Buchhandel im Münsterland
Ein neuer „Harry Potter“ täte allen gut

Münsterland -

Der stationäre Buchhandel im Münsterland steckt mitten im Wandel, behauptet sich aber mit einer Fülle von kreativen Ideen. Unsere Autorin Maike Harhues hat sich auf Spurensuche begeben.

Freitag, 30.03.2018, 15:03 Uhr

Buchhandel im Münsterland: Ein neuer „Harry Potter“ täte allen gut
Echte Schätze: Peter Seiler und Andrea Scheidemann wurden 2017 mit ihrer Schatzinsel vom Bundeskultusministerium schon zum zweiten Mal in Folge als "hervorragende Buchhandlung" ausgezeichnet. Foto: Schatzinsel

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen: Der tobt zumindest im stationären inhabergeführten Buchhandel im ländlichen Bereich des Münsterlandes. "Die Bedingungen sind einfach zu unfair: Amazon spart sich die Steuern und behandelt und bezahlt seine Mitarbeiter schlecht", klagt Franz-Josef Janning in Havixbeck. Der Buchhändler hört sich vielleicht frustriert an, doch der 61-Jährige liebt seinen Beruf.

Und setzt dem Versende-Riesen seine persönliche, fachlich fundierte Beratungskompetenz entgegen: "Wie soll ein Unternehmen, dessen meistverkaufter Artikel ein HDMI-Kabel ist, eine dezidierte Buchempfehlung geben können?", fragt sich der Fan skandinavischer Krimis.

Autorenförderung

Janning ist nicht nur seit 33 Jahren Buchhändler, sondern nimmt auch seinen Kulturauftrag sehr ernst. So fördert er besonders Autoren der Region: „Bei einer Lesung von Stefan Holtkötter aus einem seiner Münsterland-Krimis haben wir ihm Dreiviertel seiner Auflage abverkauft“, schildert Janning, dessen Buchhandlung mit seinem dreiköpfigen Team oft zum Kulturort wird. Besucht hauptsächlich von der Generation 40plus.

„Die Kunden werden schon älter, einer unserer meistverkauften Titel in den vergangenen zwölf Monaten ist eine umfassende Vorsorgemappe für den Krankenhausaufenthalt“, berichtet Janning. Unter den 13.000 im Havixbecker Ladenlokal vorgehaltenen Titeln nicht gerade der, mit dem der Buchhändler die Generation WhatsApp in den Laden lockt. „Selbst zu den klassischen Anlässen Kommunion und Firmung werden kaum noch Bücher verschenkt – vor zehn bis 15 Jahren wurden wir zu solchen Anlässen praktisch überrannt“, erinnert sich Janning.

Das Phänomen "Harry Potter "

Das Phänomen „Harry Potter“ hätte sich bedauerlicherweise nicht wiederholt. Und auch die Fachbuchsortimente hätten an Relevanz eingebüßt, sagt einer, der sein Rüstzeug in der ehemaligen Regensberg-schen Buchhandlung in Münster zusammen mit 20 anderen Azubis in einem Paradies von Fachliteratur erlernt hat: „Eine bahnbrechende Operation in Japan steht eine Stunde später als Video im Netz. Früher hätte es ein Jahr gedauert, darüber das Fachbuch zu verfassen“, erläutert der Buchhändler, der bis vor einigen Jahren auch in der Fachklasse für Buchhändler an der Berufsschule in Münster unterrichtet hat, als es diese dort noch gab.

Dabei ist es nicht so, dass seine Buchhandlung von der digital-nerdigen Jugend nicht zu erreichen wäre, denn Janning betreibt sogar einen eigenen Online-Handel: „Da guckt doch keiner drauf. Amazon ist in den Köpfen zu sehr verankert.“ Und dem eBook bescheinigt Janning eher abnehmenden Erfolg, obwohl es beispielsweise für die Reise ganz praktisch sei. Aber: „Wer will denn schon 600 Seiten auf so einem Silberling lesen?“, lautet die rhetorische Frage des Fachmanns.

Persönliche Leseempfehlungen

Nein, das haptische Buch sei bei der ohnehin hauptsächlich weiblichen Kundschaft weiterhin gefragt, erst recht, wenn die Leseempfehlung von Michaela Holtkötter kommt. Die 31-Jährige ist Jannings designierte Nachfolgerin und ein echter Lesejunkie: „Sie schafft zwei, drei Bücher pro Woche und kann dann sehr qualifiziert beraten.“

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Kulturort in Havixbeck: Buchhändler Franz-Josef Janning mit Mitarbeiterin Ruth Alfert (l.) und Buchhändlerin Michaela Holtkötter fördern regionale Autoren. Foto: Stefan Treiling

Weniger die buchhändlerische Beratung, sondern das Kulturereignis selbst haben die „Skulpturen Gebrauchsanweisung“ von Autor und WN-Redakteur Gerd Heinrich Kock aus dem Aschendorff Verlag nicht nur in Havixbeck mit 150, sondern auch bei Poertgen-Herder in Münster mit 3600 verkauften Exemplaren zu einem echten regionalen Bestseller gemacht.

Bestseller werden gemacht

Ein absoluter Ausnahmefall, denn: „Unsere Bestseller werden von unseren Buchhändlern gemacht“, ist Andrea Geiger, Bereichsleiterin der Buchhandelskette Thalia, zu der seit 1996 auch die Traditionsbuchhandlung Poertgen-Herder gehört, sich sicher. „Dieses Buch hat mich berührt, es hat mich zum Weinen gebracht, es war so spannend, ich musste die ganze Nacht durchlesen – das sind Empfehlungen, nach denen unsere Kunden kaufen.“

Wenn Buchhändlerin Annett Ziegler – „Ich mag Spannung zwischen den Seiten“ – aus der Krimi-Abteilung von Poertgen-Herder ein Buch mit fünf Sternen prämiert, dann ist es ein Hit, weiß ihr Chef Paul Deppen. Und nutzt die Buchempfehlung seiner Angestellten für neue Wege zum Kunden: Omni Channel heißt unter anderem die Verknüpfung der Buchempfehlung auf die Thalia-APP des Kunden. „Schwört ein Kunde auf die Buchempfehlungen von Frau Ziegler, kann er sich jedes Mal, wenn ein neuer Tipp seiner Buchhändlerin des Vertrauens erscheint, eine Nachricht auf sein Smartphone pushen lassen, wenn er denn möchte. Und ich sage Ihnen: Frau Ziegler liest viel“, erklärt der Filialleiter.

Autoren-Lesungen

Das Unternehmen Thalia betreibt in Deutschland, Österreich und der Schweiz 290 Buchhandlungen und beschäftigt 5000 Mitarbeiter – davon allein 250 am E-Commerce-Standort und im Service-Center in der Speicherstadt in Münster-Coerde und 120 in den fünf Thalia-Filialen der Region in Münster, Rheine, Ibbenbüren und Coesfeld.

Die Popularität und Finanzstärke des Unternehmens tragen stark dazu bei, dass es leicht gelingt, große Autorennamen für Lesungen nach Münster zu locken: „Die Lesung von Martin Walker war ein Event, zum Schluss ging es sogar noch um seine persönlichen Lieblingsrezepte“, erinnert sich Deppen. Überhaupt büße die klassische Lesung stark an Popularität ein: „Food-Events rund um vegetarisches Essen, Pralinen, Gin und Bier mit entsprechender Literatur sind Erfolgsgaranten“, erläutert Deppen, dessen Haus auch Partnerbuchhandlung des Deutschen Katholikentages im Mai ist.

Kompetenz der Buchhändler

Trotz der Thalia-Unternehmensgröße setzt die Firmenphilosophie sehr auf die Kompetenz des einzelnen Buchhändlers; und das ist nicht nur von oben oktroyiert. Einer der Miteigentümer, Verleger Manuel Herder, proklamierte angesichts der Übernahme von Thalia aus den Händen von Finanzinvestor Advent International im Juli 2016, sein Unternehmen stehe „wie kaum ein anderes für den Erhalt der innerstädtischen Lesekultur, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt“.

Und dieses Konzept ist gerade in der im Kulturleben der Westfalenmetropole stark verankerten Buchhandlung, die im vergangenen Jahr ihr 125- jähriges Jubiläum feierte, an der Salzstraße zwischen den 100 000 vorgehaltenen Titeln deutlich zu spüren. „Wir bekommen nur ein ganz geringes festes Sortiment – etwa zehn Prozent der Bücher – von der Zentrale, jeder unserer Abteilungsbuchhändler bestellt seine Bücher selbst. Die, die er sehr schätzt und nach dem Vertiefen ins Leseexemplar für gut befunden hat, aber natürlich auch die, die sich gut verkaufen lassen“, erläutert Deppen.

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Bestseller werden von Buchhändlern gemacht: Poertgen-Herder-Filialleiter Paul Deppen und Andrea Geiger (Thalia-Bereichsleiterin) setzen stark auf individuelle Beratungskompetenz ihrer Abteilungsbuchhändler. Foto: Maike Harhues

Buchhändler sei eben auch ein kaufmännischer Beruf, das vergesse so mancher Träumer, dessen Bewerbung Deppen auf den Tisch bekomme und der glaube, der Beruf bestehe hauptsächlich aus Bücherlesen. Nachwuchssorgen habe er nicht, aber: „Früher hatte ich 50 Bewerbungen für eine Azubi-Stelle, heute sind es 20, immer wichtiger für den Job sei die Sozialkompetenz.“ Zudem sei zur Zeit gerade für die junge Generation der Buchhändler-Job wieder zu einem sehr spannenden Beruf geworden: „Mit ihrer Technikaffinität verknüpfen vor allem unsere jungen Mitarbeiter die Lesekultur mit Twitter und Instagram – ich selbst bin da ja eher so die Generation Facebook“, räumt Deppen ein, der Poertgen-Herder seit 25 Jahren leitet.

Welt der Literaturblogger

Ebenfalls in ihren Auszubildenen sehen die Eigentümer der Kinder- und Jugendbuchhandlung Schatzinsel, Peter Seiler und Andrea Scheidemann, die Chance, das Kulturgut Buch mit der digitalen Welt zu verknüpfen. Und die Welt der Literaturblogger steuerte den Schatzinsel-Hafen zu einen Special Event bereitwillig an. Unterstützt vom Carlsen-Verlag, der früh erkannt hat, welch große Rolle Laienrezensionen im Netz in der Generation Z, für die die digitalen Medien eben nicht nur Arbeitswelt, sondern auch Lebensraum sind, spielen – und im Verlag extra eine personelle Schnittstelle zur Bloggerwelt geschaffen hat.

Im Rahmen ihrer Ausbildung in der Schatzinsel sollte die angehende Buchhändlerin Johanna Deseniß eine Veranstaltung planen – ein Blogger-Event in den Räumen der Schatzinsel versprach Annäherung für beide Seiten. Buchhändler Peter Seiler, der seit 2003 zusammen mit Kollegin Andrea Scheidemann im sechsköpfigen Team die Schatzinsel betreibt, erklärte Buch- und Verlagswesen und ließ die Bloggerinnen – Männer waren nur als Begleitung dabei – hinter die Kulissen der Buchhandlung schauen.

Wir beobachten die Blogger-Szene sehr genau, denn mit ihren Buchbesprechungen ist sie ein wichtiger Impulsgeber für unsere Kunden.

Buchhändler Peter Seiler

Die erfolgreiche Buchbloggerin Lea Kaib, die für den Carlsen-Verlag auch schon in Frankfurt als Messebloggerin unterwegs war, erklärte, was in ihrem Job mit Erfolg belohnt wird. „Wir beobachten die Blogger-Szene sehr genau, denn mit ihren Buchbesprechungen ist sie ein wichtiger Impulsgeber für unsere Kunden“, betont Seiler. Trotzdem zieht der auch ehrenamtlich stark in der Sache Buch Engagierte seine echten Schätze nicht im digitalen Netz an Land.

„Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit den Publikationen kleiner Indie-Verlage. Und so habe ich auch mein derzeitiges Kinderlieblingsbuch über das Schneeseekleerehfeedrehzehweh von Franz Fühmann entdeckt – ich bekomme unglaublich viel Feedback von Kindern, die sich kaputtlachen, wenn die Eltern sich beim Vorlesen die Zunge verknoten bei diesem Wort mit den unzähligen E-Buchstaben“, so Seiler über ein Kleinod kinderliterarischer Sprachkultur.

"Hervorragende Buchhandlung"

Die Förderung kleiner unabhängiger Verlage ist nicht nur eine Herzensangelegenheit der beiden Schatzinsel-Inhaber, sondern Teil des besonderen Konzeptes, für das das kleine Haus im Herzen Münsters schon zum zweiten Mal in Folge als „hervorragende Buchhandlung“ ausgezeichnet wurde und den Deutschen Buchhandlungspreis des Kultusministeriums erhielt. Das Preisgeld verschafft den Buchhändlern ein wenig Luft für ihr ambitioniertes Lesungs- und Kulturprogramm, auch mit prominenten Autoren.

Die Kontakte zu den Verlagen zur Terminierung solcher Lesungen knüpften und intensivierten die Buchhändler aus Münster auch in diesem Jahr wieder auf der Leipziger Buchmesse. „Für die Lesung mit Andreas Steinhöfel aus ,Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch‘ haben wir mit dem Schloßtheater kooperiert“, berichtet Seidel.

Weiteres Engagement fließt in die Leseförderung. „Es ist schon sehr berührend, wenn wir zum Welttag des Buches viele Schulklassen durch unsere Räume führen und merken, dass einige Kinder hier zum ersten Mal mit ,Ich schenk Dir eine Geschichte‘ ein eigenes Buch bekommen“, erzählt Seidel, der seit einigen Jahren als Jurymitglied den münsterischen Vorlesewettbewerb mitprägt.

Shoppingtrip in der Schatzinsel

Doch wirtschaftlich profitiert die Schatzinsel hauptsächlich vom Bildungsbürgertum, das samstags als ganze Familie während des Shoppingtrips ganz in Ruhe Zeit in der Buchhandlung verbringt und für jedes Familienmitglied ein Buch ersteht – eine ausgesuchte Belletristikabteilung für die Erwachsenen ist nämlich das Steckenpferd von Andrea Scheidemann. Und dieses aufgeklärte Kundenklientel kommt nicht nur in die Buchhandlung, weil es die freundliche Beratung schätzt, sondern weil es ausdrücklich den stationären Buchhandel und die Innenstädte stärken will. „Diese Kundenintention beim Bücherkauf hören wir natürlich auch oft und immer wieder gern“, pflichtet Paul Deppen von Poertgen-Herder bei. „Aber ich glaube, die anderen Kunden, die zu Amazon abgewandert sind, von denen hören und sehen wir eben einfach gar nichts mehr.“

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