Interview zur Clubkultur
„Die Leute sind braver geworden“

Münster -

Was ist nur aus der Jugend geworden? Alles Karrieristen ohne Spaß am Feiern? Nicht ganz. Ivo Schweikhart, bekannt als DJ Eavo, und die Betriebsleiter der Disco „Amp“, Peter Bastian und Sven Krützmann, erklären im Interview wie sich die Club-Szene verändert.

Dienstag, 05.02.2019, 10:00 Uhr aktualisiert: 05.02.2019, 10:08 Uhr
Eine Szene im Wandel: DJ Eavo alias Ivo Schweikhart (r.) sowie die Betriebsleiter des Amp, Sven Krützmann (M.) und Peter Bastian, sind Teil von Münsters Clubszene und spüren die Veränderungen im Ausgehverhalten.
Eine Szene im Wandel: DJ Eavo alias Ivo Schweikhart (r.) sowie die Betriebsleiter des Amp, Sven Krützmann (M.) und Peter Bastian, sind Teil von Münsters Clubszene und spüren die Veränderungen im Ausgehverhalten. Foto: Pjer Biederstädt

Die Feierkultur in der Stadt ist im Wandel. Ivo Schweikhart, bekannt als DJ Eavo, und die Betriebsleiter der Disco „Amp“, Peter Bastian und Sven Krützmann, erklären im Interview mit Pjer Biederstädt, wie sich die Club-Szene verändert hat und warum das Party-Publikum braver geworden ist.

Ivo, Du legst seit 1997 als DJ in Münsters Clubs auf. Hat sich die Feierkultur in der Stadt in den letzten 20 Jahren verändert?

Ivo Schweikhart: Ja, ganz stark. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Leute braver geworden sind. Es wird weniger ausgegangen. Es gibt weniger Clubs. In Bezug auf „Kultur“ finde ich es allerdings positiv, dass das Angebot etwas bunter geworden ist. Früher hatten die meisten Clubs ein eher statisches Programm. Mittwochs Rock, freitags Pop, samstags Funk und House. Neue Veranstaltungsreihen zu etablieren, erforderte viel Aufwand: Flyer, Plakate, Mundpropaganda.

Und heute?

Ivo Schweikhart: Heute läuft das oft über ein paar Klicks in den sozialen Medien. Das Modell der wöchentlichen Veranstaltung hat zumindest am Wochenende meist ausgedient. Jetzt findet – überspitzt formuliert – alles überall statt. Die musikalische Diversität insgesamt scheint mir dabei aber stark zurückgegangen zu sein. Leider.

Peter Bastian: In Münster ist das Party-Publikum zweigeteilt: Es gibt die Leute, die nicht primär auf die Musik, sondern aufs Feier-Erlebnis ausgerichtet sind, und die, die nach diversifizierten, besonderen Veranstaltungen Ausschau halten.

Sven Krützmann: Ich glaube, dass die Leute heutzutage ein gewisses Niveau an Organisation und Konzept erwarten. Es reicht heute nicht mehr, einfach den Laden aufzumachen und eine Musikrichtung zu spielen.

Renovierung des "Conny Kramer"

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  • Party- und Bautrupp „Kammerflimmern“ (v.l.): Jan Teismann, Thanh-Binh Dang, Kevin Owusu und Johannes Schmitz renovieren das "Conny Kramer".

    Foto: Lukas Schildt/Creatures Lab
  • Noch stehen Gerüste in der Disco am Hawerkamp, wo schon bald wieder getanzt werden soll.

    Foto: Lukas Schildt/Creatures Lab
  • Kommunikation ist bei dem Unterfangen alles.

    Foto: Lukas Schildt/Creatures Lab
  • Foto: Lukas Schildt/Creatures Lab
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  • Foto: Lukas Schildt/Creatures Lab

Ivo hat eben gesagt, dass Münsters Party-Gemeinde braver geworden sei. Wie erklärt Ihr euch das?

Ivo Schweikhart: Der gesellschaftliche Druck wächst. Die 20- bis 30-Jährigen sind heute deutlich karriereorientierter als vor 20 Jahren. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt begünstigt durch die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen. Aber auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen spielen eine Rolle. Studierende haben wegen der hohen Mieten in der Stadt weniger Geld, um auszugehen und weniger Zeit durch ihre Nebenjobs. Dazu kommen Zeitfresser wie „Serien-Binge“ oder Spielekonsolen.

Sven Krützmann: Außerdem ist der Wunsch nach Selbstkontrolle gestiegen. Man sieht das an den Fitness- und Ernährungstrends. Es wird weniger geraucht, es wird weniger getrunken. Die Entwicklung der Vereinzelung in der Gesellschaft scheint die Angst vor Kontrollverlust zu fördern. Daraus resultiert, dass die Leute versuchen, als Individuum stärker Kontrolle über sich zu haben. Und das spiegelt sich auch in den Clubs wider. Es wird nicht mehr so exzessiv gefeiert.

Wie macht sich das in den Clubs bemerkbar?

Ivo Schweikhart: Früher waren die Läden mittwochs oft voller als am Wochenende. Wenn ich mich an „Disco Pigs“ im Amp erinnere, oder die „Rip-Night“ im GoGo und „Pretty Day“ im Theatercafé – holla! Heute öffnen mittwochs nur noch ganz wenige Clubs.

Wird in den Diskotheken weniger getrunken?

Peter Bastian: Das können wir nicht genau beziffern. Aber der Trend geht dahin, dass man sich zu Hause betrinkt, nur noch den Eintritt bezahlt und im Club noch ein Bierchen kauft. Das gilt vor allem für das jüngere Publikum. Die Generation 25 plus gleicht das dann wieder aus.

Vor einigen Tagen hat die Elephant Lounge ihre Schließung angekündigt . Werden es die Clubs der Stadt in Zukunft schwerer haben, zu überleben?

Sven Krützmann: Clubs haben es jetzt schon schwerer als vor drei oder vier Jahren. Aber die Entwicklung ist schwer vorherzusagen, denn die Zahl der Studenten steigt. Potenzielle Kundschaft gibt es also genug. Aber die Prozentzahl von denen, die feiern gehen, sinkt.

Ivo Schweikhart: Es sind unterm Strich in den letzten 20 Jahren schon deutlich weniger Club-Locations geworden: Odeon, Cascade, Club Charlotte, Luna Bar, Eule, Stur, Grey – alle weg, ohne Nachfolger am selben Ort.

Gegenbeispiel: Die Rote Lola dagegen ist seit der Eröffnung 2014 meistens gut besucht, indem sie mit ihrer „WG-Party“ die breite Masse anspricht. Wollen die Leute vielleicht gar keine ausdifferenzierten Musikkonzepte?

Ivo Schweikhart: Das ist in der Tat ein Paradoxon. Es gibt viele Leute, die zu Hause – dem Internet sei Dank – sehr spezielle Musik hören und dann aber im Club zu allgemeinerer Musik tanzen. Das hat sich entkoppelt. Musik im Club ist vielfach zu reiner Funktionsmusik geworden, zur Feiermusik. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass die Leute weniger musikinteressiert sind. Vielleicht kriegt man sie musikalisch nur nicht mehr so gut unter einen Hut.

Ist ein Club heute noch das, was er früher mal war?

Sven Krützmann: Für mich ganz persönlich: nein. Denn früher war es ein mystischer Ort. Wie sieht es da drinnen aus? Wer wird da sein? Was wird gespielt? Heute bekomme ich die Antworten darauf in fünf Minuten über Social-Media-Plattformen. Und wenn man ein Mädel kennenlernen will – dafür ging man früher auch in Clubs – öffnet man einfach die Dating-App „Tinder“.

Ivo Schweikhart: Das gilt gewissermaßen auch für die Musik. Ich bin früher gern ins Gleis 22 gegangen, eben auch, um neue Musik kennenzulernen. Wenn ein gutes Stück lief, habe ich den DJ nach dem Titel gefragt und bin am nächsten Tag in den Plattenladen gerannt. Der Zugang zu neuer Musik war mühselig. Heute kann jeder über Streaming-Dienste vom Handy aus neue Musik entdecken.

Welche Zukunft haben Münsters Clubs?

Sven Krützmann: Die Disco wird nicht aussterben. Vielleicht wird es mehr Hybridmodelle mit Bar- und Tanzangeboten geben. Die sind im Kommen. Aber Clubs wird es in Münster immer geben.

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