzen in Lengerich
Wenn der finanzielle Untergang droht

Lengerich -

Steht Privatpersonen finanziell das Wasser bis zum Hals, haben sie unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, Verbraucherinsolvenz anzumelden. In Lengerich ist das im ersten Quartal 2017 sechs Mal passiert.

Freitag, 30.06.2017, 06:06 Uhr

 
  Foto: Romolo Tavani

In den ersten drei Monaten diesen Jahres hat es in Lengerich sechs Insolvenzverfahren gegeben. Das besagen Zahlen des statistischen Landesamtes IT-NRW. Viele, die das Wort „Insolvenz“ hören, werden denken, dass es dabei um Unternehmen geht. Schließlich haben Fälle wie die Schlecker-Pleite in der Vergangenheit für reichlich Schlagzeilen gesorgt. Doch in Lengerich war keine einzige Firma betroffen. Es ging ausschließlich um sogenannte Verbraucherinsolvenzen, also Privatpersonen.

Viele Gründe für finanzielle Probleme

Konfrontiert wird damit immer wieder Maria Höing . Sie ist Mitarbeiterin bei der Schuldnerberatung des Kreises Steinfurt. Und die kümmert sich in Lengerich und Umgebung um Menschen, die mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben. Typische Gründe dafür seien der Verlust des Arbeitsplatzes oder auch eine Trennung und daraus folgernd veränderte finanzielle Rahmenbedingungen (zum Beispiel Unterhaltszahlungen). Bei jungen Leuten komme es zudem immer wieder vor, dass sie unterschätzten, welche Kosten mit einer eigenen Wohnung verbunden sind. Aber „sehr häufig“ gehe es schlicht und einfach auch nur um ein falsches Konsumverhalten.

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Das beginne beim fehlenden Überblick über die laufenden Einnahmen und Ausgaben, gehe über den Anspruch, immer das neueste Auto zu fahren, und ende bei Menschen, die mehrere Handy-Verträge parallel laufen haben, aber kaum in der Lage sind, überhaupt einen finanziell zu bedienen. „Eine echte Kostenfalle.“ Die Frage, wie denn so etwas sein könne, beantwortet Maria Höing überraschend simpel: „Es gibt viele, die leben einfach.“

Schuldnerberatung als letzter Ausweg

Die Schuldnerberatung komme meist ins Spiel, wenn die Betroffenen nicht mehr weiter wüssten – oder aber der Gerichtsvollzieher da war. „Der verweist dann an uns.“ Gleiches gelte für Banken. Wichtig sei, das betont Maria Höing, dass der Entschluss, den Weg einer Verbraucherinsolvenz einzuschlagen, freiwillig erfolge. Diese Entscheidung werde getroffen, wenn die Klienten keine andere Chance mehr sähen, ihre Verschuldung in den Griff zu bekommen.

Viele bezahlen nichts, weil sie dazu gar nicht in der Lage sind.

Maria Höing

Danach sind verschiedene formale Schritte zu machen. Zunächst müssen alle Gläubiger informiert und mit ihnen der Versuch unternommen werden, sich über die Rückzahlung der Schulden außergerichtlich zu einigen. Gelinge das nicht, so Maria Höing, könne beim Amtsgericht Münster, das für den Kreis Steinfurt zuständig ist, ein Insolvenzantrag gestellt werden. Im Zuge des Insolvenzverfahrens wird dann geprüft, welche Schulden es gibt und ob Vermögen vorhanden ist, das verwertet werden könnte.

Mehr Präventionsarbeit an Schulen

Danach folgt die „Wohlverhaltensphase“, die in der Regel sechs Jahre dauert und während der versucht wird, die Schulden zurückzuführen. Neue Schulden dürfen die Betroffenen nicht machen. Zum Leben bleiben genau festgelegte Beträge, bei ledigen Personen beispielsweise 1079 Euro. Ist die „Wohlverhaltensphase“ vorbei, sind die verbliebenen Schulden hinfällig.

„Viele bezahlen nichts, weil sie dazu gar nicht in der Lage sind“, erzählt Maria Höing aus ihrem beruflichen Alltag. Als Beispiel, für den Personenkreis, auf den das zutreffen könnte, nennt sie alleinerziehende Mütter mit kleinen Kindern, aber ohne Job. In solchen Fällen könne die 1999 eingeführte Verbraucherinsolvenz „ein Segen“ sein, denn „die Menschen bekommen eine Chance“, ihr Leben wieder in finanziell geordnete Bahnen zu lenken. Allerdings müsse damit ein Bewusstseinswandel und eine Verhaltensänderung einhergehen. Obwohl die Schuldnerberatung dabei zur Seite stehe, gelinge das nicht immer.

Maria Höing würde sich für die Zukunft vor allem eines wünschen: mehr Präventionsarbeit in den Schulen. Was kostet das Leben, darüber sollte idealerweise im Fach Wirtschaft intensiv gesprochen werden, meint die Expertin.

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