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Das sind die kritischsten Verkehrsstellen in Münster

Münster -

Schmale Radwege, unbekannte Vorfahrtsregelungen und unklare Beschilderung: Auf Münsters Straßen kann es schon mal brenzlig werden. Fahrschulinhaber Ulf Imort und Radverkehrexperte Elmar Post verraten, welche Stellen besonders kritisch sind und was zu tun ist, um den Verkehr sicherer zu machen.

Mittwoch, 30.01.2019, 15:00 Uhr aktualisiert: 30.01.2019, 16:03 Uhr
Video mit Fahrlehrer: Das sind die kritischsten Verkehrsstellen in Münster
Der Straßenverkehr in Münster ist sicherer, aber hektischer geworden, sagt Ulf Imort, Inhaber der gleichnamigen Fahrschule in Münster. Foto: Cengiz Sentürk

Es sieht nach dem typischen Vorführeffekt aus: Ulf Imort sitzt am Steuer seines Wagens und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die gegenüberliegende Seite der Kreuzung, an der er gerade hält. Genau dort, an der Mecklenbecker Straße, sollten jetzt eigentlich andere Autofahrer mit Tempo in Richtung Scharnhorststraße fahren. Vielleicht sogar noch, nachdem sie für den Gegenverkehr erst im letzten Moment zu erkennen sind, weil zuvor ein Lkw die Sicht versperrt hat. Imort, Inhaber der gleichnamigen Fahrschule in Münster, will damit demonstrieren, wie gefährlich dieser Verkehrspunkt ist. So weit die Theorie.

Doch weder wartet ein Lkw an der Ampel noch rast ein Auto über die Kreuzung. Typischer Vorführeffekt eben, bis ein Wagen im letzten Moment von der Linksabbiegerspur herüberzieht und geradeaus fährt. „Wenn der richtig Gas gibt und ich gebe auch gerade Gas, dann knallt's”, sagt Imort. Die Scharnhorststraße ist nicht die einzige Straße, die der Fahrschulinhaber ausgesucht hat, um kritische Ecken in Münsters Verkehr zu offenbaren, die exemplarisch für ähnliche Stellen stehen können.

Mit dem Auto durch Münster: Auf diesen Straßen wird es brenzlig

ADFC: Radverkehr noch nicht sicher genug

Eine Erkenntnis von Imort: Der Straßenverkehr in Münster ist sicherer, aber gleichzeitig hektischer geworden. „Münster ist nicht schlecht ausgestattet, was die Verkehrsführung angeht”, sagt Imort. Vieles sei klar beschildert und übersichtlich. An zahlreichen großen Kreuzungen werde das deutlich.

Für Linksabbieger ist an vielen Ecken, anders als an der Scharnhorststraße, eine eigene Spur eingerichtet worden. Radfahrer bekommen zwei, drei Sekunden vor den Autofahrern grün. Und unzählige Verkehrsspiegel, die Rechtsabbiegern einen besseren Überblick ermöglichen sollen, sind an Ampelmasten befestigt worden.

Elmar Post sieht eine positive Veränderung vor allem für eine Gruppe von Verkehrsteilnehmern: „Für Autofahrer ist der Verkehr sicherer geworden. Für Radfahrer ist es nicht schlechter geworden, aber das Ziel, jedes Jahr zehn Prozent weniger Unfälle mit Radfahrern, erreichen wir zurzeit nicht.” Der Alltagsradverkehrexperte beim ADFC-Kreisverband Münsterland erkennt zwar einige Verbesserungen auf dem Weg zu sicherem Radverkehr, aber auch noch viele Baustellen.

Radfahrer nur noch in Schrittgeschwindigkeit?

Der Radverkehr soll auch nicht nur sicher, sondern auch leicht, sprich flüssig und bequem, sein, sagt Post: „Die Sicherheit darf nicht auf Kosten der Leichtigkeit gehen.” Wenn man erreichen wolle, dass mehr Menschen vom Auto auf das Fahrrad umsteigen, dürften Radfahrer künftig etwa nicht so eingeschränkt werden, dass sie nur noch in Schrittgeschwindigkeit unterwegs sind. Das würde vermutlich zu mehr Sicherheit führen, aber weniger Leichtigkeit führen.

Gut findet Post, dass sehr viele Radwegübergänge an großen Kreuzungen, Kreisverkehren oder Tankstelleneinfahrten mittlerweile rot markiert wurden. Das erhöht die Aufmerksamkeit der Autofahrer beim Abbiegen. Erfreulich sei zudem, dass der Winterdienst „zwar nicht gut, aber besser geworden” ist. Gleiches gelte für das Wegräumen der Blätter im Herbst. Auch die Einbahnstraßenregelung und die Ausweisung von Fahrradstraßen helfen, den Radverkehr sicherer zu machen. Restlos zufrieden ist Post mit den Fahrradstraßen aber nicht: „Wir begrüßen die sehr. Wir sind aber mit der Art, wie sie umgesetzt wurden, nicht zufrieden.” Es fehle Platz.

Zu schmale Radwege

Und zwar nicht nur bei Fahrradstraßen. „Wir haben ein dickes Problem mit schmalen Radwegen”, sagt Post. Es gebe Straßen, die seien „sehr autofreundlich geplant”, sogar entgegen der Richtlinien: „Dabei werden gesetzliche Vorgaben nicht eingehalten.” Teilweise sei es so eng, dass sich Fußgänger und Radfahrer gegenseitig stören. Eine Unfallgefahr stellen auch unebene Oberflächen dar. Wurzelaufbrüche oder versetzte Steine gefährdeten Radler.

Tempolimit „teilweise ein bisschen too much”

Ecken, an denen es an eindeutiger Beschilderung oder Übersichtlichkeit fehlt, sind für Imort potenzielle Gefahrenstellen. Die Fülle des Verkehrs sorge für „sehr viel Wuseligkeit”, dann falle es besonders an diesen Stellen schwer, alles wahrzunehmen. Das wiederum mache sie gefährlich. Bei einer Erkundungstour durch die Stadt zeigt Imort Einfahrten, Kreuzungen und Kreisverkehre.

Er lenkt sein Auto von der Weseler Straße auf die Aegidiistraße. Letztere gehört zu den 14 Verkehrsachsen in Münster, an denen ab dem 1. Februar Tempo 30 gilt. Das soll nicht nur die Sicherheit erhöhen und den Schadstoffausstoß verringern, sondern auch den Lärm reduzieren. Imort sieht die Geschwindigkeitsbegrenzung skeptisch: „An einigen Stellen ist das sinnvoll, teilweise aber auch ein bisschen too much.”

Post wünscht sich eine Abstandskampagne

Elmar Post ist da anderer Meinung. Er bewertet es positiv, dass auf vielen Einfallstraßen wie der Steinfurter Straße, Weseler Straße oder Grevener Straße anders als früher teilweise nur noch 50 km/h gefahren werden darf. Post würde es grundsätzlich befürworten, wenn der Autoverkehr zurückgedrängt würde und Fußgänger und Radfahrer mehr Vorrang erhielten.

Eine Abstandskampagne - weniger dicht auffahren, weniger dicht ranfahren, weniger bedrängen, allgemein und besonders vom Kfz - wünscht sich Post schon länger: „Autofahrer bedrängen Radfahrer zu sehr. Das hält ganz viele Menschen vom Radfahren ab. Nicht nur in Deutschland, das ist ein weltweites Problem.”

Probleme mit Radfahrern

Zurück mit Imort im Auto heißt es erst mal: warten. Denn nach ein paar Metern auf der Aegidiistraße kreuzen die ersten Radfahrer und Fußgänger den Weg. Eine Radlerin schlängelt sich zwischen parkenden Autos und Imorts Wagen durch, ein Bus kommt entgegen, dahinter warten schon die nächsten Radfahrer. Ulf Imorts Blick wandert zum Tacho, 21 km/h blinken dort auf.

Imort sieht sich bestätigt: „An vielen Stellen habe ich tagsüber gar keine Möglichkeit, schneller zu fahren. Da brauche ich keine Schilder hinstellen.” Er steuert sein Auto weiter in Richtung LWL-Museum, vor einem Zebrastreifen muss er stoppen. Er biegt um die Kurve, sofort kommt der nächste Fußgängerüberweg, wieder muss Imort anhalten.

Vorfahrtsregelung an der Promenade umstritten

Dass Radfahrer auf der Promenade künftig Vorfahrt erhalten sollen, hält der Fahrschulinhaber nur bedingt für eine gute Idee. Mit der neuen Regelung soll der Radverkehr nicht nur zügiger und komortabler, sondern auch sicherer werden.

Nach einer Zeit wird man automatisch unachtsam.

Ulf Imort

Imort vermutet, dass Radfahrer allerdings vielleicht sogar zu weniger Vorsicht erzogen werden: „Nach einer Zeit wird man automatisch unachtsam.” Dass es für die Radler sicherer würde, glaub Imort nicht: „Eher schlechter. Die würden ohne zu gucken da lang fahren. Sie verlassen sich darauf, dass wir schon aufpassen.”

Erwartbar eine etwas andere Sicht hat Elmar Post. Er befürwortet es grundsätzlich, wenn der Radverkehr auf der Promenade bevorzugt wird: „Es darf und sollte zu Lasten des individuellen motorisierten Verkehrs gehen.” Fußgänger, der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) und Menschen, die beruflich dort langfahren, wie Handwerker, sollten aber nicht zu stark in ihrer Sicherheit und Leichtigkeit beschränkt werden: „Das könnte sicher gestellt werden, indem längere Wartezeiten an der Promenade durch verkürzte Wegezeiten - besonders für ÖPNV und Handwerker - innerhalb des Promenadenrings ausgeglichen werden.”

An diesen Kreuzungen bekommt die Promenade Vorfahrt

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  • Ab 2019 sollen Radfahrer, die auf der Promenade fahren, an diesen vier Kreuzungen Vorfahrt haben:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Salzstraße

    Foto: Matthias Ahlke
  • Hörstertor – hier regelt derzeit eine Ampel den Verkehr

    Foto: Matthias Ahlke
  • Kanalstraße

    Foto: Matthias Ahlke
  • Am Kreuztor

    Foto: Matthias Ahlke
  • Die sechs weiteren Kreuzungsbereiche sollen später folgen. Dort könnten Unterführungen - wie an der Mauritzstraße - oder Brücken gebaut werden.

    Foto: Matthias Ahlke

Velorouten- und Radverkehrskonzept sind wichtiger

Für Post zählt die Vorfahrtsregelung auf der Promenade aber nicht zu den drängendsten Aufgaben, die umgesetzt werden müssen, um den Radverkehr sicherer und leichter zu machen. Dass das beschlossene regionale Veloroutenkonzept und das ebenfalls beschlossene Radverkehrskonzept 2025 mit tatsächlich hohen Standards, was Breite, Oberfläche, Licht, Vorfahrtberechtigungen oder Winterdienste betrifft, zügig umgesetzt werden, ist für Post wichtiger als eine schnelle Promenadenlösung.

Ich finde es gar nicht schlecht, wenn die Fahrradfahrer gezwungen werden, anzuhalten.

Fahrlehrer Ulf Imort

Wie sinnvoll die vorgeschlagene Vorfahrtsregelung ist, versucht Ulf Imort bei der Erkundungstour durch die Stadt herauszufinden. Er fährt an den vier Querungsstellen der Promenade, Am Kreuztor, Kanalstraße, Hörstertor und Salzstraße, vorbei, die ab diesem Jahr umgebaut werden sollen. Er schaut sich den Radverkehr an und schätzt ein, welche Auswirkungen das auf den Autoverkehr haben dürfte.

Sinnvoll findet er die neue Vorfahrtsregelung lediglich an einer Stelle: „An der Salzstraße kann ich es mir vorstellen, weil wir hier nicht so viel Autoverkehr haben.” Am Hörstertor leuchtet ihm die Vorfahrt für Radfahrer nicht ein. Durch die Ampel sei der Verkehr dort geregelt: „Ich weiß gar nicht, was man hier ändern will. Ich finde es gar nicht schlecht, wenn die Fahrradfahrer gezwungen werden, anzuhalten.”

Mehr Gelassenheit und Rücksicht

Um den Verkehr sicherer zu machen, können Autofahrer und Radfahrer selbst etwas tun, ist Imort überzeugt: Gelassener und mit mehr Rücksicht fahren, sind seine Tipps für alle Verkehrsteilnehmer. Auch Post meint, dass Radfahrer selbst aktiv werden können, indem sie langsam fahren und viel gucken. Das dürfe allerdings nicht dazu führen, dass Radler immer auf ihre Vorfahrt verzichten: „Das Recht, das man nicht nimmt, verschwindet.”

Das Recht, das man nicht nimmt, verschwindet.

Elmar Post, ADFC Münster

Imort plädiert für vorausschauendes Fahren: „Mein Ziel ist es, so zu fahren, dass ich am besten gar nicht anhalten muss.” Sprich: Wenn die Ampel auf rot springt, nimmt Imort rechtzeitig das Gas weg und lässt den Wagen ausrollen. „Vorausschauendes Fahren ist auch für die Gesundheit gut. Auch wenn man manchmal das Gefühl hat, dass man sowas von langsam unterwegs ist.”

Das sagt die Verkehrsunfallstatistik

Die Verkehrsunfallstatistik aus dem Jahr 2018 wird im Frühjahr erwartet. Die Zahlen aus 2017 zeigen, dass es mehr Unfälle im Stadtgebiet gegeben hat als im Vorjahr (2017: 10.956 Unfälle; 2016: 10.501). 3651 schwerwiegende Unfälle mit Verletzten, hohem Sachschaden oder Straftaten wurden 2017 registriert. 1492 Personen wurden verletzt, vier Menschen starben.

Polizeipräsident Hajo Kuhlisch machte bei der Vorstellung der Statistik auch die gewachsene Bevölkerungszahl und die damit gestiegene Verkehrsdichte dafür verantwortlich, dass die Zahl der Unfälle ebenso wie die der verletzten Personen gestiegen ist. Besonders gefährlich war der Straßenverkehr in 2017 für Radfahrer. An jedem fünften schwerwiegenden Verkehrsunfall war ein Radler beteiligt. Insgesamt wurden 745 Radfahrer verletzt.

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