Der geraubte Römerkopf
Uni-Museum gibt Kunstwerk zurück

Münster -

Im Archiv des Archäologischen Museums der Uni Münster lagerte ein alter Marmorkopf, der dort gar nicht sein durfte, weil er vor Jahrzehnten auf illegalem Weg Italien verlassen hat. Darum gab ihn das Museum an den italienischen Staat zurück. Am Mittwoch wurde das Kunstwerk von Carabinieri abgeholt.

Mittwoch, 05.06.2019, 11:00 Uhr aktualisiert: 05.06.2019, 11:51 Uhr
Keine Nase, dafür aber eine Lockenmähne: Kustos Dr. Helge Nieswandt (links) und Prof. Dr. Achim Lichtenberger präsentieren den alten Marmorkopf, der sich seit 1964 in Münster befindet, zuvor aber auf nicht legale Weise aus Italien nach Deutschland gekommen ist – und darum nun zurückgegeben wird.
Keine Nase, dafür aber eine Lockenmähne: Kustos Dr. Helge Nieswandt (links) und Prof. Dr. Achim Lichtenberger präsentieren den alten Marmorkopf, der sich seit 1964 in Münster befindet, zuvor aber auf nicht legale Weise aus Italien nach Deutschland gekommen ist – und darum nun zurückgegeben wird. Foto: Gunnar A. Pier

Der römische Marmorkopf, der an diesem Tag auf dem Schreibtisch von Prof. Achim Lichtenberger steht, hat mehr als eine Macke. Die Nase fehlt, die üppig wallende Frisur ist linksseitig derangiert und die ausgefranste Bruchkante am Hals zeigt, dass das steinerne Haupt einst auf einem Torso gesessen haben muss. Im Museum für Archäologie der münsterischen Uni, dessen Direktor Lichtenberger ist, war das Kunstwerk in Vergessenheit geraten – und mit ihm die brisante Geschichte seiner Herkunft.

Es ist ein wichtiges Zeichen, dass wir den Kopf zurückgeben.

Prof. Achim Lichtenberger

Der Römerkopf ist nämlich auf nicht legalem Wege nach Münster gekommen. So viel steht inzwischen fest. Also wird ihn das Museum zurückgeben. Formal an den italienischen Staat, praktisch ans Archäologische Museum in Fondi in Mittelitalien. Dort war er nämlich einst aufbewahrt. „Es ist ein wichtiges Zeichen, dass wir den Kopf zurückgeben“, sagte Lichtenberger. Das Museum übernehme damit eine Vorbildfunktion.

Offiziell zurückgegeben wird das Kunstwerk in anderthalb Wochen in der Deutschen Botschaft in Rom mit großem Tamtam. Gemessen daran fiel der Abtransport des 42 Kilogramm schweren Marmorkopfes am Mittwoch unspektakulär aus. Um neun Uhr fuhren Carabinieri einer auf Kunstwerke spezialisierten Einheit vor dem Fürstenberghaus im Zentrum der Stadt vor, luden den sorgfältig verpackten Kopf ein - und waren kurz danach auch schon wieder weg. Auf direktem Weg nach Italien.

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(v.l.n.r.): zwei Carabinieri, Uni-Rektor Prof Dr. Johannes Wessels, Museums-Direktor Prof. Dr. Achim Lichtenberger. Foto: WWU – Lianna Hecht

Viele Jahre hatte der steinerne Lockenkopf, von dem es früher fälschlicherweise geheißen hatte, er stelle Alexander den Großen dar, im münsterischen Museum ein Mauerblümchendasein gefristet. 1964 hatte es der damalige Kustos des Museum von einem Hamburger Ingenieur gekauft, „für 3000 Mark“, sagte Lichtenberger. Die Ankaufpolitik sei damals „recht locker“ gewesen. Gezeigt wurde der steinerne Kopf nie, er passte nicht in das auf römische Vasen spezialisierte Ausstellungskonzept.

Römerkopf aus Italien im Ärchäologie-Museum Münster

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  • Ein ungewöhnliches Exponat betrachten Dr. H.-Helge Nieswandt (links) und Prof. Dr. Achim Lichtenberger im Institut für Klassische Archäologie und Christliche Archäologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster: Der römische Marmorkopf stammt aus Italien.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Die Nase fehlt, die üppig wallende Frisur ist linksseitig derangiert und die ausgefranste Bruchkante am Hals zeigt, dass das steinerne Haupt einst auf einem Torso gesessen haben muss.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Weil er vermutlich nicht auf legalem Wege nach Münster gekommen ist, soll er zurück nach Italien gebracht werden. Polizisten werden ihn verpacken und abholen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Noch in den 1930er Jahren zeigen historische Aufnahmen in Büchern den Kopf als Teil einer Büste, die im Archäologischen Museum Fondi aufbewahrt wurde.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Dass der Kopf zurückgegeben werden muss, stand für Achim Lichtenberger (rechts) und Kustos Dr. Helge Nieswandt außer Frage.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Zuletzt stand er etwas schmucklos auf Lichtenbergers Schreibtisch.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Die Nase fehlt, die üppig wallende Frisur ist linksseitig derangiert und die ausgefranste Bruchkante am Hals zeigt, dass das steinerne Haupt einst auf einem Torso gesessen haben muss.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Ein ungewöhnliches Exponat betrachten Dr. H.-Helge Nieswandt (links) und Prof. Dr. Achim Lichtenberger im Institut für Klassische Archäologie und Christliche Archäologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster: Der römische Marmorkopf stammt aus Italien.

    Foto: Gunnar A. Pier

Wie der Kopf in den Besitz des Hamburger gelangt ist, weiß heute niemand mehr. Recherchen der Münsteraner liefen ins Leere. Dass dies nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann, steht jedoch fest. „Die italienischen Behörden, können sich kein Szenario vorstellen, in dem der Kopf legal hätte ausgeführt werden können“, sagt der Museums-Direktor. Interessant am Rand: So wie in Münster kaum eine Menschenseele etwas von der Existenz des Kopfes wusste, so wenig vermisste ihn in Fondi jemand.

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Der Römerkopf wird für den Transport verpackt. Foto: WWU – Lianna Hecht

Mitarbeiter entdeckten Marmorkopf und Fondi-Hinweis

Nun wird das Archäologiemuseum in Münster nicht nur erweitert, es stellt sich zum Ende des Jahres auch neu auf. In Vorbereitung darauf durchforsten die Mitarbeiter schon seit einiger Zeit die Bestände, um zu herauszufinden, was darin schlummert und wo es herkommt. Bei Zigtausend Gegenständen ist das kein leichtes Unterfangen. Hierbei entdeckten sie auch den Marmorkopf wieder, fanden einen Fondi-Hinweis – und wurden sofort misstrauisch. Weitere Recherchen bestätigen dann, dass sie ihr ungutes Gefühl nicht trog. Noch in den 1930er Jahren zeigen historische Aufnahmen den Kopf als Teil einer Büste, die im Archäologischen Museum Fondi aufbewahrt wurde. Im Januar informierten die Münsteraner ihre Kollegen vom Deutschen Archäologischen Institut in Rom.

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Foto: WWU – Lianna Hecht

Dass der Kopf zurückgegeben werden muss, stand für Achim Lichtenberger und Kustos Dr. Helge Nieswandt außer Frage. „Er gehört zu einem Konvolut von Skulpturen, die man nur verstehen und interpretieren kann, wenn man den Kontext hat“, sagt der Professor. Der „hohe Wert für die Wissenschaft“ ist das eine. Der zweite Grund passt in ein Wort: Es heißt Redlichkeit.

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