Gehörlose im Alltag
Hören mit den Augen

Advent, die Zeit der Stille. Zumindest was das angeht, unterscheidet sich die wohl schönste Zeit des Jahres für Stefan Kösters nicht von den restlichen Monaten. Der 44-jährige Familienvater ist gehörlos: „Für mich ist es das ganze Jahr still.“

Montag, 24.12.2018, 12:46 Uhr aktualisiert: 24.12.2018, 13:08 Uhr
Für Stefan Köstersist die Familie das Wichtigste. Mit seiner Frau Yvonne (links) und den Kindern Fabio (2.v.l.), Malte und Fiona verbringt er gerne viel Zeit – zum Beispiel beim Memory-Spielen. Jürgen Christ
Für Stefan Köstersist die Familie das Wichtigste. Mit seiner Frau Yvonne (links) und den Kindern Fabio (2.v.l.), Malte und Fiona verbringt er gerne viel Zeit – zum Beispiel beim Memory-Spielen. Foto: Jürgen Christ

Weihnachtsmusik, Vogelgezwitscher, Kindergeschrei – all das kennt Stefan Kösters nicht. Und das, obwohl er als Sohn zweier Gehörloser hörend zur Welt gekommen ist. Im Alter von einem halben Jahr bekam er eine Hirnhautentzündung, seitdem ist er gehörlos, sagt Stefan Kösters in Gebärdensprache. Seine Frau Yvonne , selbst schwerhörig, übersetzt von der Laut- in die Gebärdensprache und umgekehrt.

Was für einen Hörenden unvorstellbar ist, ist für Stefan Kösters ganz normal. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, normal zu hören.“ Deshalb vermisse er auch nichts, weil er es einfach nicht anders kenne. Stefan Kösters ist daran gewöhnt, an ein ganzes Leben in Stille.

Der Familienvater hat eine Ausbildung zum Industriemechaniker gemacht. Einen Ausbildungsplatz zu finden, sei relativ einfach gewesen, übersetzt Yvonne Kösters die Gebärden. „Aber danach war ich arbeitslos“, sagt Stefan Kösters. Generell sei es für Gehörlose nicht einfach, einen Job zu finden.

Lichtsignal im Wohnzimmer

Die Kösters haben die Erfahrung gemacht, dass viele Arbeitgeber Hemmungen haben, einen Gehörlosen einzustellen. Hinzu komme, dass längst nicht jeder Beruf geeignet sei. „Wenn man telefonieren muss, dann ist das nichts für Gehörlose“, sagt Yvonne Kösters schmunzelnd. Bei einer Maschinenfabrik in Spelle wurden die Hemmungen überwunden, seit über zehn Jahren arbeitet der Vater von drei Kindern nun dort.

So erlebt einen Gehörloser seinen Alltag

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  • Yvonne Kösters ist schwerhörig, Stefan Kösters ist gehörlos. Das Alltagsleben ist deshalb manchmal schwierig, für die Familie aber immer zu bewältigen.

    Foto: Jürgen Christ
  • Familie Kösters aus Rheine-Mesum spielt Memory. Dabei lernen die Kinder Fiona, Malte (3.v.l.) und Fabio (2.v.l.) spielerisch die Gebärdensprache. Vater Stefan ist gehörlos.

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  • Die fünfjährige Fiona spielt mit ihrem Vater Stefan Memory - und lernt dabei spielerisch viele Gebärden. Noch bevor sie sprechen konnte, konnte sie einige Gebärden bereits.

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  • Die fünfjährigen Zwillinge Fiona und Malte haben eben wie ihr Bruder zunächst einige Gebärden gelernt, bevor sie sprechen konnten. Die Kommunikation mit dem gehörlosen Vater? Kein Problem.

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  • Wenn Stefan Kösters sich freut - zum Beispiel weil er zwei passende Karten gefunden hat - wird das auch ohne Jubelrufe sehr deutlich.

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  • Stefan Kösters zeigt seiner Tochter Fiona die Gebärde für Plätzchen. Denn so eines hält sie in der Hand.

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  • Genüsslich hineinbeißen will die Fünfjährige nicht - da übernimmt das einfach der Papa.

    Foto: Jürgen Christ

Der zwölfjährige Fabio und die fünfjährigen Zwillinge Fiona und Malte können hören. Trotzdem haben die drei erst einige Gebärden gelernt, bevor sie Lautsprache sprechen konnten. Mittlerweile suchen sie allerdings oft den ein­fachen Weg – und fragen eben Mama und nicht Papa. Für Stefan Kösters ist das okay: „Ich weiß, dass meine Kinder mir erzählen, was los ist und wie es ihnen geht.“

Doch wie läuft der Alltag in einer Familie, wenn einer nicht hören kann? „Stefan hat auch einige Vorteile“, sagt Yvonne Kösters lachend. Denn er höre nicht, wenn die Kinder schreien. Damit Stefan Kösters trotzdem alles mitbekommt, gibt es ein Hilfsmittel: Im Kinderzimmer ist ein Sender angebracht, der auf laute Geräusche reagiert. Weint eines der Kinder, gibt es Zank oder zu viel Getobe, gibt es ein Signal an den Empfänger im Wohnzimmer. Der gibt dann ein Lichtsignal ab.

Gebärdensprache mit Fußballmannschaft

Und das verpasst Stefan Kösters nicht, weil seine anderen Sinne deutlich schärfer sind. „Ich höre mit den Augen“, sagt der 44-Jährige. Deshalb sei auch Autofahren kein Problem. Alle paar Sekunden geht der Blick in den Spiegel. Und obwohl er einen Krankenwagen nicht hören kann, bemerkt er ihn schnell: „Ich sehe das Blaulicht.“ Was Stefan Kösters Ohren nicht können, gleichen seine Augen aus.

„Für meine Frau ist der Alltag schon anstrengend“, weiß Stefan Kösters. Vieles gehe ohne sie einfach nicht. Doch die Kösters sind ein eingespieltes Team. Und Stefan hat gelernt, mit seiner Behinderung umzugehen. Er lässt sich davon nicht aufhalten.

Seit gut eineinhalb Jahren trainiert der 44-Jährige eine Jugend-Fußballmannschaft. „Eigentlich wollte ich gar nicht Trainer werden“, sagt er. Doch der Trainer von Fabios Mannschaft kann Gebärdensprache – und war auf der Suche nach Unterstützung. Stefan Kösters hat schnell Freude am Trainer-Dasein gefunden. Und das, obwohl die Kommunikation mit den Jungen am Anfang sehr schwierig war. Wenn sein Trainer-Kollege nicht da ist, helfen ein großer Block und ein Stift, um etwas zu erklären. Wird es komplizierter, hilft auch Sohn Fabio mal mit einer Übersetzung.

Smartphones erleichtern das Leben

Kommunikation – das ist für Stefan Kösters noch immer die größte Hürde. Zettel und Stift oder Handzeichen – anders kann sich der 44-Jährige oft nicht verständigen. „Mein Wunsch wäre es, dass es überall Dolmetscher gibt“, sagt Stefan Kösters. Doch in ganz Deutschland gibt es davon nur 600 bis 800. Für einen Arztbesuch oder den Elternsprechtag in der Schule bekommen die Kösters den Dolmetscher von Krankenkasse oder Schulamt bezahlt. Doch Termine in der Bank, bei der Versicherung oder ein Autokauf? Die Kosten müssen die Kösters selbst tragen. Eine Stunde kostet dann knapp 75 Euro. Hinzu kommt: Spontane Termine sind unmöglich. „Einen Gebärden-Dolmetscher muss man Wochen im Voraus buchen“, sagt Yvonne Kösters.

Gehörlose in Deutschland

In Deutschland leben laut Deutschem Gehörlosen-Bund etwa 80.000 Gehörlose. Hinzu kommen etwa 16 Millionen Schwerhörige, von denen 140.000 einen Grad der Behinderung von über 70 Prozent haben und ­deshalb auf einen Gebärden-Dolmetscher angewiesen sind. Der Deutsche Gehörlosen-Bund weist darauf hin, dass nur etwa 15 Prozent der Gehör­losen die Behinderung geerbt haben. Schon bei einem Fötus kann zum Beispiel eine Viruserkrankung der Mutter zur Gehörlosigkeit führen. Gründe für einen späteren Hörverlust sind unter anderem Gehirnhautentzündungen, Schädelbrüche, Virus-Infektionen wie Mumps oder Masern, chronische Mittelohrentzündungen oder bestimmte Medikamente. In vielen Fällen bleibe die Ursache für die Gehörlosigkeit allerdings unbekannt.

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Stefan Kösters wünscht sich für alle Städte ein Konzept wie in Aachen. Die Stadt bezahlt jedem Gehörlosen dort drei Dolmetscher-Stunden pro Monat für private Zwecke. Zumindest die finanzielle Hürde wird so genommen. Außerdem würde Stefan Kösters befürworten, wenn es mehr Angebote gäbe, um die Gebärdensprache zu lernen.

Trotz all der Hindernisse kommt Stefan Kösters sehr gut zurecht. Vor allem technische Hilfsmittel wie das Smartphone erleichtern ihm das Leben. Auch wenn es trotzdem oft noch schwierig ist, hat er für sich entschieden, worauf es ankommt: „Wichtig ist, dass es der Familie gut geht. Wenn die Kinder glücklich sind, sind wir es auch.“

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