Open-Air-Spektakel
Shakespeares „Der Sturm“: Vom Planschen bis zur Poesie

Münster -

Spektakel am Hafen: Mit dem Open-Air-Stück „Der Sturm“ bietet das Wolfgang Borchert Theater Münster seinen Zuschauern zwei Stunden lang ein effektvolles Drama - auf und im Wasser. Was einen bei diesem außergewöhnlichen Theaterstück erwartet:

Sonntag, 17.06.2018, 14:00 Uhr

Florian Bender landet im Hafenbecken – und das mehrmals.
Florian Bender landet im Hafenbecken – und das mehrmals. Foto: Wilfried Gerharz

„Die Zeit von jetzt bis zehn bedürfen wir zum kostbaren Gebrauch“, sagt Inselherrin Prospera – und verspricht nicht zu viel. Denn kostbaren Gebrauch macht das Wolfgang-Borchert-Theater tatsächlich von den knapp zwei Stunden, auf die Intendant und Regisseur Meinhard Zanger Shakespeares Sturm gestrafft hat. Eine gute Länge, um das Drama mit schönem Effekt auf die schwimmende Bühne zu zaubern, die Darko Petrovic in Münsters Hafenbecken errichtet hat – ein stilisiertes Eiland mit Sand, Gestrüpp und einem Brückenüberwölbten Wasserlauf, in dem zu Beginn Prosperas Tochter Miranda schwimmt.

Prospera? Ja, Zanger hat den Helden Prospero sowie die beiden Inselwesen Ariel und Caliban weiblich besetzt. Was nicht nur praktisch ist, um ein männlich dominiertes Stück mit ganzer Ensemble-Vielfalt zu spielen, sondern gerade im Fall Prosperas bestens funktioniert: Als Mutter, die sich um das unerfahrene Töchterchen Miranda sorgt, ist die Figur ebenso stimmig wie als ausgebootete Herrscherin, die von ihrem Bruder Antonio entmachtet und ins Insel-Exil geschickt wurde, wo sie nun mit Zauberkraft zur Rache schreitet. Und Monika Hess-Zanger strahlt als Gebieterin mit Zauberstab ebenso viel Dominanz aus, wie sie nach erfolgreicher Tat an Milde verströmt.

„Sturm“-Spektakel in Münsters Hafen

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  • Ein Theater-Spektakel erwartet die Besucher im Sommer in Münster.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Das Hafenbecken ist Schauplatz für ein Open-Air-Spektakel der besonderen Art.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Auf einer Bühne im Wasser wird Shakespeares „Der Sturm“ gegeben.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Wie diese Bilder von einer Probe zeigen, findet das Geschehen auch abseits der Bühne statt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Das Stück dauert knapp zwei Stunden.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Bühne ist eine stilisierte Insel mit Sand, Gestrüpp und einem Wasserlauf,...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...der in die Inszenierung einbezogen wird.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Mit dem Hafen-Stück setzt Intendant und Regisseur Meinhard Zanger die Tradition der großen Open-Air-Produktion im Gasometer 2012 („Sommernachtstraum“) fort.

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  • Zanger zeigt, dass er sich auf Shakespeare als volksnahen, aber nicht -tümlichen Dramatiker versteht.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Da knallt und blitzt es beizeiten durchaus effektvoll!

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Regisseur, Ausstatter und Lichtdesigner schaffen zusammen eindrucksvolle Bilder.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Dem Ensemble ist die Spielfreude anzusehen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Das Stück, das am 16. Juni eine (verregnete) Premiere feierte, wird noch bis zum 15. Juli täglich außer montags aufgeführt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Weitere Aufführungen folgen vom 21. August bis zum 16. September – wieder jeweils täglich außer montags.

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  • Viele Vorstellungen sind schon ausverkauft.

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  • Tickets auf der Zuschauertribüne auf der Hafen-Südseite gibt es in drei Preiskategorien (28, 35 und 42 Euro).

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Das psychologische Por­trät der Figuren ist indes nicht der Hauptaspekt dieser Aufführung – sondern der Reiz einer großen Open-Air-Produktion in der Tradition des Gasometer-„Sommernachtstraums“. Und wie sechs Jahre zuvor zeigt Meinhard Zanger, dass er sich auf Shakespeare als volksnahen, aber nicht -tümlichen Dramatiker versteht. Da knallen und blitzen die Zaubereffekte (Markus Hermesath), da geht das Ensemble munter planschen, und Luftgeist Ariel trägt zwar Flügel, kommt aber auf dem Jetski übers Wasser – was der Schauspielerin Jannike Schubert ebenso viel Vergnügen bereitet, wie einen burschikosen, aber doch auch anhänglichen Diener seiner Herrin zu spielen. Ariels und Prosperas stille Abschiedsszene zeigt übrigens auch, wie angemessen es dieser Produktion ist, stark auf Effekte und Komik zu setzen: Die Kneipengeräusche vom jenseitigen Hafenufer machen sich nur hier etwas störend bemerkbar und sind ansonsten eine muntere Begleitmusik.

„Sturm“-Publikum im Regen

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  • Das Regencape wurde bei der „Sturm“-Premiere am Samstagaben zum wichtigsten Utensil für die Zuschauer.

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  • Vorausschauend hatte das Wolfgang-Borchert-Theater für die Shakespeare-Aufführung an Münsters Stadthafen Regencapes zu den Programmheften mit ausgegeben.

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  • Anhaltender regen flutete die Open-Air-Bühne auf dem Hafenbecken genau so wie die Zuschauertribünen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Das Einsteigen in die dünnen Schutzhüllen erwies sich allerdings als gar nicht so leicht.

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  • Dabei müsste das Publikum in Münster doch regenerprobt sein.

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  • Die meisten nahmen den Regenguss jedenfalls mit Humor.

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  • Von dem Wetter wurde die gute Stimmung bei...

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  • ...der Premiere des Shakespeare-Stücks jedenfalls nicht verdorben.

    Foto: Wilfried Gerharz

Regisseur und Ausstatter schaffen gemeinsam mit Lichtdesigner Andrej Kozlov berückende Bilder, die ebenso wie Manfred Sasses Songs auch mal den Kitsch streifen dürfen. Im Gegenzug sind vor allem Florian Bender als Kellermeister und Markus J. Bachmann als Hofnarr Garanten für Humor. Dass Bender gleich zweimal in voller Montur ein Bad nehmen muss, zeigt, wie deftig es hier zugehen darf. Und dann wieder erzeugt Zangers Fantasie die herrlichsten Wirkungen: So wird der Hofnarr von einem „Inselmonster mit vier Beinen“ geäfft, und die Dialoge der schiffbrüchigen Gesellschaft um König Alonso (Jürgen Lorenzen) sind ähnlich geschliffen wie der Degen, mit dem Prosperas Bruder Antonio Übles anfangen will – Bernd Reheuser spielt die hier recht kleine Rolle mit Intriganten-Wonne.

Die aktuellen Einsprengsel im Text (Frauenquote, Klimawandel) sind erheiternd, das Ensemble bietet pure Spielfreude – und wenn punktgenau ein kurzes Feuerwerk den Hafenhimmel durchleuchtet und Pros­pera ihr geheimnisvoll schimmerndes Buch aufschlägt, mündet Effekt in szenische Poesie.

Zum Thema

20. Juni bis 15. Juli, 21. August bis 16. September täglich außer montags. Viele Vorstellungen sind schon ausverkauft. wolfgang-borchert- theater.de/karten.html

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