Über 70 Jahre nach Kriegsende
Im November wird einer der letzten NS-Prozesse in NRW eröffnet

Münster/Dortmund/Kreis Borken -

Wenn man Andreas Brendel fragt, warum mutmaßliche NS-Verbrecher auch heute noch vor Gericht gestellt werden müssen, dann antwortet er zweigeteilt und eröffnet als Jurist: „Weil Mord nicht verjährt.“

Montag, 08.10.2018, 08:58 Uhr
Veröffentlicht: Montag, 08.10.2018, 08:30 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 08.10.2018, 08:58 Uhr
Justitia: römische Göttin des Rechtswesens – und der Gerechtigkeit. Um Recht und Gerechtigkeit geht es auch im Stutthof-Prozess.
Justitia: römische Göttin des Rechtswesens – und der Gerechtigkeit. Um Recht und Gerechtigkeit geht es auch im Stutthof-Prozess. Foto: dpa

Diese Schlussstrich-Frage – darum geht es ja im Kern – überrascht ihn schon lange nicht mehr; sie wird ihm andauernd gestellt. Der 56-Jährige bringt seit vielen Jahren mutmaßliche Alt-Nazis und NS-Verbrecher vor Gericht. Brendel leitet die landesweit zuständige Zentralstelle für die Bearbeitung national­sozialistischer Verbrechen in Dortmund.

Angeklagter ist 94 Jahre alt

Am 6. November wird in Münster einer der letzten NS-Prozesse in NRW eröffnet. Angeklagt ist ein 94 Jahre alter Mann aus dem Kreis Borken, der als SS-Wachmann im Konzentrations­lager Stutthof bei Danzig eingesetzt war. Ein zweites Verfahren gegen einen Wuppertaler wurde abgetrennt. Der Tatvorwurf in beiden Fällen: Beihilfe zu hundert­fachem Mord. Im Landgericht wird an diesem Tag Aus­nahmezustand herrschen.

Auch ohne individuellen Schuldbeweis strafbar

Nach dem Urteil gegen den ukrainischen NS-Kriegs­verbrecher John Demjanjuk im Jahr 2011 in München ist einiges in Bewegung gekommen. Anders als der Bundesgerichtshof 1969 hatten die Richter am Landgericht vor sieben Jahren die Rechts­auffassung vertreten, dass Beihilfe zum Mord in NS-Konzentrationslagern auch ohne individuellen Schuldbeweis bestraft werden kann.

Für die bundesweit zuständige Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg war das ein Signal, alte, längst zu den Akten gelegte Fälle nochmals unter die Lupe zu nehmen. Aus 50 Vorermittlungen wurden am ­Ende 30 Ermittlungen – eine Spur führte ins Münsterland.

Vergessenes Lager mit großer Bedeutung

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  • Auschwitz kennt jeder. Aber Stutthof? Das Konzentrationslager vor den Toren Danzig war klein, viel kleiner als Auschwitz, vielleicht auch weniger dämonisch. Ein Ort des Schreckens, der Qual, des Todes war es allemal.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Kerstin Zimmermann, studierte Historikerin, Angestellte der Stadt Coesfeld und dort für die kommunalen Museen zuständig, beschäftigt sich in ihrer Freizeit schon seit Jahren mit dem Lager Sutthof.

    Foto: Elmar Ries
  • Stutthof wurde ab 1943 bedeutend. Nach Stalingrad wurde aus dem deutschen Vormarsch ein Rückzug, der auch dazu führte, dass die Ghettos und Konzentrationslager im Osten peu à peu aufgegeben werden mussten. „Das Konzentrationslager Stutthof war ab 1943 der Dreh- und Angelpunkt für die Verteilung der Menschen“, sagt Zimmermann. Tausende kamen täglich dort an. Aus dem Ghetto Riga, aus dem KZ Kaiserwald, auch aus Auschwitz.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Als Kerstin Zimmermann im vergangenen Jahr von der Anklage gegen zwei frühere SS-Wachmänner aus dem Kreis Borken und der Stadt Wuppertal erfuhr, war sie mehr als überrascht. „Ich bin aus allen Wolken gefallen.“ Die beiden, heute über 90 Jahre alten Männer, waren während des Krieges für längere Zeit in Sutthof stationiert. Der Vorwurf: Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Häftlings-Unterlagen mit regionalem Bezug. Die Gefangene, zu der diese Karte gehört, stammte aus Burgsteinfurt.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Bis zu 85 000 Menschen sind in Stutthof gestorben. Sie wurden erschlagen, erhängt, erschossen, vergiftet und vergast. Viele starben auch infolge elender Zustände: Im Lager herrschten miserable hygienische Zustände, es gab zu wenig zu essen, die Unterbringung war mies, die Arbeit hart.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Wie kommt jemand dazu, sich so sehr für dieses Thema zu interessieren? „Den Anfang haben die Coesfelder Juden gemacht“, erzählt sie. Im Stadtarchiv gibt es noch alte Personenstandskarten. Wo sind die Menschen geblieben? Aus der Frage wurde Leidenschaft. Die heute 65-Jährige machte sich auf die Suche – und wurde von dem Thema förmlich gepackt. Aktenstudium hier und da, Quellenkunde im Holocaust-Archiv des Internationalen Roten Kreuz in Bad Arolsen, Spurensuche in Stutthof. Was lokal begann, wurde immer größer, umfassender, komplexer. „Ich habe irgendwann begonnen, über den Tellerrand zu schauen“, sagt sie.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Es wird davon ausgegangen, dass die Zustände auf Betreiben der Lagerleitung und SS-Führung absichtlich sehr schlecht waren, damit Menschen starben. Nachgewiesen ist auch, dass im Winter 1943/44 eine unbekannte Anzahl von Gefangenen getötet wurden, indem man sie erfrieren ließ.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Der Eingang zum Lager bei Nacht. Dass jemand wie der beschuldigte Ex-SS-Mann aus dem Kreis Borken, der nachweislich von Juni 1942 bis September 1944 in Stutthof als Wachmann eingesetzt war, von dem tagtäglichen Grauen und den systematischen Verbrechen nichts mitbekommen haben will, ist ihr unbegreiflich. „Der Mann war da, als die großen Transporte kamen“, sagt Zimmermann. Er war aber nicht mehr vor Ort, als aus dem Konzentrationslager Sutthof ein Vernichtungslager wurde.

    Foto: Kerstin Zimmermann

14 ehemalige Stutthof-Häftlinge als Nebenkläger

Der 94-Jährige, dessen Wohnort das Gericht nach wie vor nicht veröffentlicht, hat zugegeben, zwischen 1942 und 1944 in Stutthof als SS-Wachmann eingesetzt gewesen zu sein. Von den Morden will er nichts mit­bekommen haben. Seit 2016 ermittelt Brendel gegen den Betagten. Er hat sich in dem früheren Lager umgesehen, hat Hunderte Akten gewälzt, Zeugen gesucht – und gefunden: 14 ehemalige Stutthof-Häftlinge treten in dem Verfahren als Nebenkläger auf.

Die juristische Bewertung ist eine Seite der Medaille. Die andere ist die Opfer­perspektive. „Wir haben ­immer noch die Opfer und deren Angehörige. Für sie ist ein Prozess vor einem deutschen Gericht enorm wichtig“, hat Brendel vor geraumer Zeit einmal gesagt. Die moralische Komponente, sie ist immer der zweite Teil seiner Antwort auf die eingangs gestellte Frage. Sie hat weniger mit Recht zu tun, aber viel mit Gerechtigkeit.

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