„Wir brauchen einen Kulturwandel“
Der neue Generalvikar zur Zukunft der Kirche im Bistum

Münster -

Am 1. Oktober wird Dr. Klaus Winterkamp neuer Generalvikar im Bistum Münster. Der 52-Jährige übernimmt das Amt in turbulenten Zeiten. Der Missbrauchsskandal hat zu ei­nem tiefgreifenden Vertrauensverlust geführt, zudem steht die Kirche vor massiven Umbrüchen. „Wir müssen in vielen Bereichen ­lebensnäher werden“, sagt Winterkamp im Gespräch mit unseren Redaktions­mitgliedern Johannes Loy und Elmar Ries.

Dienstag, 02.10.2018, 11:19 Uhr
Veröffentlicht: Montag, 01.10.2018, 19:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 02.10.2018, 11:19 Uhr
Seit dem 1. Oktober ist Dr. Klaus Winterkamp (52) als Nachfolger für Dr. Norbert Köster als Generalvikar und damit Stellvertreter des Bischofs im Amt
Seit dem 1. Oktober ist Dr. Klaus Winterkamp (52) als Nachfolger für Dr. Norbert Köster als Generalvikar und damit Stellvertreter des Bischofs im Amt Foto: Jürgen Christ

Herr Dr. Winterkamp . nach Ihrer Ernennung zum Generalvikar haben Sie gesagt, Ihre Freude darüber sei noch etwas verhalten. Hat sich das in­zwischen geändert?

Winterkamp: Der Appetit kommt beim Essen. Als ­Generalvikar hat man ein Amt, in dem man sehr viel gestalten kann, das tue ich sicherlich gerne. Das ist vielleicht so ähnlich wie im Amt des Pfarrers. Das war ich auch sehr gerne, weil man auch dort prägend und gestaltend tätig sein darf.

„Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsunterscheidung“, so heißt das Leitwort der Synode im Oktober. Wie kann die Kirche den Beruf das Priesters wieder attraktiv machen?

Winterkamp: Tatsache ist doch, kirchliche Berufe, ob Pastoralreferent, ob Pfarrer, sind zurzeit nicht attraktiv. Hinzu kommt aktuell ein enormer Ansehensverlust der Kirche durch die vielen Fälle der sexuellen Gewalt. Es gibt also hausgemachte Probleme, es gibt aber auch eine gesellschaftliche Entwicklung, ge­gen die wir so ohne Weiteres nicht an­kommen. In einer pluralis­tischen Gesellschaft ist eine Or­ganisation wie die Kirche, die immer für die Einheit stand, nicht attraktiv. Außerdem: Heute kommen viele Jugendliche mit Glauben und Kirche kaum noch in Berührung.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus dieser Erkenntnis?

Winterkamp: Es gibt keine Patentrezepte. Wir brauchen einen Kulturwandel. Wir müssen über neue ­Modelle der Leitung innerhalb der Pfarreien nach­denken, die nicht auto­matisch dazu führen, dass immer der Pfarrer alle Leitungsaufgaben und Verwaltungsarbeiten übernehmen muss. Wir sind dabei, auf eine pluralistische Gesellschaft mit pluralistischen Modellen zu reagieren.

Im Februar hat Papst Franziskus alle Vorsitzenden der Bischofskonferenzen nach Rom geladen, um Konsequenzen aus den weltweiten Missbrauchsskandalen zu ziehen. Welche Konsequenzen könnten das sein? Auch Ihr Vor­gänger Norbert Köster hat gesagt, er könne sich verheiratete „Viri probati“ (bewährte Männer) gut als Priester vorstellen. Was ­sagen Sie dazu?

Winterkamp: Gewiss denkt der Papst über „Viri probati“ nach. Ich glaube aber nicht, dass im Februar schon eine Entscheidung darüber fällt. Zumal der Zölibat ja nicht singulär als Grund für sexuellen Missbrauch ins Feld ­geführt werden kann. Folglich können „Viri probati“ ­allein keine Lösung sein. Wenn man das Missbrauchsproblem konsequent angehen will, braucht man ein ganzes Korsett an Maßnahmen. „Viri probati“ allein lösen aber auch andere Probleme nicht. Fakt ist, dass wir mit unserem Gemeindemodell nicht weiterkommen. Die Gestalt der Gemeinden, wie wir sie aus den 60er, 70er Jahren oder von früher als Pfarr­familie kannten, funktioniert nicht mehr, weil es die Menschen heutzutage nicht mehr anspricht. Auch hier können „Viri probati“ allein also keine Lösung sein, allenfalls ein Teil einer Lösung. Wir müssen uns davor hüten, nur die bestehenden Strukturen zu stärken. Dadurch erhalten wir den Ist-Zustand vielleicht noch fünf oder zehn Jahre länger. Aber das löst das Problem dauerhaft nicht.

Nach wie vor rumort es im Bistum bei Großfusionen. Jüngst erst in Ibbenbüren, wo bis 2019 rund zehn Gemeinden zusammengehen sollen. Ist das wirklich ein gangbarer Weg?

Winterkamp: Ich habe als Pfarrer in Bocholt selbst so einen Fusionsprozess miterlebt und weiß, wie schwer das ist. Es gibt auch nicht die „ideale Einheit“ oder das ideale kirchliche Konstrukt. Wir können aber angesichts des allgemeinen Schwundes auch nicht einfach einen ­Reset-Knopf drücken und auf Anfang gehen. Viele realisieren noch nicht, dass es die zentralistische Kirche, wie es sie bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil gab, nicht mehr gibt. Die Zeiten sind definitiv vorbei.

Der demografische Wandel führt zu einem massiven Einbruch der Kirchensteuern. Was soll, was will und was kann sich die ­Kirche in 20 oder 30 Jahren noch leisten?

Winterkamp: Wir müssen auch da gut abwägen und genau hinschauen. In einer Stadt wie Münster kann man möglicherweise eher auf etwas verzichten als irgendwo auf dem Land, beispiels­weise in Wadersloh oder Heek. Wenn wir auch künftig wahrgenommen werden wollen, müssen wir Präsenz zeigen. Was ich definitiv sagen kann, ist, dass wir immer Eucharistie feiern werden, auch am letzten aller Tage. Ob wir dann noch Krankenhäuser haben oder Ferienlager anbieten, weiß ich nicht. Das Verabschieden fällt uns derzeit sehr schwer. Sich mit Stil, Stolz und Anstand zu verabschieden, das konnten frühere Generationen in der Kirche besser.

Ist die neue Image-Kampagne mit den vielen Sozial- und Bildungsaspekten da eigentlich zielführend?

Winterkamp: Sie dient dazu, Kirche mit ihren vielen Aufgaben wahrzunehmen. Gemeinhin werden wir mit Gottesdiensten in Verbindung gebracht, aber eben oft auch mit antiquierten Gottesdiensten. Sie werden nicht unbedingt als Angebot wahrgenommen, das die Lebenswirklichkeit der Menschen trifft. Das gilt auch für unsere Verkündigung, sprich die Predigt. Das ist ein ­Riesenproblem. Ein großes Pfund sind noch die ­Kasualien, also Taufen, Eheschließungen, Beerdigungen. Da kommen Menschen in Gottesdiensten mit der Kirche in Kontakt. Da müssen wir deutlich machen, dass wir nah am Leben der ­Menschen dran sein wollen.

Auch hier wieder die Frage: Was für Konsequenzen ­ziehen Sie daraus?

Winterkamp: Wir müssen eindeutig lebensnäher werden, auch im Gottesdienst. Der alltägliche Gottesdienst trifft in seinem Ritus, seiner Form und den Gesängen nicht mehr die Lebenswirklichkeit. Der Katholikentag war ein gutes Beispiel dafür, dass alternative Angebote, die weniger rituell sind, die Menschen eher ansprechen. Das schaffen unsere herkömmlichen Gottesdienste nicht mehr – so sehr ich sie persönlich auch schätze.

Wie lange haben Sie Zeit für Reformen? Gibt es einen Punkt, an dem der Zug für die Kirche end­gültig abgefahren ist?

Winterkamp: Der Zug wird niemals abgefahren sein. Manche glauben ja, dass es mit der Kirche seit der Reformation bergab gegangen ist. Das ist Quatsch, das ist Banane. Nur weil sich die Sozialgestalt der Kirche ändert, geht es nicht bergab. Große Umbrüche hat es in der Kirche immer gegeben, und es wird sie immer ­geben. Es geht in Glaube und Christentum doch nicht um Quantität, sondern um ­Qualität. Jesus hat gesagt: „Ihr seid das Salz der Erde“. Er hat nicht gesagt: „Ihr seid die Suppe.“ Darum teile ich den Pessimismus überhaupt nicht. Ich bin auch in keiner Weise ängstlich. Im Gegenteil – ich bin da relaxed und gelassen. Wir befinden uns im Umbruch. Und wir müssen versuchen, dabei alle mitzunehmen. Jene, die auf die Bremse drücken, jene, die über das Ziel hinaus­geschossen sind und die, die die Ziellinie wieder verrücken. Ich sehe das nicht dramatisch. Für die Botschaft Jesu ist der Zug nie abgefahren. Niemals.

Klaus Winterkamp

Klaus Winterkamp

► geboren am 19. April 1966 in Münster 

► 7. Juni 1992 Priesterweihe

► 1992 Kaplan in St. Marien Ahlen

► 1996 Kaplan in St. Franziskus Recklinghausen-Stuckenbusch und St. Paul Recklinghausen

► 1996 zusätzlich zum Studium freigestellt

► 2001 Pfarrer in Liebfrauen Bocholt

► 2007 zusätzlich Pfarrverwalter in St. Helena Bocholt-Barlo und Heilig Kreuz Bocholt

► 2008 Dechant im ­Dekanat Bocholt

► 2008 zusätzlich Pfarr­verwalter in Herz Jesu ­Bocholt

► 2009 Mitglied im ­Priesterrat

► 2010 Vorsitzender des Caritasverbandes für die Diözese Münster

► 2011 zusätzlich Geist­licher Beirat der Caritas-Konferenzen, Geistlicher Beirat der Vinzenz-Konferenzen, Seelsorger des Malteser Hilfsdienstes im Bistum Münster, Geistlicher Beirat für den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und den Sozialdienst katholischer Männer (SKM) im Bistum Münster

► 2011 Domvikar in Münster

►2013 Domkapitular am St.-Paulus-Dom in Münster

► 2015: Diözesanbeauftragter für den 101. Deutschen Katholikentag 2018 in Münster

► 1. Oktober 2018: ­Generalvikar des Bistums Münster 

 

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