Interview mit Dezernentin Wilkens
„Mit unseren Unterkünften bieten wir weit bessere Standards als viele andere“

Münster -

Der von der Stadt veranlasste Umzug einer siebenköpfigen Flüchtlingsfamilie von einem Reihenhaus in eine Gemeinschaftsunterkunft hat viele Diskussionen ausgelöst. Im Interview mit unserer Zeitung äußert sich nun Sozialdezernentin Cornelia Wilkens zu diesem Schritt.

Sonntag, 15.07.2018, 12:20 Uhr

Zum Thema Umzug von Flüchtlingen äußert sich Sozialdezernentin Cornelia Wilkens im Interview mit unserer Zeitung.
Zum Thema Umzug von Flüchtlingen äußert sich Sozialdezernentin Cornelia Wilkens im Interview mit unserer Zeitung. Foto: Oliver Werner

Auf Veranlassung der Stadt muss die aus Syrien stammende kurdische Familie Murad in der kommenden Woche von einem Reihenhaus am Hohen Heckenweg in eine Gemeinschaftsunterkunft an der Schaumburgstraße umziehen. Die Eltern und ihre fünf Kinder müssen sich dort voraussichtlich drei Zimmer untereinander teilen – und Küche und Bad mit anderen Flüchtlingen. Ist das zumutbar – oder behindert ein solcher behördlich angeordneter Umzug die Integration? Nachdem wir über den geplanten Umzug berichtet hatten, erreichen uns viele Leserbriefe, auch auf Facebook wurde intensiv diskutiert. Sozialdezernentin Cornelia Wilkens hat auf Fragen unseres Redakteurs Martin Kalitschke geantwortet.

Das Schicksal der Familie Murad hat viele unserer Leser bewegt. Wie stehen Sie persönlich zu dem Umzug?

Wilkens: Vorab: Bei beiden Unterkünften handelt es sich um Flüchtlingseinrichtungen der Stadt. Schon in den Jahren 2000/2001 gelang es in einem fraktionsübergreifenden Konsens, bundesweit beachtete Standards zur Unterbringung geflüchteter Menschen in Münster zu vereinbaren. Die wesentlichen Eckpunkte wurden mit dem neuen Handlungskonzept „Geflüchtete Menschen in Münster“ Anfang 2017 bekräftigt. Hierzu zählen, dass für jede Person zwölf Qua­dratmeter Wohnraum zur Verfügung stehen, in den Unterkünften nicht mehr als 50 Menschen leben und eine enge sozialarbeiterische Betreuung gewährleistet wird. Trotz baulicher Unterschiede wird genau das in der jetzigen und künftigen Unterbringung der Familie gewährleistet. Für unser münsterisches Modell erfahren wir noch immer weit über Münster hinaus Anerkennung. Natürlich werden Umzüge gerade von großen Familien als belastend empfunden. Im Falle der Häuser am Hohen Heckenweg muss ein Umzug der jetzigen Bewohner jedoch nach und nach erfolgen, da der Mietvertrag mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) ausläuft und die Häuser an diese zurückgegeben werden müssen.

Die Familie hat fünf Kinder, darunter vier Mädchen. Ist es zumutbar, diese Personen in voraussichtlich drei Zimmern unterzubringen?

Wilkens: Uns ist wichtig, dass der Familie ausreichende Flächen zum Wohnen und die notwendigen Einrichtungen im Koch- oder Sanitärbereich zur Verfügung stehen. Das gilt für alle Häuser, die wir betreuen. Darüber hinaus haben unsere Einrichtungen Gemeinschaftsräume auch für kinderpädagogische Angebote. Mit unseren Unterkünften bieten wir damit weit bessere Standards, als viele andere Kommunen das können.

Eine schlechtere Unterkunft erhöht den Druck auf die Betroffenen, eine bessere zu suchen, hieß es aus dem Sozialamt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Wilkens: Die Aussage erscheint mir aus dem Zusammenhang gerissen zu sein. Die Unterbringung von Geflüchteten in städtischen Unterkünften ist nur für eine Übergangszeit vorgesehen. Ziel ist es immer, dass die Menschen dauerhaft in Wohnungen des privaten Wohnungsmarktes umziehen.

Wie werden Flüchtlinge, die eine Wohnung auf dem freien Markt suchen, von der Stadt unterstützt?

Wilkens: Als Stadt unterstützen wir die Geflüchteten durch die Kollegen und Kolleginnen des Sozialdienstes für Flüchtlinge intensiv. Die Flüchtlinge erhalten Informationen darüber, wo Wohnungsangebote zu finden sind, was ein Wohnberechtigungsschein ist und so weiter. Der Sozialdienst arbeitet dabei eng mit den beteiligten Akteuren, wie zum Beispiel dem Amt für Wohnungswesen und Quartiersentwicklung, Wohnungsbaugesellschaften, aber auch privaten Vermietern zusammen. Allein 2016 und 2017 sind über 1600 Menschen in eine private Wohnung umgezogen.

Es ist sicherlich nicht einfach für Flüchtlinge, eine solche Wohnung zu finden. Was berichten Ihre Mitarbeiter?

Wilkens: Wenngleich der Wohnungsmarkt in Münster angespannt ist und die Vermittlung manchmal langwierig sein kann, bleibt es das Ziel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, einen Umzug der Geflüchteten in eine eigene Wohnung zu erreichen. Für viele Vermietende ist der persönliche Kontakt zu den Menschen wichtig, die geflüchtete Menschen begleiten. Daher gewinnt in diesem Bereich neben dem Sozialdienst das Engagement von Ehrenamtlichen zunehmend an Bedeutung. Ehrenamtlich Engagierte können häufig eigene Kontakte nutzen und die Flüchtlinge bei der Vermittlung von Angeboten begleiten. Wir sind allen Nachbarn, ehrenamtlichen Initiativen, aber auch den freien Trägern dankbar, die sich für die Betreuung der Menschen sehr engagieren.

Wie viele Flüchtlinge leben aktuell in städtischen Einrichtungen?

Wilkens: Zurzeit sind es gut 2000 Menschen. In der Spitze lebten Anfang 2016 bis zu 4200 Personen in unseren Flüchtlingsunterkünften. Etwa ab Februar 2016 bestand dann für Münster zunächst praktisch ein Zuweisungsstopp. Die Zuweisungen sind von circa 3000 im Jahr 2015 auf weniger als 600 im Jahr 2016 gesunken. Im laufenden Jahr sind bisher etwa 250 Zuweisungen erfolgt.

Wie viele Umzüge aus komfortableren Unterkünften in weniger komfortable hat es in der letzten Zeit gegeben?

Wilkens: Weil in den vergangenen Monaten weniger Menschen zu uns gekommen sind und viele der Geflüchteten in eine eigene Wohnung umgezogen sind, war es erforderlich, im Rahmen eines Freizugsmanagements die bestehenden Platzkapazitäten deutlich zu reduzieren. Bis Ende 2017 wurden allein knapp 3000 Plätze abgebaut, in diesem Jahr werden noch etwa 400 Plätze wegfallen. Hiervon sind zunächst befristet verfügbare Übergangslösungen betroffen, zum Beispiel wegen endender Mietverträge. In diesem Prozess sind in den letzten eineinhalb Jahren circa 1800 Menschen zwischen städtischen Flüchtlingseinrichtungen umgezogen. Verständlicherweise schauen viele sorgenvoll auf den Umzug, da sie subjektiv nicht genau wissen, was sie erwarten wird. Unsere Erfahrung zeigt aber, dass sich die Menschen in aller Regel gut mit der neuen Situation arrangieren können.

Wie reagieren die Betroffenen auf angeordnete Umzüge?

Wilkens: Natürlich unterschiedlich. Die Umzüge werden durch unsere sogenannte städtische Erstaufnahmeeinrichtung sehr professionell vorbereitet und begleitet. Entscheidend für die Wahl des neuen Unterbringungsortes sind zum Beispiel die Anbindung der Kinder und Jugendlichen an Schulen oder die Kita. Bevor es zu einem Umzug kommt, sprechen wir viel mit den geflüchteten Menschen und bereiten sie auf die anstehenden Veränderungen vor. Unser Augenmerk gilt aber auch einer gelungenen Aufnahme am neuen Standort, die wir mit unserer guten sozialen Betreuung in den Einrichtungen anbieten können. Wie gut dies gelingt, mag die sehr große Zahl der Umzüge zeigen, die weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit organisiert wurden.

Können sich Flüchtlinge eigentlich gegen einen solchen Umzug wehren?

Wilkens: Unsere Flüchtlingseinrichtungen sind Übergangseinrichtungen. Die bei uns lebenden Menschen haben daher keine Mietverträge, sie werden öffentlich-rechtlich untergebracht. Sie haben aber die Möglichkeit, die üblichen Rechtsmittel zum Beispiel der Anhörung zu nutzen. Wir unterstützen die Menschen aktiv dabei, die behördlichen Briefe zu verstehen. Die Betroffenen haben über die Sozialarbeiter in den Einrichtungen die Möglichkeit, sich die Inhalte erläutern zu lassen, bei Bedarf auch mit Sprachmittlern.

Hat es auch Fälle gegeben, in denen man aus Rücksicht, zum Beispiel auf Familien mit kleinen Kindern, auf einen solchen Schritt verzichtete?

Wilkens: In der Regel müssen wir Unterkünfte aufgeben, wenn die Mietverhältnisse enden. Daher sind Umzüge unvermeidlich. Noch einmal: Die Lösungen in jedem Einzelfall führen selbst in schwierigen Fällen oft zu einer Akzeptanz für die Maßnahmen, gerade auch weil wir zum Beispiel Fachleute der Jugend- und Schulverwaltung hinzuziehen.

Wird es beim Umzug der Familie Murad bleiben?

Wilkens: Das Haus, das die Familie bewohnt, wird an die Bima zurückgegeben. Sie kann also nicht dort bleiben. Ich gehe davon aus, dass die Immobilie von der Bundesanstalt auf den Wohnungsmarkt gebracht wird.

Gesetzt den Fall, Familie Murad findet keine neue Bleibe – kann es sein, dass sie womöglich Jahre an der Schaumburgstraße wohnen wird?

Wilkens: Wir wissen, dass die Suche und Vermittlung privater Wohnungen schwierig und langwierig ist, haben aber unterschiedliche Unterstützungssysteme, die bei diesen Prozessen helfen. Einiges habe ich ja dargestellt. Bei allein 1600 Auszügen mit zum Teil großen Familien in privaten Wohnraum in den letzten beiden Jahren bin ich auch für diese Familie optimistisch.

Erschwert das Umfeld in einer Gemeinschaftseinrichtung die Integration?

Wilkens: Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine Unterkunft wie die Schaumburgstraße sehr gut gelegen ist. Sie erfüllt nicht nur ganz wesentliche Kriterien des münsterischen Unterbringungs- und Integrationskonzeptes. Sie ist auch sehr zen­tral, die ausgezeichnete Infrastruktur ist fußläufig zu erreichen. Darüber hinaus aber unterstützen wir die Familie natürlich auch dabei, eine Wohnung auf dem Wohnungsmarkt zu finden.

Ein Ausblick: Werden weitere Flüchtlingen in nächster Zeit umziehen müssen? Von welchen Standorten wohin?

Wilkens: Wenn sich die dargestellten Entwicklungen so fortsetzen, wird es weiterhin erforderlich sein, weniger Gebäude für die Flüchtlingsunterbringung zu nutzen. Dies machen wir nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch, um möglichst Wohnraum für den Wohnungsmarkt in Münster freizustellen. Generell ist davon auszugehen, dass die Menschen, die derzeit noch in zeitlich befristeten Lösungen leben, in dauerhafte Flüchtlingseinrichtungen ziehen werden.

Was müsste passieren, um dabei Härtefälle zu vermeiden?

Wilkens: Durch unsere professionelle und zugewandte soziale Betreuung in den Einrichtungen und die gute Aufnahme in den jeweiligen Unterkünften durch die Bewohner selbst, aber auch und vor allem durch die Nachbarschaft, gelingt es uns, Härtefälle zu vermeiden.

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5907112?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F87%2F3862662%2F
Spielverbot auf Schulhöfen an Sonntagen: sinnvoll oder unverhältnismäßig?
Pro und Contra : Spielverbot auf Schulhöfen an Sonntagen: sinnvoll oder unverhältnismäßig?
Nachrichten-Ticker