Patienten-Umfrage
Ohne Not in die Notaufnahmen

Münsterland -

Die Notaufnahmen sind überfüllt, die Ärzte überlastet – und dann auch noch das: Patienten mit verhältnismäßig harmlosen Erkrankungen oder Verletzungen binden wichtige Kapazitäten, die anderswo dringend benötigt würden.

Mittwoch, 13.03.2019, 06:30 Uhr
Die schweren Fälle haben in Notfallambulanzen Vorrang.
Die schweren Fälle haben in Notfallambulanzen Vorrang. Foto: dpa

Mehr als jeder dritte Patient geht bei Beschwerden lieber direkt in die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses als zum Hausarzt. Dies geht aus einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse hervor. Als Grund gibt fast die Hälfte der Notaufnahme-Nutzer an, dass sie sich im Krankenhaus medizinisch besser versorgt fühlt als in der Arztpraxis.

Patientenzahlen steigen

Auch im Münsterland sorgen Patienten ohne lebensbedrohliche Beschwerden immer wieder für lange Schlangen in den Wartezimmern der Notfallambulanzen. „Ich schätze, dass etwa 30 Prozent der Patienten eigentlich nicht hierher gehören“, sagte Philipp Kümpers , Oberarzt in der Notfallaufnahme des Uniklinikums Münster (UKM), auf Anfrage dieser Zeitung. „Die Zahl der Patienten in den Notaufnahmen steigt jedes Jahr weiter an. Und damit auch die Zahl derjenigen, die hier eigentlich nicht hingehören“, pflichtet ihm Tobias Rodig, Sprecher des Klinikums Westmünsterland mit sechs Standorten im Kreis Borken bei.

Das Bewusstsein, dass Grippe und aufgeschürfte Knie keine Notfälle sind, scheint dennoch bei vielen von Forsa Befragten vorhanden zu sein: Obwohl für einen Großteil die Notaufnahme die erste Wahl ist, sagen 83 Prozent, dass sie eine Klinik nur mit schweren Beschwerden aufsuchen.

Belastung und Erfahrung

Rodig beklagt dennoch die ­zusätzliche Belastung für Ärzte und Pfleger, die immer mehr Menschen ver­sorgen müssen: „Die Anzahl der Patienten in der Not­aufnahme spiegelt auch die demografische Entwicklung wider. Es gibt immer mehr ältere, schwer- und schwerstkranke Patienten. Durch die Patienten, die eigentlich in einer Notfallpraxis versorgt werden könnten, wird die ­Situation verschärft.“

Trotz der Mehrbelastung kann Kümpers der Situation sogar etwas Positives abgewinnen. „Ich finde das gar nicht so schlimm, dass wir auch solche Patienten haben. Gerade für die jungen Ärzte ist es wichtig, dass diese in der Ausbildung nicht nur mit den schweren Fällen in Berührung kommen“, sagt der Leiter der Notaufnahme des UKM.

Eröffnung von Ärztehäusern

In den Häusern der Franziskus-Stiftung sei die Anzahl der Patienten in den vergangenen fünf Jahren um 16 Prozent gestiegen, wie Sprecher Volker Tenbohlen mitteilte. Auf die wachsende Zahl der minderschweren Fälle reagiere man mit der Eröffnung von Ärztehäusern, die an die Krankenhäuser angedockt sind. In Lüdinghausen und Münster ent­stehen diese gerade, in Ahlen gibt es damit bereits ­gute Erfahrungen.

Hintergrund des hohen Patientenaufkommens in den Notaufnahmen sei auch, „dass viele Patienten überhaupt keinen Hausarzt als Ansprechpartner haben und Orientierung benötigen“, erklärt Tenbohlen. Das Uni­klinikum macht dieselbe Erfahrung: „Dabei handelt sich vor allem um junge Er­wachsene“, sagt Kümpers. Denen müsse auch geholfen werden. Ohnehin betonen alle befragten Kliniken, dass kein Patient ohne Unter­suchung abgewiesen werde. „Manchmal sieht man den Patienten nicht an, dass sie doch schwerer erkrankt sind“, erklärt Kümpers. Bei weniger starken Beschwerden und Schmerzen müssten die Patienten aber mit längerer Wartezeit rechnen.

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