Prozess um versuchten Mord am Ostermontag
Motivfrage bleibt nebulös

Westerkappeln/Münster -

Wer war der Anführer ? Wer hat geschossen ? Und vor allem warum ? Um diese Fragen drehte sich am Freitag der zweite Prozesstag gegen drei junge Männer aus Westerkappeln, die wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes vor dem Landgericht Münster angeklagt sind.

Freitag, 12.10.2018, 18:00 Uhr aktualisiert: 12.10.2018, 18:26 Uhr
Der Hauptbeschuldigte in dem Prozess – hier verpixelt auf einem Foto vom Prozessauftakt – schweigt bislang zu den Vorwürfen. Am Freitag äußerte er sich lediglich zu seinem Lebenslauf.
Der Hauptbeschuldigte in dem Prozess – hier verpixelt auf einem Foto vom Prozessauftakt – schweigt bislang zu den Vorwürfen. Am Freitag äußerte er sich lediglich zu seinem Lebenslauf. Foto: Heinrich Weßling

Mit Spannung wird die Einlassung des 16-jährigen Hauptbeschuldigten erwartet, der in der Nacht zu Ostermontag drei Schüsse auf einen 22-jährigen Westerkappelner abgegeben und diesen damit beinah getötet haben soll. Doch viel mehr als Aussagen zu seinem Lebenslauf können Richter und Staatsanwalt ihm erst einmal nicht entlocken.

Auf Anraten seines Verteidigers lässt sich der 16-Jährige am zweiten Verhandlungstag (noch) nicht zur Sache ein, was wohl mit den Aussagen seiner beiden 18-jährigen Komplizen zusammenhängen dürfte. Die haben nämlich ausgepackt; der älteste des Trios bereits am ersten Prozesstag, der zum Tatzeitpunkt 17-jährige Freund hat jetzt eine Erklärung von seinem Anwalt verlesen lassen. Seine Darstellung deckt sich im Wesentlichen mit den Schilderungen seines Kumpels. Kernaussage: Der 16-Jährige war es, der geschossen hat.

Baseballschläger und Totschläger mitgebracht

Am Ostersonntag habe sich die Clique getroffen – in den Akten steht irgendwo, dass der Freundeskreis sich „Night Club“ nannte. Bei dem Treffen sei man übereingekommen, dem späteren Opfer eine „Abreibung zu verpassen“. Und man habe dem 22-Jährigen bei der Gelegenheit mit einem Foto von dem Grab einschüchtern wollen, das das Trio auf dem Spielplatz an der Timpenstraße ausgehoben hatte. „Es war nicht meine Intention, ihn umzubringen und dort zu vergraben“, ließ der damals 17-Jährige über seinen Anwalt verlesen. Es sei lediglich darum gegangen, das Opfer in Angst und Schrecken zu versetzen. Vor der Tat habe man auf dem Kirchplatz erneut „eine Nase gezogen“, womit der Konsum von Amphetaminen gemeint ist – vermutlich Speed oder Crystal Meth.

Der 16-Jährige habe einen Baseballschläger mitgebracht, er selbst einen Teleskopschlagstock – auch Totschläger genannt – dabei gehabt. Da der 22-Jährige auf das Hämmern gegen die Wohnungstür nicht reagiert habe, sei man davon ausgegangen, er sei nicht zu Hause. Deshalb wollte man bei ihm einbrechen und in der Wohnung warten. Beim Einbruchsversuch will der damals 17-Jährige nur Schmiere gestanden habe.

Bei der Ausführung wurden die Angeklagten jedoch vom späteren Opfer überrascht. Der 22-Jährige soll das Fenster zugeschlagen haben, die Finger des 16-Jährigen wurden eingeklemmt. „Ich habe seine Schmerzenschreie gehört“, heißt es in der schriftlichen Einlassung. Erst seien alle drei weggelaufen, der 16-Jährige sei dann zurückgegangen und habe dreimal geschossen. „Ich hoffte, dass er ihn nicht erschossen hat. Das hätte ich nicht gebilligt“, behauptet der damals 17-Jährige, der beteuert, dass ihm das alles „unendlich leid tut“. Für Nachfragen des Gerichts steht er am Freitag allerdings nicht zur Verfügung.

Motiv für die Bluttat bleibt aber „weiter nebulös“

Dafür nehmen die Richter und vor allem der Staatsanwalt den ältesten der Angeklagten noch einmal in eine Art Kreuzverhör. Er ist zwar redseliger, das Motiv für die Bluttat bleibt aber „weiter nebulös“, wie es einer der Richter der Jugendkammer formuliert. Angeblich sollte der 22-Jährige dafür bestraft werden, dass er der Cousine des 16-Jährigen Monate zuvor Amphetamine gegeben hätte und ihr später an den Hintern gefasst habe. Der Staatsanwalt hält es nicht für glaubwürdig, dass Rauschgiftkonsumenten jemanden eine Abreibung verpassen wollen, weil dieser mit Drogen deale. Auf Nachbohren erzählt der 18-Jährige, dass das spätere Opfer den 16-Jährigen angeblich „mit der Axt in der Hand“ gesucht haben soll. Damit komme man dem tatsächlichen Motiv vielleicht schon näher, meint einer der Richter. Doch letztlich bleibt der genaue Grund für den Angriff auch am zweiten Prozesstag unklar.

Zwischenzeitlich macht der Staatsanwalt mit Hinweis auf die Akten Andeutungen, die zeigen, dass das Gericht noch viel Arbeit bei der Wahrheitsfindung vor sich hat. So gebe es eine Aussage, wonach der älteste der drei Angeklagten geschossen habe, was dieser verneint.

Enthauptungsvideo auf Handy gespeichert

Der 16-Jährige als Hauptbeschuldigter lässt sich lediglich zu seinem Lebenslauf ein: Aufgewachsen in gut-bürgerlichen und behüteten Verhältnissen scheint er früh auf die schiefe Bahn geraten zu sein. Nach der Grundschule geht es aufs Gymnasium. Doch dann entwickelt er sich zum Schulversager: Nach der sechsten Klasse am Gymnasium wechselt er zur Realschule, dann zur Hauptschule, die er nach Klasse 8 ohne Abschluss verlässt. Anfangs will er Konzentrationsprobleme gehabt haben, am Ende „einfach keine Lust mehr. Ich bin morgens nicht aus dem Bett gekommen“, begründet er, warum er zuletzt am Berufskolleg gescheitert ist.

Schon mit 13 Jahren kiffte er das erste Mal. Gerade strafmündig gab es nach Darstellung des Staatsanwaltes ein Ermittlungsverfahren wegen Drogenhandels. Dabei sei auch sein Handy beschlagnahmt worden, auf dem angeblich ein Enthauptungsvideo gespeichert war. „Man könnte auf die Idee kommen, dass sie Gewaltfantasien hatten“, erklärt der Staatsanwalt.

Der 16-Jährige sagt auch dazu nichts. Er will sich nun am nächsten Prozesstag (29. Oktober) über seinen Verteidiger zu den Tatvorwürfen äußern. Dann soll auch das Opfer gehört werden.

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