Restaurierung der Astronomischen Uhr im Dom
Feinarbeit rund um die Weltkarte

Münster -

Die Restaurierung der Astronomischen Uhr im Dom hat begonnen. Eine kleine Überraschung gab es schon bei der Weltkarte, die rund 130 Jahre nach der Entstehung das erste Mal übermalt wurde.

Sonntag, 20.08.2017, 11:08 Uhr

Zentimeter  für Zentimeter wird die Astronomische Uhr im Dom in den kommenden Monaten gesäubert. Spätestens zum Katholikentag im nächsten Jahr soll das Kunstwerk in neuem Glanz erstrahlen.
Zentimeter  für Zentimeter wird die Astronomische Uhr im Dom in den kommenden Monaten gesäubert. Spätestens zum Katholikentag im nächsten Jahr soll das Kunstwerk in neuem Glanz erstrahlen. Foto: Oliver Werner

Ein knappes halbes Jahr dauerten die Untersuchungen an der Astronomische Uhr im St.-Paulus-Dom in Münster. Das Kunstwerk wurde von allen Seiten auf Herz und Nieren überprüft und mit einem Speziallicht beleuchtet. Die Protokolle darüber füllen Ordner.

Die Denkmalbehörden und das Domkapitel als Hausherr gaben der Restaurierung ihren Segen. Experten wie die Firma Dürr aus Rothenburg ob der Tauber für das Uhrwerk und Professor Günther Oestmann aus Bremen für die astronomischen Details stimmten sich ab. Jetzt stehen Diplom-Restauratorin Marita Schlüter und drei Studentinnen auf dem Gerüst und legen Zentimeter um Zentimeter der Weltkarte frei.

Der Unterschied wird deutlich zu sehen sein

„Bei dieser Karte gab es bei den Untersuchungen doch noch eine kleine Überraschung“, freut sich Marita Schlüter. Die 55-Jährige entdeckte, dass in der Mitte der Uhr im Jahre 1670 eine weitere Malerei auf die ursprüngliche Karte aus dem Jahre 1542 aufgetragen worden war, dem Jahr, in dem die Uhr entstanden ist.

Domkustos Dr. Udo Grote ist überzeugt, „dass die Astronomische Uhr nach ihrer Restaurierung sehr viel frischer aussehen wird“. Den Unterschied, meint der Experte, der für die Kunstwerke im Dom zuständig ist, werde man deutlich sehen. Und tatsächlich strahlt schon jetzt ein kleines Stück Weltkarte in helleren Farben. Grote spricht von einer gewaltigen Aufgabe. Und dabei haben die eigentlichen Restaurierungs- und Konservierungsarbeiten erst begonnen.

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Eine Ahnung, welche Größe das Gesamtkunstwerk im Dom hat, bekommen die Dombesucher zurzeit beim Betrachten des riesigen Fotos an dem Gerüst, das eigentlich aus vielen Puzzleteilchen besteht. „Es kommt dem Original aber sehr nahe“, freut sich Grote.

Statt echter Karte und Uhr gibt es vorerst nur Foto und Videofilm

Bis Ende April kommenden Jahres, sagt Marita Schlüter, soll die Uhr im Dom wieder klingen. Bis dahin müssen sich Besucher neben dem Bild auch mit einem Videofilm begnügen. Selbst das Tutemännchen schweigt. Zehn von insgesamt zwölf Figuren der Astronomischen Uhr liegen im Atelier von Maria Schlüter und werden dort „behutsam konserviert“. Marita Schlüter wählt Materialien aus, die nicht mehr wie bei früheren Farben vergilben. Sie legt eine Zwischenfirnis, erklärt Dr. Udo Grote, damit die Arbeit reversibel ist.

Astronomische Uhr

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  • Die Restaurierung der Astronomischen Uhr im St.-Paulus-Dom hat begonnen. Foto: Oliver Werner
  • Die Restaurierung der Astronomischen Uhr im St.-Paulus-Dom hat begonnen. Foto: Oliver Werner
  • Die Restaurierung der Astronomischen Uhr im St.-Paulus-Dom hat begonnen. Foto: Oliver Werner
  • Die Restaurierung der Astronomischen Uhr im St.-Paulus-Dom hat begonnen. Foto: Oliver Werner
  • Die Restaurierung der Astronomischen Uhr im St.-Paulus-Dom hat begonnen. Foto: Oliver Werner
  • Die Restaurierung der Astronomischen Uhr im St.-Paulus-Dom hat begonnen. Foto: Oliver Werner
  • Die Restaurierung der Astronomischen Uhr im St.-Paulus-Dom hat begonnen. Foto: Oliver Werner
  • Die Restaurierung der Astronomischen Uhr im St.-Paulus-Dom hat begonnen. Foto: Oliver Werner

„Wenn uns Experten besuchen, bin ich erstaunt, dass sie immer wieder neu von der Astronomischen Uhr begeistert sind“, sagt der Domkustos. Er schwärmt für das prächtige Werk: „Die Uhr ist was Tolles.“ Um so mehr freut er sich, dass im Vorfeld keine Überraschungen aufgetaucht sind, die sie bei den Vorbereitungen für die Restaurierung zurückgeworfen hätten. Das Uhrwerk muss nur optimiert werden, auch die astronomischen Feinheiten werden nachgearbeitet.

Auch drei Studentinnen arbeiten an der Restauration

Grote ist überzeugt, dass die Uhr im Dom zu Münster in Europa und darüber hinaus ihresgleichen sucht. Er weiß, dass manche astronomischen Berechnungen schwer zu verstehen sind und hofft, dass mit der Restaurierung der theologische Hintergrund noch mehr herausgearbeitet wird.

Während Marita Schlüter sowie die Studentinnen Juliane Lückel und Patricia Schering die Weltkarte von Schmutzpartikelchen befreien, kümmert sich Maike Füllenkemper um 24 Planetenscheiben. Jede Scheibe aus Eichenholz wird gesäubert. Die Studentin aus Köln greift zu einem kleinen Wattebausch, tränkt ihn in Alkohol und wischt vorsichtig über die Scheiben. „Wir arbeiten nicht im Akkord“, macht Marita Schlüter deutlich. Bei ihnen sei ein geschulter Blick das wichtigste. Um so mehr freut sich die Restauratorin, dass sie bis jetzt noch keine große Überraschung erlebt haben.

Technisches Meisterwerk: Die Astronomische Uhr

Ihr Erfinder soll hieß Dietrich Tzwyvel. Er baute ein technische Kunstwerk, das auch heute noch schwer zu erklären ist. Die Astronomische Uhr läuft normalerweise wie am Schnürchen. Ihre Technik ist kompliziert, dass es selbst Experten wie Domkustos Dr. Udo Grote schwer fällt, das Meisterwerk detailliert zu beschreiben.

Die Uhr besteht aus drei Teilen: Kalender, Zifferblatt und Giebel mit „Umgang“. Hinter einem Gitter hängt die Ostertafel. Die sich drehende Scheibe zeigt das Datum, den Wochentag, den Namenstag, den Tagesspruch und die Festtage an – alles wurde bis zum Jahr 2071 vorausberechnet.

Das Zeigerwerk in der Mitte der Uhr gibt den Lauf und Standort der sieben Gestirne an. Der Sonnenzeiger zeigt den Umlauf der Sonne um die Erde und gibt die Zeit mit Stunden und Minuten an. Auf der Scheibe (Rete genannt) drehen sich Tierkreis und 15 Fixsterne. Auf dem Grund des Ziffernblattes ist der Horizont von Münster rot aufgemalt. Die Landkarte darunter ist reiner Schmuck und 1670, nach dem Westfälischen Frieden, aufgemalt. Die 24 Planetentafeln rechts und links neben dem Ziffernblatt geben für jede Stunde das Gestirn an.

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Daten und Geschichte der Uhr

Die erste astronomische Uhr im münsterischen Dom wurde angeblich von einem Mönch aus dem Kloster Hude bei Oldenburg gebaut und 1534 im Bildersturm der Täuferbewegung verwüstet und zerstört. Zwischen 1540 und 1542 wird die heutige Uhr durch Dietrich Tzwyvel errichtet. Gemeinsam mit Johann von Aachen, Franziskaner und Domprediger, lieferte er die Berechnungen. Beteiligt waren aber auch der Schlosser Nikolaus Win­demaker, der das Werk von Hand schmiedete, sowie Ludger tom Ring, der unter Assistenz seiner Söhne die Malerei auf dem Gehäuse schuf.

1660 wurde die Weltkarte spiegelverkehrt, weil für astronomische Zwecke, auf den Hintergrund des Zifferblattes aufgemalt. Das hölzerne Rete wurde in barocken Formen erneuert. 1696 wurde das Uhrwerk erneuert und der Viertelstundenschlag mit Chronos (Zeitgott) und Tod hinzugefügt. 1818 wird der Scheren-Stiftgang mit vier Meter langem Pendel eingebaut. Dies führte damals durch das Knallen zu erheblicher Lärmbelästigung im Dom.

1927 schlug diese Uhr darum zum letzten Mal. Zwischen 1929 und 1932 folgte die Erneuerung der Uhr. Ernst Schultz und Erich Hüttenhain vom astronomischen Seminar der Universität lieferten die Berechnungen des Werkes unter Mitarbeit von Wilhelm Nonhoff. Turmuhrmeister Heinrich Eggeringhaus von der Turmuhrenfabrik Korfhage in Buer bei Melle baute das Werk. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Uhr ausgelagert und am 21. Dezember 1951 wieder in Gang gesetzt. Die Astronomische Uhr ist 7,80 Meter hoch und im Mittelteil 4,10 Meter breit. Das Zifferblatt hat einen Durchmesser von drei Metern, die Kalenderscheibe von 1,50 Metern. Die Planetentafeln sind 2,30 Meter hoch, das Rete wiegt 110 Kilogramm.

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