25 Jahre Krebsberatungsstelle im Tumornetzwerk Münsterland
„Viele fangen dann an zu erzählen“

Münster -

Gebärmutterhalskrebs: Als Lydia Schleuter ihre Diagnose erhielt, fiel sie zuerst aus allen Wolken und dann in ein sehr tiefes, sehr schwarzes Loch. Es folgten Operationen, Chemotherapie, Bestrahlungen und Komplikationen. Am Ende, sagt die 51-Jährige rückblickend, sei da nur noch „viel Hilflosigkeit und totale Überforderung gewesen“. Knapp acht Jahre ist das jetzt her.

Samstag, 19.05.2018, 17:05 Uhr

Gudrun Bruns (l.) lernte Lydia Schleuter und ihren Partner Hauke Roy 2010 kennen. Damals war Schleuter an Krebs erkrankt.
Gudrun Bruns (l.) lernte Lydia Schleuter und ihren Partner Hauke Roy 2010 kennen. Damals war Schleuter an Krebs erkrankt. Foto: Wilfried Gerharz

So wie ihr geht es vielen Betroffenen. Von einer Freundin erfuhr die Berufskolleg-Lehrerin damals von einer besonderen Krebsberatungsstelle in Münster. Gemeinsam mit ih­rem Partner Hauke Roy fasste sie sich ein Herz und ging hin.

Am Dienstag dieser Woche, der Besprechungsraum im münsterischen Gesundheitshaus. Hier hat auch die Krebsberatung ihre Räume. Am Tisch: deren Leiterin Gudrun Bruns , Lydia Schleu­ter und Hauke Roy. Der erste Eindruck: Die drei verstehen sich prächtig. Da sind Menschen zusammen gewachsen durch eine Krankheit als gemeinsame Erfahrung.

"Nach der Behandlung war da viel Hilflosigkeit und totale Überforderung."

Lydia Schleuter

Am 1. Januar 1993 rief das Tumornetzwerk Münsterland e. V. die Krebsberatungsstelle ins Leben. 25 Jahre ist das jetzt her. Ihr Auftrag: In der psychosozialen Krebsnachsorge eine Versorgungslücke zu schließen. Das klingt klinisch, meint aber ganz praktisch: Lebensqualität von Krebskranken und deren Angehörigen sicherzustellen. Von Menschen wie Lydia Schleuter, die noch immer vorsichtig, fast zurückhaltend von ihrer Erkrankung erzählt und viel Wärme in ihre Stimme legt, wenn sie von Bruns spricht.

Immer mehr Menschen suchen den Kontakt

Lebensqualität sicherstellen, das sagt sich so federleicht. Schleuter litt an der Krankheit und unter den Folgen. Hinzu kam: Nach der Behandlung war bei ihr ein Lymphödem aufgetreten, „das immer schlimmer wurde“, erzählt sie. „Da geht es dir körperlich und seelisch nicht gut und dann kommt da noch das Bürokratische obendrauf: Anträge der Krankenkasse, Briefe der Reha-Kliniken, Formulare der Rentenversicherung.“ In der Beratung haben sie anfangs viel geweint. „Ich habe auch darunter gelitten, nun vieles nicht mehr zu können.“

Zum Thema

Die Krebsberatungsstelle richtet sich an krebskranke Menschen und deren Angehörige, die nach der Entlassung aus dem Krankenhaus Fragen haben oder sich belastet fühlen und informiert, unterstützt oder begleitet werden möchten. In der psychoonkologischen Beratung werden Hilfen zur Verarbeitung der Erkrankung und den damit verbundenen Veränderungen gegeben. Darüber hinaus beinhalten die Beratungen Informationen zu sozialrechtlichen Themen wie Schwerbehinderung, Rehabilitation und Wiedereingliederung.  

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Gudrun Bruns hat die ganze Zeit zugehört. Ihr Blick ist auf Schleuter gerichtet, sie wartet, sie beobachtet, sie lächelt. Oftmals, sagt sie nun, kämen die Patienten zunächst, weil sie praktische Fragen hätten. Da geht es um An träge, um Formulare, um Fristen. „Wir fragen dann immer auch: ,Wie geht es Ihnen?‘“, sagt Bruns. „Viele fangen dann an zu erzählen.“

Praktisch helfen, klar, aber eben auch zuhören, da und zugewandt sein, Verständnis haben, Mitgefühl zeigen, darum geht es auch. „Ich habe mich hier einfach aufgehoben gefühlt“, sagt Schleuter. Fünf Jahre kam die 51-Jährige regelmäßig ins Gesundheitshaus.

243 Krebskranke suchten im ersten Jahr nach der Gründung den Kontakt. 2017 waren es 3477. Tendenz: weiter steigend. Inzwischen bietet die Krebsberatungsstelle sich und ihre Dienste an 13 Orten im Münsterland ambulant an. „Wir könnten noch mehr Beraterinnen einstellen, der Bedarf ist da“, sagt die Leiterin.

Allein die Finanzen lassen das nicht zu. Mehr als einmal stand die Beratungsstelle in den 25 Jahren ihres Bestehens finanziell am Abgrund.

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