Susanne Wüstneck will Kontrapunkt setzen
Dreh in Flüchtlingsunterkunft: Kein Heimatfilm

Billerbeck -

Das „Déjà-vu“ meldet sich manchmal erst später. Gerne mit dem Hinweis, dass das womit wir uns beschäftigen, in Zusammenhang mit unserem Leben steht. Susanna Wüstneck kann das bestätigten. Als ihr „Keinheimatfilm“ fertig war, tauchte die Erinnerung auf, dass „ich selber ­einige Tage in einer Notunterkunft verbracht habe“.

Dienstag, 18.09.2018, 10:27 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 18.09.2018, 10:25 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 18.09.2018, 10:27 Uhr
Auf dem Monitor läuft eine Szene ihres Filmes: Susanna Wüstneck hat in einer Flüchtlingsunterkunft in Nottuln gedreht. „Keinheimatfilm“ heißt der Streifen, der das Leben in einer solchen Einrichtung dokumentiert.
Auf dem Monitor läuft eine Szene ihres Filmes: Susanna Wüstneck hat in einer Flüchtlingsunterkunft in Nottuln gedreht. „Keinheimatfilm“ heißt der Streifen, der das Leben in einer solchen Einrichtung dokumentiert. Foto: Gunnar A. Pier

Das liegt ziemlich genau 50 Jahre zurück. 1968 verbrachte die Ostberlinerin mit ihren Eltern und ihrer Schwester einen Sommerurlaub in Ungarn. Die Heim reise endete allerdings an der tschechischen Grenze. Der Grund: In Prag waren am 21. August 1968 Truppen des Warschauer Paktes einmarschiert, um dem Bestre ben des Prager Frühlings, „einen Sozialismus mit mensch­lichem Antlitz zu schaffen“, so Susanna Wüst­­n­eck, ein Ende zu setzen.

Eine Woche in Notquartier

Eine Woche wurde die ­Familie damals in einer Schule festgehalten, einem Notquartier mit langen Doppelstockbetten. „Ich war vier Jahre alt. Habe gespürt, dass da irgendetwas komisch ist. Bedrohlich war es nicht. Ich hatte keine Angst. Meine Eltern waren ja in der Nähe.“

Der erste Film, den sie drehte, war ein Geburtstagsvideo für ihren Mann. Die Technik und ihre Möglich keiten faszinierten sie schnell.

Als Freundin der Welt­musik dokumentierte sie danach Volksweisen. 2012 hielt sie die Auseinandersetzung mit ihrer Krebserkrankung bereits mit einer Profi­kamera fest. Vor drei Jahren stellte sie sich in der Filmwerkstatt Münster erfolgreich der „Masterschool Dokumentarfilm“. Mittlerweile zählt ihr Portfolio sieben Filme. Ihren Wohnsitz Berlin tauschte die Filmemacherin und Musikerin vor sieben Jahren gegen die Baumberge ein. Heute lebt und arbeitet sie in der Nähe vom Westerberg, dem höchsten Punkt im Münsterland.

Es war die Liebe, die sie herzog. Wie auch die Liebe zur Musik und überhaupt zu allem Kreativen, die sie ­gleichermaßen mit ihrem Partner Günther Leifeld-Strikkeling teilt. Drei Jahre führten die zwei eine Fern­beziehung: Billerbeck-Berlin. Mitfahrgelegenheiten, die sie anboten, lieferten spannende Begegnungen, sodass sie viele Fahrten mit der Kamera dokumentierten. Daraus entstand 2015 der Film ­„Mitfahrgelegenheit“.

75 Minuten-Film feiert Premiere

In wenigen Tagen feiert der „Keinheimatfilm“ seine Premiere. In 75 Minuten erzählt er vom Leben in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Dafür begleitete Wüstneck Menschen, die vom Sommer 2015 bis Juni 2016 in der Geschwister-Scholl Hauptschule in Nottuln lebten und arbeiten mit ihrer Kamera. In dieser Zeit gab es viele Begegnungen. Zwischen den Geflüchteten, zwischen ihnen und den DRK-Mitarbeitern und zwischen ihnen und dem ­Security-Personal.

Das „Direct Cinema“ ist die Methode, die sie für diesen Dokumentarfilm anwendete. Dabei sind allein die teilnehmenden Protagonisten diejenigen, die das Geschehen gestalten, die Geschichte erzählen. Erstaunlich ist dabei, wie die Bewohner sie – die sich ihnen in respekt­voller Distanz annäherte – mitgenommen haben in ihr Leben, sie haben Einblick nehmen lassen in ihr Schicksal, ihren Schmerz. „Wenn alle Menschen, Erfahrungen aus solchen persönlichen Begegnungen machen könnten, würden sie anschließend differenzierter denken und reden“, betont Wüstneck.

Nicht zuletzt möchte sie mit ihrem „Keinheimatfilm“ einen Kontrapunkt setzen gegen „die vielen negativen Nachrichten, die uns zum Thema Geflüchtete tagtäglich überrollen.“

"Keinheimatfilm"

Der „Keinheimatfilm“  ist im Rahmen der ­„Tage des Provinzfilms 2018“ zu sehen, die der Filmservice Münsterland zusammen mit der „Linse“ durchführt. Gezeigt wird er am Samstag, 22. September um 17.45 Uhr im Cinema in Münster. Kommentarlos zeigt der Film Augen­blicke im Leben der Menschen, deren die Schwierigkeiten und Glücksmomente, ihre Heimatverbundenheit, Ängste, Verzweiflung und Akzeptanz des Schicksals, aber auch ihre Ungeduld und Dankbarkeit.

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