Meyer macht´s: Redakteur geht in die Kanalisation
Ab in den Untergrund

Münster -

Auch wenn wir sie nicht sehen: Ohne Kanäle würde uns unser Leben buchstäblich ganz schön stinken. Unser Redakteur Björn Meyer stieg mit dem Tiefbauamt hinab und traf dabei unter anderem auf vielbeinige Bewohner.

Samstag, 01.12.2018, 12:00 Uhr
Eine Etage tiefer: Glücklicherweise regnet es nicht, so ist kaum Strömung im Kanal. Derweil sind Einstiege und Zuläufe zu entdecken. Unterirdisch immer dabei: ein Gaswarnmelder (l.).
Eine Etage tiefer: Glücklicherweise regnet es nicht, so ist kaum Strömung im Kanal. Derweil sind Einstiege und Zuläufe zu entdecken. Unterirdisch immer dabei: ein Gaswarnmelder (l.). Foto: Meyer (3)

Seit Monaten schaut Münster auf sich selbst. Von oben. Der Film „ Münster Above “ hat dem Jahr nicht nur seinen Stempel, sondern auch seine Perspektive aufgedrückt. Dort, über den Wolken – jedenfalls fast –, wo die Freiheit wohl grenzenlos ist. Was das mit mir zu tun hat? Abgesehen von einer eher antagonistischen Betrachtungsweise kaum etwas, denn ich befinde mich an diesem kalten Mittag keineswegs über der Erde. Um genau zu sein nicht mal darauf, sondern einige Meter weiter unten.

Es ist stockfinster, kalt und rutschig

Ich wate durch Wasser – hoffe ich jedenfalls – und habe soeben testweise die kleine Lampe ausgeschaltet, die man mir gegeben hat. Es ist stockfinster, kalt, der Boden ist rutschig, und vor wenigen Sekunden hat sich eine große Spinne vor meinem Kopf abgeseilt, von der ich nun nicht mehr weiß, wo sie sich befindet. Dieser Moment – er ist meine Belohnung für harte Arbeit.

Aber von Beginn an: Als ich an das Tiefbauamt der Stadt die Bitte herantrage, einmal bei einer Kanalreinigung dabei sein zu können, da stelle ich mir noch alles ganz einfach vor. Kanal auf, Meyer rein, ordentlich schrubben und fertig. Doch an diesem Morgen muss ich meine vorangegangene Ahnungslosigkeit konstatieren. „Bevor der Kanal gereinigt wird, ist erstmal das Rundbecken dran“, erklärt mir Hubert Resing, Mitarbeiter des Tiefbauamts mit einem Fingerzeig auf das Becken am Boelckeweg (nahe Gasometer), eines von vielen in der Stadt. Allein jedes Gewerbegebiet habe so eines, erklärt Resing.

Meyer macht‘s - Ein Tag in der Kanalisation

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  • Bevor Redakteur Björn Meyer in die Kanalisation darf, hilft er dem Tiefbauamt, ein Regenbecken zu säubern.

    Foto: Oliver Werner
  • Dann geht‘s in den Untergrund.

    Foto: Oliver Werner
  • Ganz schön tief...

    Foto: Oliver Werner
  • ...und ekelig.

    Foto: Björn Meyer
  • Dann geht es ab ins Dunkle.

    Foto: Björn Meyer
  • Doch erst wird der Gaswarnmelder gefragt, ob die Luft rein ist.

    Foto: Björn Meyer
  • Über diesen Einstieg geht es in die Kanalisation.

    Foto: Björn Meyer
  • Nach nur wenigen Metern sieht Meyer fast nichts mehr. Es ist stockdunkel. Gut, dass es Lampen gibt.

    Foto: Björn Meyer

Einige Minuten später stehe ich knietief in öligem Schlamm, der so aussieht, als sei kürzlich eine Bohrinsel im Aasee gesunken. In Wahrheit hat sich dieser Schlamm lediglich seit der letzten Reinigung im Mai hier angesammelt. Größtenteils Straßenabrieb, den das Regenwasser in die Kanäle spült.

Zu fünft scheffeln und kratzen wir die leicht übelriechende Masse mit Schaufel und Besen in die Mitte des mehrere Meter tiefen Beckens, wo sie von einem großen Schlauch, der in einem Lkw endet, abgesaugt wird.

Keine Spur von schlechter Laune 

„Wir arbeiten uns warm“, sagt Thorsten Schemann neben mir in Anbetracht der Außentemperatur und lacht. Von schlechter Laune ob der körperbetonten Tätigkeit keine Spur. Die Männer sind aufeinander eingespielt, großer Worte bedarf es nicht.

Der Sommer sei trocken gewesen, deshalb sei sogar verhältnismäßig wenig Schlamm im Becken, höre ich. Dennoch ertönen nach einiger Zeit vom Beckenrand die ersten Rufe. Der Tank sei bald voll, sagt Thomas Inkmann. Die kurze Hoffnung, doch noch den gesamten Schlamm in den Lkw zu bringen, versiegt wenig später.

In der Folge begleite ich Thorsten Schemann. Er fährt den städtischen Lastwagen Richtung Roxel. Dort befinden sich auf dem Gelände einer stillgelegten Kläranlage sogenannte Trockenbeete. Von diesem Ort aus wird der Schlamm, sobald ihm die Feuchtigkeit entzogen ist, abgeholt und verbrannt. „Ganz ohne Sauerei geht das nicht ab“, sagt Schemann, als die schwarze Masse aus dem Lastwagen in das Trockenbeet spritzt. Schemann nimmt etwas Laub, dann Papiertücher, um sich vom Gröbsten, das sich dabei auf ihm angesammelt hat, zu befreien, was anhand der Konsistenz nur mäßig funktioniert.

Von Handys bis Liebeskugeln

Die Fahrt wiederum bietet Gelegenheit, mit dem zweifachen Familienvater, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Rheine wohnt, darüber zu sprechen, wieso er sich gerade diesen Beruf ausgesucht hat. Schemann erzählt, wie er während seiner Schulzeit in Mesum ein Praktikum bei einem Unternehmen für Rohrreinigung machte. Als man ihm dort eine Lehre anbot, blieb er kurzerhand da. „Die Arbeit muss ja gemacht werden und ist krisenfest“, sagt er unaufgeregt. Klar müsse man sich ab und an mal Sprüche anhören: „Aber ehrlich gesagt lachen sich meine Kumpels eher über die Anekdoten kaputt, die ich so zu erzählen habe.“ Explizit will er diese zwar nicht verraten, um Andeutungen aber kommt Schemann nicht herum: „Die Leute glauben immer, was sie in der Toilette runterspülen, ist weg. Aber das ist nicht weg. Wir finden alles wieder. Egal ob Handys, Uhren oder Liebeskugeln.“

Die größten Sorgen bereiten den Mitarbeitern des Tiefbauamtes, vor allem aber denen in den Kläranlagen, allerdings eher andere Alltagsgegenstände: Tampons, Binden oder – Verstopfer Nummer eins – feuchtes Toilettenpapier. „Auch wenn es drauf steht. Das Zeug löst sich nicht auf“, sagt Schemann und wird bildlich: „Das muss man nachher mit der Machete von den Wänden schlagen.“

Dass es bei seiner Arbeit nicht immer nur – wie an diesem Tag – Regenwasser-, sondern auch Abwasserkanäle zu reinigen gibt, nimmt Schemann mit Humor. „Ganz ehrlich, die Gerüche, die beim Fettabscheiden entstehen, sind viel schlimmer, als jeder Haufen Sch...“, urteilt die Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice.

Etwas von Abenteuerexpedition

Am Becken wird mittlerweile der letzte Schlamm aus der Mitte ausgepumpt. Kurze Zeit später fördern drei große Schnecken aus Metall wieder Regenwasser in das gereinigte Becken. Die Mitarbeiter des Tiefbauamts machen sich zeitgleich mit Hilfe eines zweiten Lkw, der über eine Wasseraufbereitungsanlage verfügt, daran, die Endbereiche der Kanäle zu reinigen. Das geschieht mit einer an einem Schlauch befestigten Düse, betrieben mittels Fernbedienung. „Die Wasseraufbereitung spart Wasser und damit Zeit“, erklärt Schemann. Andernfalls könnte kaum genug sauberes Wasser bereitgestellt werden, denn nur mit großem Druck lassen sich die Kanäle von Dreck, aber auch Sand und Gesteinsbrocken befreien. Kommt die Düse der Kanalöffnung nahe, spritzt das Wasser als undurchschaubarer Schleier aus Millionen Tröpfchen meterhoch in die Luft und sammelt sich in den Gesichtern derer, die fasziniert zuschauen – also lediglich in meinem.

Dann geht es weiter. Am Boelckeweg kommt viel Wasser an, daher sind die Kanäle groß und gut begehbar. Der größere der beiden, der unter anderem das Wasser vom Albersloher Weg hierhin bringt, ist gute zwei Meter hoch. „Ein Kanal gilt bei uns aber schon ab einer Höhe von 90 Zentimetern als begehbar“, sagt Schemann und simuliert mit einer Portion Selbstironie, wie er in einer derartigen Enge schrubbt. Ekel? „Den legt man bei uns ganz schnell ab“, sagt Schemann lapidar.

Vorsicht aber ist und bleibt stets geboten. Beim Gang in den Kanal nehmen wir daher nicht nur spezielle Lampen mit Explosionsschutz, sondern jeder auch einen Gaswarnmelder und einen Selbstretter, der per Aktivkohlefilterung im Ernstfall Sauerstoff liefern kann, mit. Kombiniert mit der normalen Arbeitskleidung hat die Ausrüstung also durchaus etwas von Abenteuerexpedition, als ich, per Seil gesichert, die durch die vorausgegangene Reinigung glitschigen Sprossen in der Kanalwand hinabsteige. Meine erste Überraschung: Obwohl die Öffnung des Kanals erst wenige Meter hinter uns liegt, ist es um mich herum nahezu stockfinster. „Wem hier die Lampe ausfällt, der hat ein Problem“, konstatiert Schemann, auch wenn stets eine sogenannte Rettungskette in Rufweite gebildet wird, wenn der Kanal begangen wird.

„Wenig Ratten heute hier“

Immer wieder bleibt Schemann in der Folge vor mir stehen, zeigt Einstiege oder Geröllklumpen, die es trotz der Hochdruckreinigung nicht nach draußen geschafft haben. Überall sind dichte, große Spinnweben inklusive ihrer Bewohner zu sehen. „Wenig Ratten heute hier“, sagt er mit einem diebischen Grinsen, das ich, obwohl ich hinter ihm in der Dunkelheit tapse, erkenne. Da ich es eher mit Indiana Jones und seiner Angst vor Schlangen halte, versetzt mir sein verbaler Seitenhieb aber nicht den wohl gewünschten Schauer.

Doch Schemann hat weit Besseres auf Lager. „Es kann schon mal sein, dass die da oben in der Stadt uns hören. Die glauben dann, bei ihnen stimmt was im Oberstübchen nicht“, erzählt er lachend. Mit mir geht sofort die Fantasie durch. Ungesehener Zuhörer unter der Grasnarbe oder – noch besser – Zurufer durchs eigentlich stille Örtchen. Diebisch grinsend schreite ich durch den Kanal. Doch meine Lust, weiterzugehen wird urplötzlich geringer, als wir in den Bereich kommen, der nicht gereinigt wurde. „Hier wird es . . .“ – „rutschig“, ergänze ich Schemann, denn auch ich habe gemerkt, das meine Füße nur noch schlecht Halt finden.

„Aus diesem Grund wollten wir nicht mit Dir in einen Abwasserkanal. Das ist dort wie Seifenlauge. So rutschig, dass man durchaus Panik bekommen kann.“ Sofort schießt mir das Bild durchdrehender Füße in den Kopf. Ich stelle mir vor, wie ich rutsche, mich abstütze und meine Hände aus dem ziehe, was mit Seifenlauge wohl nicht wirklich zu vergleichen ist. Das wäre dann wohl wirklich etwas zu viel der Belohnung bei „Münster down under“ gewesen.

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