(Video-)Interview
Bischof Felix Genn über die Terrorgefahr und die Kraft der frohen Botschaft

Münster -

Das Weihnachtsfest 2017 steht im Zeichen einer unsicheren Weltlage, abstrakter Terrorgefahr und einer komplizierten Regierungsbildung in Berlin. Gerät die Welt aus den Fugen? Unser Redakteur Ralf Repöhler hat Bischof Dr. Felix Genn diese Frage gestellt und auch über den Katholikentag 2018 in Münster mit ihm gesprochen.

Freitag, 22.12.2017, 20:12 Uhr

Bischof Felix Genn ist überzeugt, dass die Kirche den Menschen nach wie vor Halt und Stabilität geben kann.
Bischof Felix Genn ist überzeugt, dass die Kirche den Menschen nach wie vor Halt und Stabilität geben kann. Foto: Oliver Werner

Herr Bischof, Polizisten mit Maschinenpistolen sichern Weihnachtsmärkte, Lastwagen verriegeln Zufahrten. Was empfinden Sie, wenn Sie durch das weihnachtliche Münster gehen?

Genn : Leider musste ich aufgrund meiner Knie-OP dieses Jahr die Weihnachtsmärkte entbehren. Mit dem Wort „entbehren“ sage ich ja schon etwas: Ich erlebe gerne die Atmosphäre auf den Weihnachtsmärkten, weil sie dieser Zeit ein besonderes Flair geben. Die Menschen suchen Gemeinschaft, eine Atmosphäre, die heimelig ist. Mitten in der Dunkelheit, in der Kälte spüren sie etwas Wärme, etwas Licht – das sind menschliche Urempfindungen, die auch mit der Botschaft des Weihnachtsfestes zu tun haben. Die Sicherheitsmaßnahmen habe ich natürlich gesehen. Das macht mir zu schaffen und ich frage mich: In welcher Gesellschaft leben wir, dass so etwas notwendig ist? Aber es ist notwendig. Gäbe es die Sicherheitsmaßnahmen nicht und es würde etwas passieren . . . – diesen Satz müssen wir nicht vollenden.

Nicht wenige Menschen haben in den Zeiten der abstrakten Terrorgefahr in Deutschland Angst. Was raten Sie de­nen?

Genn: Ich rate ihnen mit Blick auf Großveranstaltungen zu etwas, was ich auch täte und tue: einfach hingehen. Ich bin dankbar dafür, dass Polizisten uns schützen. Wenn wir zurückschrecken, bieten wir dem Terrorismus ein Forum, das ihm das Gefühl gibt: Er hat gesiegt. Und das sollten und dürfen wir nicht.

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Manche fürchten, die Welt gerät aus den Fugen. Kön

Genn: Ja, das kann ich gut nachvollziehen.

Teilen Sie diese Sorge manchmal?

Genn: Manchmal schon und das kann ich auch begründen. Am meisten denke ich an den Machthaber in Nordkorea, den ich schlicht für verrückt halte. Wenn ich sehe, wie kindlich er sich darüber freut, wenn wieder ei­ne Rakete gezündet wird. Er steht dann da, wie Kinder, die sich über einen Sieg im Sport freuen. Der Mann ist unberechenbar. Dann haben wir in Amerika einen Präsidenten, der auch unberechenbar ist. Und in Russland gibt es einen Präsidenten, der offensichtlich rein von Machtinteressen beherrscht ist. Wie soll man mit einem solchen Mann umgehen?

Welche Rolle hat die Kirche in der unsicheren Welt?

Genn: Schauen Sie auf die Rolle des Papstes, der vom Amt her und von der Art und Weise, wie er es ausführt, eine unbestrittene Autorität ist. Wer hat sich schon nach Myanmar und Bangladesch gewagt? Er reist in Konfliktzonen, trifft sich mit Politikern, die uns vielleicht nicht sympathisch sind. Das sind starke Zeichen. Gerade in den Krisen-, Kriegs- und Konfliktländern spielen auch die päpstlichen Vertretungen eine wichtige Rolle. Ich bin mir etwa sicher, dass der Nuntius in Damaskus viel Positives bewirkt hat. Grundsätzlich will die Kirche den Menschen Hoffnung und Mut machen, damit sie nicht einseitigen Parolen nachgeben, die scheinbar Sicherheit versprechen.

Kann die Kirche noch ausreichend Halt und Stabilität für die Menschen geben?

Genn: Davon bin ich natürlich überzeugt. Ich glaube, die Botschaft kann Stabilität vermitteln. Trotz eines Rückgangs bei der Teilnahme an den Gottesdiensten sind viele Menschen froh, dass es kirchliche Einrichtungen, kirchliche Schulen und kirchliches Engagement gibt. Eine neue Allensbach-Umfrage zeigt, dass viele Menschen denken, Deutschland sei vom Christentum ge­prägt – selbst wenn sie nicht am gottesdienstlichen Leben teilnehmen.

Kann angesichts der unsicheren Lage in der Welt überhaupt Weihnachtsstimmung aufkommen?

Genn: Das glaube ich schon. Wenn man sich von der Botschaft berühren lässt, geht sie dem Herzen nah. Die Weihnachtsbotschaft ist nicht abstrakt, sondern hat uns auch heute noch sehr viel zu sagen. Sie ist praktisch, geht mitten ins Leben und dazu gehören dann auch Musik, Duft und Geschmack. Menschen sehnen sich danach, die Tage zusammen zu verbringen.

Also ist der Weihnachtsfrieden keine Illusion?

Genn: Ich hoffe nicht. Ich weiß natürlich nicht, wie viel Streit es am Weihnachtsabend dann doch in Familien gibt, aber zunächst einmal ist der Weihnachtsfrieden eine Sehnsucht. Und der sollte man durchaus Raum geben.

Herr Bischof, in Berlin tun sich die Parteien schwer, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Ärgert Sie das?

Genn: Eigentlich schon. Sie haben einen klaren Auftrag vom Wähler erhalten. Und jetzt sollten sie sehen, dass sie zu Potte kommen. Blicken Sie etwa nach Frankreich: Dort wurde überraschenderweise ein Präsident gewählt, mit dem man Europa stabilisieren kann. Darauf müssen wir schauen. Die internen Probleme müssen wir doch gelöst bekommen. Ich kann dieses Gerangel um einzelne Punkte kaum verstehen. Dass jede Partei dafür sorgen will, dass ihr die Wählerschichten nicht weglaufen, halte ich für berechtigt. Aber sie sollten jetzt darauf achten, den Wählerauftrag zu erfüllen.

Was raten Sie den Herren Schulz oder Lindner?

Genn: Ich habe keine Berechtigung, Politikern einen Rat zu geben. Aber wenn sie mich persönlich fragen würden, würde ich ihnen sagen: Springen Sie über Ihren Schatten und schauen Sie nicht nur auf sich selbst, sondern auf das große Ganze, was heute in dieser Gesellschaft und in Europa vonnöten ist.

Deutschland schaut auf Münster beim Katholikentag im Mai 2018. Wie sehr freuen Sie sich auf das Großereignis?

Genn: Die Rückmeldungen aus den Pfarrgemeinden sind ein sehr positives Signal. Ich sehe, wie viele Ehrenamtliche sich engagieren. Ich glaube, dass der Katholikentag der Stadt Münster Schwung geben wird. Vielleicht wird manch einer, der sich gesträubt hat, die Veranstaltung finanziell unterstützen zu wollen, ein wenig beschämt werden.

Sie sprechen hier die Verweigerungshaltung von Teilen des münsterischen Rates beim erforderlichen städtischen Zuschuss in Höhe von 982.000 Euro an. Hat Sie das geärgert?

Genn: Schon.

Weil unwürdig?

Genn: Ich finde das unwürdig. Die Stadt hat doch die Potenz und bietet Gastfreundschaft. Münster ist so schön, dass Menschen sich freuen, wenn sie hier sind. Und dann machen manche solch ein Theater.

Können Sie mit dem Ratsbeschluss leben, dass die Stadt nun helfen will, die beschlossene Deckungslücke von 300 .000 Euro über Spenden zu akquirieren?

Genn: Na gut, ich will das Thema nicht aufwärmen. Außerdem ist das Bistum weder der Antragsteller noch der Empfänger. Ich war deshalb nie unmittelbar beteiligt, habe aber immer wieder das Gespräch gesucht.

Welche Botschaft soll vom Katholikentag ausgehen?

Genn: Die Botschaft „Suche Frieden“ sollte sich in die Herzen der Menschen eingraben. Davon wird etwas ausgehen, sodass jeder sich persönlich engagieren kann: Was heißt es für mein gesellschaftspolitisches Engagement, wie gehe ich mit Fremden um, wie gestalte ich in unserer Gesellschaft das Zusammenleben von Einheimischen und Flüchtlingen? Diese Botschaft kann nachhaltig wirken. Einschließlich des Gedankens: Wie leben wir im Frieden mit der Schöpfung.

Herr Bischof, Sie mussten sich im Herbst einer Knie-Operation unterziehen. Wie geht es Ihnen?

Genn: Mir geht es gut, aber jeder Tag ist ein neues Abenteuer. Ich habe eine gute Physiotherapie und mache täglich die geforderten Übungen. Die Weihnachtsgottesdienste werde ich halten können. Ich habe ja einen Stab in der Hand (lacht).

Was wünschen Sie den Menschen im Bistum zum Weihnachtsfest?

Genn: Ich wünsche ihnen, dass sie in ihren persönlichen Beziehungszusammenhängen ein friedvolles Weihnachtsfest erleben.

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