Bahn AG muss auf altes Gerät zurückgreifen
Unfreiwillige Zeitreise

Münster -

Nostalgiereise mit der Deutschen Bahn: Weil der polnische Fahrzeughersteller Pesa die bereits für Dezember 2016 zugesagten neuen Dieseltriebwagen „Pesa Link“ noch nicht geliefert hat, greift die Bahn notgedrungen auf Gerät aus der Klamottenkiste zurück.

Dienstag, 18.07.2017, 16:07 Uhr

Die Bahn AG setzt die Baureihe VT 628 für die Fahrt nach Sylt ein. Die teilweise über 40 Jahre alten Dieseltriebwagen fahren jetzt auch in NRW.
Die Bahn AG setzt die Baureihe VT 628 für die Fahrt nach Sylt ein. Die teilweise über 40 Jahre alten Dieseltriebwagen fahren jetzt auch in NRW. Foto: Deutsche Bahn AG

Betroffen von der unfreiwilligen Tour in die 1970er und 1980er Jahre ist vor allem NRW – und dort besonders das Sauerland-Netz, bestätigt Bahnsprecher Dirk Pohlmann auf Nachfrage.

Das Ersatzkonzept ist nicht su­per, aber es ist zumindest eines.

NWL-Sprecher Uli Beele

Die Nahverkehrsverbünde NWL und VRR sind verärgert. „Das Ersatzkonzept ist nicht su­per, aber es ist zumindest eines“, sagt NWL-Sprecher Uli Beele . Das klingt zwar freundlich. Im Hintergrund wird aber schon ganz anders diskutiert. Von einer Frist ist die Rede, bis zu der die Bahn AG das Problem behoben haben muss, ansonsten ende der Verkehrsvertrag au­toma­tisch.

Alte Standards - neue Probleme

Die Bahnkunden jedenfalls werden mutmaßlich ei­nen langen Atem haben müssen. Alte Wagen, noch ältere Triebwagen – das bedeutet immer auch neue Probleme: Wagen, die überfüllt sind, weil sie kleiner sind als der Standard heute, keine Barrierefreiheit – die wurde vor 40 Jahren noch nicht als wichtig erachtet, Klima-Anlagen, die nicht funktionieren, Zugausfälle, weil das Material alters­bedingt häufiger grätscht. „Die Qualität entspricht augenblicklich weder unseren Ansprüchen noch den Erwartungen, die Sie an ein verlässliches Verkehrsmittel haben“, schreibt die Bahn auf ihrer Homepage. Stimmt, gemessen jedenfalls an den Beschwerden.

In ganz NRW Fahrzeuge zusammengesucht

Betroffen von dem Malheur ist aber nicht nur das ­Sau­erland-Netz. Nostalgie­züge und historische Wagen fahren sporadisch auf mehreren Strecken in NRW, die unter der Ägide der Deutschen Bahn stehen. Beispielsweise zwischen Münster und Rheine (RB 68) und Münster sowie Coesfeld (RB 63). Um den Verkehr auf­rechtzuer­halten, „haben wir in ganz NRW Fahrzeuge zusammengesucht“, sagt Pohlmann. „54 extra aufgearbeitete und mo­dernisierte Ersatzfahrzeuge“ heißt es auf der Bahn-Homepage. Darunter befinden sich auch Triebwagen aus den 1970er Jahren, „die teilweise schon aus dem Betrieb genommen waren“, sagt Pohlmann.

Mit dem Fahrplanwechsel 2016 hatte die Deutsche Bahn im Sauerland-Netz viel vor. Zusätzliche und mehr direkte Verbindungen, neue Früh und mehr Abend- sowie Nachtzüge auf den ­Linien RB 52, RB 53, RB 54 und RE 57. Der Konzern hat in den vergangenen Jahren viele Strecken an die private Konkurrenz verloren – und legt sich darum ins Zeug. Zum neuen Angebot gehörten darum auch neue Züge. 36 hatte die Bahn für NRW bestellt, 26 für Bayern und neun für Hessen. Die alten waren mit dem Fahrplanwechsel anderswo eingeplant.

Lieferung bis Ende des Jahres unwahrscheinlich

In diesem Jahr wird Pesa die neuen Wagen nicht mehr liefern. Ob sie kommendes Jahr in NRW rollen werden? Hinter diese Frage macht Uli Beele vom NWL ein großes Fragezeichen. Der polnische Hersteller hat Lieferschwierigkeiten: Die ersten Proto­typen des „Pesa Link“ waren zu breit für die deutschen Strecken, bei späteren Modellen passte die Motorleistung nicht, wodurch die ­Dieselfahrzeuge im bergigen Sauerland vorhersehbar Verspätungen eingefahren hätte. Pesa bessert weiter nach, die Zulassung der Fahrzeuge für Deutschland lässt auf sich warten, der Notfallverkehr bleibt – der Ärger auch.

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