Nachdenkliche Kunst zum Theaterspektakel „Vivat Pax“
18 Künstler visualisieren Frieden in der Stadthausgalerie

Münster -

Im Vorfeld des Theaterspektakels „Vivat Pax“, das am 13. Oktober an den Westfälischen Frieden von 1648 erinnern soll, haben Künstler in der Stadthausgalerie eine Ausstellung kreiert, in die auch authentische Exponate aus dem Zweiten Weltkrieg Eingang fanden.

Samstag, 06.10.2018, 10:33 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 06.10.2018, 10:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 06.10.2018, 10:33 Uhr
Historiker Dr. Christopher Görlich führte in die Ausstellung ein: rechts die sieben Stehlen der Gruppe „pArt 96“, links die authentische Weltkriegs-Fliegerjacke von Wolfgang Brecklinghaus.
Historiker Dr. Christopher Görlich führte in die Ausstellung ein: rechts die sieben Stehlen der Gruppe „pArt 96“, links die authentische Weltkriegs-Fliegerjacke von Wolfgang Brecklinghaus. Foto: Arndt Zinkant

Am 13. Oktober wird das Theaterspektakel „Vivat Pax“ des Stadtheimatbundes Münster an den Westfälischen Frieden von 1648 erinnern. Bereits im Vorfeld werfen 18 münsterische Künstler Schlaglichter auf das Thema – direkt neben dem Aufführungsort, in der Stadthausgalerie. Am Freitag fand die Eröffnung im Beisein von Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson und allen Kreativen statt.

In sehr unterschiedlicher Weise haben sich die Künstler und Künstlerinnen dem Thema genähert. Der Historiker Dr. Christopher Görlich führte in die Exponate ein. Er wies zum Beispiel auf die intensive Aura hin, die authentische Gegenstände aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges verbreiten.

Berührende Exponate

Wolfgang Brecklinghaus zeigt die verschlissene Fliegerjacke eines Alliierten – welche auch das Einschussloch aufweist, das den Soldaten damals das Leben kostete. Noch berührender: Die Spielzeugpuppen aus jener Zeit, mit Fallschirmstoff an Teile von Munitionskisten geklebt.

Doris Reinecke-Niemeier geht einen ähnlichen, noch persönlicheren Weg, indem sie Feldpostbriefe des eigenen Vaters zur Collage formt. Waltraud Kleinsteinberg reiht eine putzige Galerie von „Schneekugeln“ auf einem Tisch auf. Darin: Grausamkeiten wie das Märchen vom „Mädchen ohne Hände“.

Kleine und größere Schätze aus der Sammlung des LWL-Museums für Kunst und Kultur

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  • Effrosyni Kontogeorgou, A thought of Flying, 2015, Video, Schenkung der Freunde des Museums, Junge Freunde, 2017

    (Gegenwartskunst, Raum 2.15)

    In ihren ortsspezifischen Werken vertieft Kontogeorgousich in die Struktur, Funktion und Geschichte von Räumen. Ihre Praxis wird formal durch Wechselbeziehungen zwischen unterschiedlichen Medien und Materialien bestimmt. In A thought of Flying stellt Effrosyni Kontogeorgou die Wahrnehmung des Besuchers auf die Probe. Sie fokussiert die Aufmerksamkeit des visuellen Apparates, indem sie ihn teilweise deaktiviert und in die Irre führt.  Auf der Wand ist ein DIN A4-Blatt zu sehen, was sich im Luftzug bewegt – was aber ist echt und was nur eine Projektion?

    Foto: LWL
  • Alexander Kanoldt, Stillleben, Öl auf Leinwand, 1923, erworben mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen.

    (Moderne, Raum 2.10)

    In der Tradition der Neuen Sachlichkeit steht das Werk Kanoldts. Er vertritt allerdings eine sogenannte magisch-realistische Variante: In seinen Bildern steht die Form im Vordergrund, nicht aber das realistische Abbild des Objekts.  In seinem Stillleben zeigt der Künstler, dass er ein Meister im Herausbilden der Schatten ist und durch die Farbgebung um einen Ausgleich von Statik und Dynamik bemüht ist. Das hervorquellende Tuch aus der Schublade zum Beispiel ist kaum noch als real Stoffliches erfahrbar, dennoch wird es durch die zahlreichen bewegten Akzente zum eigenständigen Objekt. Der besondere Reiz an Kanoldts’ Gemälde ist das gleichzeitige Auftreten von dynamischen und statischen Elementen.

    Foto: LWL / Neander
  • Ida Gerhardi, Tanzbild V, Öl auf Pappe, 1904.

    (Moderne, Raum 1.32)

    Zu sehen ist hier eins von insgesamt 14 sogenannten Tanzbildern der Künstlerin, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris entstanden und das dortige Nachtleben zeigen. Sie hält in dieser Werkgruppe das unkonventionelle Leben fest, welches sich durch besondere Atmosphäre, Licht- und Farbgebung auszeichnet. Das komprimierte Erfassen großer Menschenmengen in einer Momentaufnahme ist hier Erkennungszeichen. Im vorliegenden Werk geht es nicht um die Darstellung individueller Persönlichkeiten, sondern die Personen sind Träger der Stimmung. Motivisch reiht es sich in die Darstellung großstädtischer Szenen ein, wie sie schon Manet, Toulouse-Lautrec und Degas malten. Die Bilder kann man als eine Art Zeitdokument betrachten, als ein Zeugnis Gerhardis Künstlerpersönlichkeit.

    Foto: LWL
  • Melchior Lechter, Orpheus, Öl auf Leinwand, 1896, Schenkung aus dem Besitz der Eheleute Fritz und Edith Andreae (mit Originalrahmen).

    (Moderne, Raum 1.32)

    Schon der vom Künstler eigens geschaffene Rahmen sticht ins Auge, der düstere Birkenwald rahmt das Geschehen wie eine Theaterbühne. Zu sehen ist hier Orpheus, Sohn des Apollon, der als Erfinder der Musik schlechthin gilt: Laut griechischer Mythologie betörte er Götter, Menschen und sogar Tiere, Pflanzen und Steine. Auf Lechters Darstellung bestimmt das Licht die Dramaturgie, was als  Entsprechung des Musikalischen in der Welt des Sichtbaren interpretiert werden kann. Lechter präsentiert die Orpheus-Figur als Künstler, Musiker und Darsteller in einem, was einer „Apotheose des Künstlertums“ gleichkommt. Das Gemälde verkörperte somit wie kaum ein zweites die Sehnsüchte der jungen Generation um 1900 nach neuer Sinngebung in einem traumhaften Reich der Kunst. Der junge Einzelgänger Lechter, der nach einer Glasmalereilehre im heimatlichen Münster nach Berlin wechselte, wurde dort schlagartig berühmt.

    Foto: LWL / Ahlbrand-Dornseif
  • Bernhard Pankok, Werselandschaft (Eichen am Mühlteich), Öl auf Leinwand, 1895, Leihgabe des Westfälischen Kunstvereins 

    (Moderne, Raum 1.32)

    Der Münsteraner Bernhard Pankok war ein äußerst vielseitiger Künstler: neben der Ausbildung als Bildhauer und in der Malerei, betätigte er sich auch als Architekt, Illustrator, Buchkünstler oder entwarf Möbel. Einige Möbelstücke sind – neben seinen Gemälden –  heute auch  im LWL-Museum für Kunst und Kultur zu sehen. In seiner frühen Schaffensphase, aus der auch das zu sehende Bild stammt, begann Pankok  – entgegen dem akademischen Ausbildungsstil –  nach der Natur zu malen. Unter freiem Himmel will er die lebendige Wirklichkeit einfangen, was ihm hier hervorragend gelingt. Droht womöglich ein Gewitter oder hat ein früher Herbststurm die Landschaft zerwühlt? Der Künstler schafft es, die dramatische Stimmung auf kleinem Raum einzufangen.

    Foto: LWL / Wakonigg
  • Friedrich Tüshaus, Schlacht zwischen Germanen und Römern am Rhein, 1876, Öl auf Leinwand.

    (Raum 1.29)

    Das hier zu sehende Schlachtfeld ist örtlich nicht identifizierbar. Es könnte einerseits das sagenhafte Kastell Aliso an der Lippe sein, das nach Berichten der antiken Historiker nach der Varusschlacht umkämpft war. Andererseits ist es möglich, dass hier aufgrund der starken Strömung der Rhein zu sehen ist – dann wäre es ein eher allegorisches Bild, wie die Germanen die Römer zurückdrängen. Auch auf welche Auseinandersetzung der beiden Lager es sich bezieht, ist nicht erkennbar. In Westfalen war man schon immer sehr stolz darauf, dass die legendäre Varusschlacht in der eigenen Region stattgefunden hat. Dies könnte die Motivation des Künstlers gewesen sein, das Werk zu schaffen.

    Foto: LWL
  • Unbekannter Juwelier in Paris (nicht belegt), Brustkreuz mit Rubinen und Diamanten, um 1672.

    (Mittelalter, Raum 1.21)

    Ein Prunkstück der Sammlung ist dieses mit Rubinen und Diamanten besetzte Brustkreuz. Der Fürstbischof von Münster Christoph Bernhard von Galen erhielt das Kreuz 1672 als Geschenk von seinem Verbündeten König Ludwig XIV. von Frankreich. Nach dem erfolgreichen Feldzug gegen die Niederlande und deren darauffolgenden Aufteilung unter den Verbündeten auf Schloss Biljoen bei Arnheim am 9. Juli 1672 wurde das Schmuckstück, welches 20.000 Taler wert gewesen sein soll, an den Bischof überreicht.

    Foto: LWL
  • Georg Flegel, Stillleben mit Römer, Brezel und Mandeln, Öl/Holz, 1637, Leihgabe des Westfälischen Kunstvereins. 

    (Barock, Raum 1.16)

    Der in Frankfurt a. M. ansässige Künstler schuf im 17. Jahrhundert zahlreiche Stillleben. Darunter befanden sich oft kleine Mahlzeiten-, Frühstücks- und Blumenbilder, die von einem hohen künstlerischen Können zeugen und außerdem das Interesse des Meisters an Naturwissenschaften wiedergeben. Im vorliegenden Werk ist das Phänomen der Lichtbrechung ein besonderer Blickfang.

    Foto: LWL / Ahlbrand-Dornseif
  • Michael Bueren, Schiffspokal, 1630, Leihgabe des Vereins der Kaufmannschaft zu Münster von 1835 e.V. 

    (Barock, Raum 1.18)

    Der kleine Pokal ist erst auf den zweiten Blick als Trinkgefäß zu erkennen. Die Abbildung des Schiffes war dem Goldschmied offensichtlich das vordergründige Anliegen. Über dem Segel erkennt man eine kleine Fahne, auf welcher ein westfälisches Wappen eingraviert ist. Es könnte sich hier um das Wappen zweier Adelsfamilien handeln, der von Hövel und der von Hewen. Weiterhin sieht man eine kleine Miniatur-Mannschaft auf dem Deck. Der reich verzierte Pokal stellt, obwohl Schiffspokale zu dieser Zeit sehr häufig in Auftrag gegeben wurden, eine münsterische Rarität dar. Wer das Werk in Auftrag gegeben hat, ist leider nicht dokumentiert.

    Foto: LWL / Ahlbrand-Dornseif
  • Guido Reni, Hl. Margaretha, Öl auf Leinwand, 1606/07, Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland. 

    (Barock, Raum 1.19)

    Zu sehen ist hier die Heilige Margaretha, welche der Legende nach als die Prinzessin gilt, die der Heilige Georg vor dem Drachen gerettet haben soll. Das Gemälde entstand im Umfeld der Gegenreformation in Rom, als ein Kult um frühchristliche weibliche Märtyrer entstand, um den Gefahren des Protestantismus zu trotzen. Der Auftraggeber wird in den gegenreformatorischen Kreisen um Kardinal Sfondrato zu finden sein, für den der Künstler in Italien tätig war. Das Gemälde ist nur eins unter mehreren Bildnissen weiblicher Märtyrerinnen, welche durch sentimentale Gesten an das Gefühl des Betrachters appellieren sollten. Es stammt aus den zwischen 1939 und 1944 vielfach aus Beschlagnahmungen zusammengebrachten Sammlungen des in Linz geplanten „Führermuseums“ und ist seit 1968 Dauerleihgabe der Bundesrepublik Deutschland. Renis Werke sind besondere Beispiele für die Zusammenführung vom barocken Pathos Italiens mit antiken Vorbildern.

    Foto: LWL / Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland
  • Soester Werkstatt, Pietà aus Anröchte, Eichenholz, um 1400.

    (Mittelalter, Raum 1.07)

    Dieses bildhauerische Meisterstück zeigt die Darstellung Marias als Mater Dolorosa (Schmerzensmutter) mit dem Leichnam des vom Kreuz abgenommenen Jesus Christus. Es ist eines der ältesten Werke dieses Typus. Unter anderem tritt die leibliche Mutterschaft Marias in den Vordergrund. Durch ehemalige Farbgebung wurde die Komposition noch verstärkt. Auffällig ist der Kontrast zwischen dem ausgezehrten Christuskörper und den weichen Falten des Lendentuches und des Mariengewandes.

    Foto: LWL
  • Lütticher Werkstatt (nicht belegt), Petrus und Paulus (vermutlich) um 1330/60.

    (Mittelalter, Raum 1.05)

    Wahrscheinlich zeigt die Figurenkomposition die Heiligen Petrus und Paulus sitzend auf Thronbänken. Die Identität der Statuetten ist jedoch nicht endgültig geklärt. Die Werke wurden nach Ende des Ersten Weltkriegs in einer zerstörten Kirche in der Region um Maastricht und Lüttich gefunden und in den 1960er Jahren restauriert. Sie zeichnen sich durch ihre besondere Plastizität aus und obwohl sie Alterungsspuren und große Schäden aufweisen, konnten Teile der ursprünglichen Bemalung wieder hergestellt werden. Wahrscheinlich ist auch, dass die Statuetten zu einer Figurengruppe gehörten.

    Foto: LWL

"Heile-Welt-Kitsch" ist auch dabei

Die Soldaten-Gemälde von Benno Sökeland erinnern Christopher Görlich an den Stil der „Neuen Sachlichkeit“. Wenn aber unter dem lächelnden Matrosen, der wie ein altes Propagandabild erscheint, zu lesen steht: „Junge, komm bald wieder!“, ist sogar der Heile-Welt-Kitsch der Nachkriegsjahre noch mit verarbeitet.

Im Zentrum des Raums steht ein Gruppenwerk der sieben Mitglieder der Künstlergruppe „pArt 96“: Sieben Stehlen mit sehr unterschiedlichen, farbenprächtigen Visionen des Friedens, auf denen man gleichwohl düstere Symbole des Krieg entdecken kann.

Zum Thema

Die Ausstellung „Showroom Vivat Pax“ ist bis zum 2. November von 15 bis 18 Uhr (außer montags) in der Stadthausgalerie zu sehen.

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