Messerattacke in Pizzeria
Die Gründe bleiben im Dunkeln

Nottuln -

Dass der heute 30-jährige Angeklagte einmal zustechen würde, hat keiner erwartet. Der Mann galt als freundlich und unauffällig. Jetzt musste er sich vor dem Landgericht wegen schwerer Körperverletzung verantworten.

Mittwoch, 24.04.2019, 21:00 Uhr
Messerattacke in Pizzeria: Die Gründe bleiben im Dunkeln
Foto: dpa

Der untersetzte junge Mann im blassblauen Sweatshirt und dem sauber rasierten Bart grüßt freundlich und nimmt Platz auf dem Stuhl, den man ihm anweist. Dass der heute 30-Jährige im April 2018 in der Küche einer Nottulner Pizzeria, in der er beschäftigt war, ohne Vorwarnung seinem Chef von hinten ein Fleischmesser drei Zentimeter tief in die Schulter gestoßen hat, kann man sich kaum vorstellen.

So ging es auch dem Opfer. Der 58-jährige Gastwirt und seine 52-jährige Ehefrau hatten den Mann drei Jahre lang beschäftigt, er sei immer freundlich gewesen, und man sei sehr gut miteinander ausgekommen. Für seine Tat musste der 30-Jährige sich am Mittwoch vor der 8. Großen Strafkammer am Landgericht in Münster verantworten.

Auseinandersetzung in der JVA

Eigentlich wurden dem Mann sogar zwei Körperverletzungsdelikte zur Last gelegt. Im September 2018 hatte es in der Justizvollzugsanstalt Münster eine Auseinandersetzung gegeben, bei der der Angeklagte einen Mithäftling mit einem Messer an den Händen verletzt hatte. Ein Missverständnis sei das gewesen, erklärten Angeklagter und Opfer übereinstimmend. Auf Vorschlag der Staatsanwältin trennte der Vorsitzende Richter das Verfahren ab und stellte es ein. Das machte die Attacke auf den Pizzeria-Chef allerdings noch nebulöser. Der Messerstich war offenbar nicht eine von mehreren Taten eines aggressiven Menschen, sondern stand einzigartig und unerklärlich da.

Was hatte den Mann zu der Tat bewogen? Der Angeklagte hatte zwar schon in früheren Gerichtsterminen in Coesfeld und Münster auf den hohen Stress bei der Arbeit hingewiesen, Ohrenschmerzen – eine verschleppte Mittelohrentzündung – und die Angst, an dieser zu sterben. Außerdem gab er an, das Gefühl gehabt zu haben, dass hinter seinem Rücken schlecht über ihn geredet würde.

Begleitung zum Krankenhaus

Dem standen die Aussagen des Ehepaares entgegen, das die Pizzeria schon seit vielen Jahren betreibt, dass man sich um die Mitarbeiter kümmere. Auch den aus Algerien stammenden Flüchtling, der erhebliche Sprachprobleme hatte, hatten die Nottulner unterstützt. Der Chef hatte ihn wegen der Ohrenbeschwerden sogar zum Krankenhaus begleitet, um zu übersetzen.

Und dann war da noch der Verdacht, dass ein ehemaliger 35-jähriger Mitarbeiter der Pizzeria, dem kurz zuvor gekündigt worden war, den leichtgläubigen Angeklagten für seine Rache instrumentalisiert haben könnte. Am Tag vor der Tat hatten die Beiden in einer Gastwirtschaft zusammengesessen. Als die Pizzeria-Chefin zufällig auch dorthin kam und freundlich grüßte, habe der Angeklagte betreten zu Boden geschaut, erzählte sie.

Die Suche nach dem Motiv

Doch dieser wie auch der 35-jährige Nottulner bestritten eine Verschwörung. Den Vorsitzenden Richter wunderte das wenig. Denn der 35-Jährige sei manipulativ und habe deswegen bereits vor Gericht gestanden. Er hatte seinen Ex-Schwager mit falschen Beweisen ins Gefängnis gebracht. Der Fall wurde aufgeklärt und der 35-Jährige fuhr selber ein (wir berichteten). Da aber auch das Gastwirtspaar bestätigte, der 35-Jährige sei trotz der Kündigung nicht im Streit gegangen, war dieses Motiv nicht zu belegen.

Umso wichtiger wurde deshalb das psychologische Gutachten. Fast alle hätten den Angeklagten als freundlich geschildert, doch einige Zeit vor der Messerattacke sei er reizbar und mürrisch gewesen. Bei der Begutachtung habe er über die Ohrenschmerzen und die Angst, an der Erkrankung sterben zu können, berichtet. Außerdem habe er angegeben, vor der Tat das Gefühl gehabt zu haben, man rede hinter seinem Rücken schlecht über ihn. Das, so der Gutachter, könne durchaus der Beginn von Wahnvorstellungen sein. Man könne dem Angeklagten eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit zuschreiben, die auf eine schizotype Störung zurückzuführen sei, fasste der Gutachter zusammen.

Stress und Schmerz

Die Staatsanwältin zweifelte an dieser Einschätzung. Der Angeklagte habe Zukunftssorgen gehabt, und als sein Kollege entlassen worden sei und er mehr arbeiten musste, sei er sauer geworden. Stress und Schmerz seien eine Sache, aber es sei ein Quantensprung zu einem Messerstich, verteidigte der Gutachter seine Erklärung.

Betroffen machten die Aussagen der Gastwirtseheleute. Sie schilderten ihre Ängste seit dem Vorfall. Beide sind auch nach einem Jahr noch in psychotherapeutischer Behandlung. „Wenn Fremde ins Geschäft kommen, wird mir mulmig“, sagte der 58-Jährige. Er schlafe schlechter als früher. Sie habe manchmal Angst, dass jemand komme und sie beide umbringen wolle, erzählte die 52-Jährige. Und über den Angeklagten sagte sie unter Tränen: „Wir hatten ihn alle gern. Ich weiß nicht, wieso das passiert ist, ich weiß es nicht.“ Die Wesensveränderung habe man bemerkt und ihn mehrfach gefragt, was los sei. Er habe aber immer abgewiegelt oder unterschiedliche Gründe genannt, auch von Kündigung habe er gesprochen. Gestritten habe man aber trotzdem nicht.

Hinterhältige Tat

Das Gericht würdigte abschließend die Reue des Angeklagten und dass er ohne Vorstrafen sei. Andererseits spreche seine Unauffälligkeit und die fehlende psychologische Vorgeschichte gegen die schizotype Störung und die damit verbundene eingeschränkte Steuerungsfähigkeit, doch eine mögliche Erklärung bleibe dies. Gegen den Angeklagten spreche aber vor allem die lebensbedrohende hinterhältige Tat, der Missbrauch des Vertrauens seiner Arbeitgeber und die gravierenden Folgen für das Opfer und seine Frau.

Mit einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten blieb das Gericht unter der Forderung der Staatsanwältin (drei Jahre, neun Monate) und über der der Verteidigung, die auf eine Bewährungsstrafe plädiert hatte.

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