WN-Hausbesuch bei Hans-Jürgen Krüger
Für die Benzinpreise aufs Dach geklettert: Tankwart geht nach 53 Jahren in Ruhestand

Warendorf -

Bevor Hans-Jürgen Krüger die Avia-Tankstelle an der Beelener Straße pachtete, hatte er – nur weniger Meter vom jetzigen Standort entfernt – die Kfz-Werkstatt Schuster mit kleiner Tankstelle. „1983 habe ich die übernommen und mich auf die Automarken Alfa Romeo und Nissan spezialisiert“, erzählt der Kfz-Meister und Tankwart, der zum Ende des Monats in Ruhestand geht.

Samstag, 08.06.2019, 04:00 Uhr aktualisiert: 08.06.2019, 16:48 Uhr
Bild aus alten Tagen: Bevor Hans-Jürgen Krüger die Avia-Tankstelle pachtete, hatte er – nur weniger Meter vom jetzigen Standort entfernt – die Kfz-Werkstatt Schuster mit kleiner Tankstelle. Um die neuen Benzinpreise anzuzeigen, musste der Tankwart aufs Dach der Tankstelle klettern.
Bild aus alten Tagen: Bevor Hans-Jürgen Krüger die Avia-Tankstelle pachtete, hatte er – nur weniger Meter vom jetzigen Standort entfernt – die Kfz-Werkstatt Schuster mit kleiner Tankstelle. Um die neuen Benzinpreise anzuzeigen, musste der Tankwart aufs Dach der Tankstelle klettern.

Der Chef greift zum Wischer, sorgt für saubere Autoscheiben, hilft beim Tanken oder Bedienen der Waschanlage und lädt die Kiste Wasser gerne in den Kofferraum der Kundinnen. Der Chef, das ist Hans-Jürgen Krüger . Jeden Mittwoch ist „Frauentag“ an der Avia-Tankstelle an der Beelener Straße.

Dann wird der Luftdruck der Reifen gemessen, der Ölstand kontrolliert und – wenn gewünscht – das Fahren in die Waschanlage geübt – ein schneller Auto-Knigge für Frauen. Dann wird der Tankwart seinem Namen wieder gerecht. Ansonsten hat der Tankwart ausdient. Der Anfang vom Rückzug des Tankwarts begann in den 1970er Jahren mit der Einführung der Selbstbedienung an den Zapfsäulen. Auch die Preistafeln werden längst elektronisch gesteuert. Hans-Jürgen Krüger kann sich aber noch sehr gut an die alten Zeiten erinnern. „Dann musste ich immer aufs Dach der Tankstelle klettern, um die Zahlen per Hand anzuschrauben.“

Bei dem heutigen Auf- und Ab der Benzinpreise innerhalb eines Tages käme Krüger – überspitzt ausgedrückt – gar nicht mehr von der Leiter runter. „Ich habe es aufgegeben, diese Preispolitik der großen Mineralölkonzerne zu verstehen. Um 10.30 Uhr geht der Spritpreis sechs Cent hoch, um 13.30 Uhr wieder drei Cent runter und eine halbe Stunde später fällt er noch malum drei Cent, um dann um 17.30 Uhr wieder um sechs Cent zu steigen.“

Tankstellenpächter aus Leidenschaft

Hans-Jürgen Krüger ist Tankstellenpächter aus Leidenschaft. Er kennt jeden und jeder kennt ihn. Seit 1996 gibt es die Avia-Tankstelle an der Beelener Straße in der Hand des Gütersloher Mineralöllieferanten Fricke. Seit 1996 ist Krüger hier Pächter. Doch das Geschäft sei härter geworden, sagt er. Sechs Tankstellen gibt es in Warendorf.

Bevor Hans-Jürgen Krüger die Avia-Tankstelle pachtete, hatte er – nur weniger Meter vom jetzigen Standort entfernt – die Kfz-Werkstatt Schuster mit kleiner Tankstelle. „1983 habe ich die übernommen und mich auf die Automarken Alfa Romeo und Nissan spezialisiert“, erzählt der Kfz-Meister. Eine kleine Verkaufstheke mit Süßigkeiten, Spirituosen und Zigaretten gab es schon damals in der kleinen Tankstelle, dessen Gebäude heute noch steht und einen Autohandel mit Kfz-Werkstatt beherbergt. „Die Verkaufstheke haben wir damals selbst gebaut. Mit drei verschiedenen Schokoriegeln an der Kasse sind wir angefangen, heute ist die Tankstelle ein kleines Lebensmittelgeschäft mit Backshop und Kaffeelounge.“

Beim Blick auf alte Fotos gerät Krüger ins Schwärmen: „Waren das noch Zeiten, als man einen Käfer oder Renault R 4 auf der Bühne hatte.“ Und seine Frau Karin wirft ein: „Wenn der Motor unseres Käfers mal unrund lief, hielt mein Mann am Straßenrand an, sprang aus dem Auto, öffnete den Motorraum, schraubte ein bisschen und schon lief der Käfer wieder rund.“

Büroarbeit hat ungemein zugenommen

Ehefrau Karin ist die gute Fee im Büro. „Ein Tankstellenpächter muss heute Einzelhandelskaufmann sein – die Büroarbeit hat ungemein zugenommen.“ Und so bildet das Gütersloher Unternehmen am Standort in Warendorf auch aus. Erst am Montag, so Krüger, habe ein Auszubildender seine Lehre als Einzelhandelskaufmann beendet.

Einen Schlussstrich zieht auch Hans-Jürgen Krüger und zeigt auf die Aktenordner und Umzugskartons in seinem Büro. 53 Arbeitsjahre hat er hinter sich. Am 30. Juni dieses Jahres ist Schluss, übergibt er den Schlüssel der Tankstelle an seinen Nachfolger, das Ehepaar Hüsniye und Cemil Güner aus Bielefeld. Und Krüger scherzt: „Ich weiß gar nicht, wo der Schlüssel ist. Hier war nie abgeschlossen, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden, immer geöffnet. Immer einsatzbereit.“

Sechs Überfälle – ohne Personenschaden

Sechs Überfälle auf die Tankstelle hat er seitdem mitgemacht – alle ohne Personenschaden. „Gott sei Dank“, sagt er und ist froh, den Arbeitsalltag hinter sich zu lassen und in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen.

Hans-Jürgen Krügers Lebenslauf im Schnelldurchgang: Geboren am 16. Juni 1950 in Lübeck, aufgewachsen in Flensburg, Kfz-Lehre, Bundeswehr, zwölf Jahre Zeitsoldat. In dieser Zeit lernt er seine Frau bei einem Zeltlager auf der Insel Föhr kennen, 1973 Heirat.

Versetzung zur Sportschule der Bundeswehr in Warendorf. Sportlich war Krüger schon immer, zweimal hat der begeisterte Bergsteiger den Großglockner bestiegen, zuletzt vor acht Jahren. „Ich hatte sämtliche Übungsleiterscheine in der Tasche. Ich hätte auch Trainer in der Zweiten Fußballbundesliga werden können“, scherzt der Tankstellenpächter, der 20 Jahre im Warendorfer Karneval aktiv war, neun davon als Hofmarschall.

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