Frühaufsteher und Nachteulen
Uni-Mediziner warnt: „Kümmere dich um deinen Schlaf“

Münster -

Mit dem Schlaf ist es so eine Sache. Jeder braucht ihn, niemand kann ohne ihn – und doch hat inzwischen jeder Zehnte chronische Pro­bleme damit. Dass man sich auch um seinen Schlaf kümmern, ihn be­achten, beobachten und pflegen muss, ist immer noch nicht in der Gesellschaft angekommen. Im Gegenteil.

Dienstag, 07.11.2017, 07:50 Uhr aktualisiert: 07.11.2017, 11:37 Uhr
Volkskrankheit Schlafstörung: Jeder zehnte Deutsche leidet inzwischen an chronischen Schlafproblemen.
Volkskrankheit Schlafstörung: Jeder zehnte Deutsche leidet inzwischen an chronischen Schlafproblemen. Foto: colourbox

„Schlaf ist Müßiggang und zu nichts nutze“, sagt der Volksmund. „Falsch“, kontert Schlafmediziner Prof. Peter Young vom Uniklinikum Münster (UKM). „Kümmere dich um deinen Schlaf“, lautet sein Appell. Klingt ­banal, ist es aber nicht.

Viel schlafen, wenig schlafen, als Nachteule leben oder Frühaufsteher sein: All das ist im Menschen festgelegt – und damit in der Tendenz unveränderbar. Verantwortlich dafür sind sogenannte „Uhrengene“, erklärt Young im Vorfeld einer Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin, die ab Donnerstag in Münster stattfindet.

Expertentagung

Die diesjährige Jahres­tagung der Gesellschaft für Schlafmedizin findet vom 9. bis zum 11. September in Münster statt. Rund 1000 internationale Ex­perten nehmen teil. Auf der Tagesordnung stehen unter anderem die Themen Schlafwandeln, chronische Schlaflosigkeit, Atmungsstörungen im Schlaf und Schlaf­störungen bei neurologischen und internistischen Krankheiten. Kongresspräsidenten sind Prof. Svenja Happe, Chefärztin der Klinik Maria Frieden in Telgte, und Prof. Peter Young vom UKM.

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„Uhrengene“

Die Gene produzieren bei ­Tage „Hallo wach!“-Moleküle und in der Nacht solche, die müde machen. Der Mechanismus ist komplex und kompliziert, das Ergebnis hingegen einfach und eindeutig.

Entdeckt wurden die „clock genes“ bereits in den 1980er Jahren. In diesem Jahr wurden ihre Entdecker dafür mit dem Medizin-Nobelpreis geadelt. Neueren Datums sind aber die Schlussfolgerungen – und die sich eröffnenden Möglichkeiten: Zum Beispiel die, Medikamente zu entwickeln, die im Ge­gen­satz zu klassischen Schlafmitteln oder Wachmachern nicht „nur über ihre Wirkung definiert werden“ und auch nicht in Verdacht stehen, wirkstoffabhängig zu machen. Sondern die „wie die natürlichen Mechanismen funktionieren“ und so wach machen oder eben müde. Schichtarbeiter-Syndrom oder Jetlag könnten damit endgültig der Vergangenheit angehören.

Fünf Mythen rund ums Schlafen

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  • Um das Thema Schlaf ranken sich aber auch einige Mythen. Fünf Beispiele, aufgelistet von der Kasse DAK:

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  • Mythos 1: Acht Stunden Schlaf pro Nacht sind optimal

    Menschen brauchen unterschiedlich viel Schlaf. Normal ist alles zwischen fünf und acht Stunden. Dass man in einer Nacht durchschnittlich 28 Mal aufwacht, gilt als normal.

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  • Mythos 2: Möglichst hart und kühl schlafen

    Eine harte Matratze kann Schmerzen verursachen. Zu weiche Unterlagen unterstützen den Körper nicht genügend. Die Zimmertemperatur sollte zwischen 16 und 20 Grad liegen. Das Bett sollte nicht am Fenster, sondern an der wärmsten Wand stehen.

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  • Mythos 3: Ein Glas Wein hilft beim Einschlafen

    Wer schlecht schläft, sollte ohne Promille ins Bett gehen. Zwar schläft man nach einem Glas Wein schneller ein. Alkohol stört aber den natürlichen Verlauf von Tief- und Traumphasen, behindert die Atmung und kann zu lautem Schnarchen führen.

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  • Mythos 4: Ein schnarchender Partner lässt keine Erholung zu

    Getrennte Betten, wenn der Partner schnarcht? Das muss nicht sein. Leichtschläfer haben es zwar neben einem notorischen Schnarcher schwer. Menschen mit einem festeren Schlaf lassen sich davon jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Das fanden französische Forscher heraus. Zwar ist der Schlaf in Nächten mit Partner etwas leichter und man wacht häufiger kurz auf. Den erholsamen Tiefschlaf jedoch stört der Schnarcher nicht. 

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  • Mythos 5: Wer nachts schlecht schläft, sollte Mittagsschlaf halten

    Das Gegenteil ist der Fall: Bei Schlafstörungen sollte man sich tagsüber auspowern: früh aufstehen und erst ins Bett gehen, wenn man wirklich müde ist. Intensiver Sport allerdings regt den Kreislauf an und kann zu Einschlafproblemen führen. Abends sollte man besser einen Spaziergang einlegen.

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Einflussfaktoren

Aber: Auch das ändert nichts an der individuellen Befindlichkeit. Stress und die Verdichtung von Arbeitsprozessen, die ständige Erreichbarkeit, überbordender Medienkonsum, das Rund-um-die-Uhr-Kommunizieren auf vie­len Kanälen: Natürlich wird der Schlaf massiv durch äußere Umweltfaktoren beeinflusst, sagt der Direktor der Klinik für Schlafmedizin und neuromuskuläre Erkrankungen am UKM.

In letzter Konsequenz aber ist das Schlafbedürfnis genetisch bei jedem Menschen festgelegt und damit individuell. „Körperlichkeit“ nennt der Mediziner das. Und wie bei allem anderen Körper­lichen gilt auch hier die Devise „Kümmere dich um deinen Schlaf“, sagt Young. Das bedeutet zuerst einmal, das eigene Bedürfnis herauszufiltern – und es dann bestmöglich zu bedienen.

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