Prozessauftakt nach Geiselnahme in Lengerich
Geiselnehmer wollte von der Polizei erschossen werden

Lengerich/Münster -

Ein psychisch kranker Mann geht in eine Sporthalle und droht mit einer Bombe. Seine Forderung: eine Schachtel Zigaretten. Jetzt steht er vor Gericht.

Mittwoch, 19.06.2019, 12:53 Uhr aktualisiert: 19.06.2019, 18:51 Uhr
Prozessauftakt nach Geiselnahme in Lengerich: Geiselnehmer wollte von der Polizei erschossen werden
Polizeibeamte stehen nach der Geiselnahme in Lengerich vor der Turnhalle. Seit Mittwoch steht der mutmaßliche Geiselnehmer vor dem Landgericht in Münster. Foto: Jens Keblat

Er wollte sich von Polizei erschießen lassen. Und hat deswegen am 7. Januar in Lengerich 45 Einrad- und Kunstradfahrerinnen des Sportvereins RSG „Teuto“ Antrup-Wechte als Geiseln genommen und gedroht, eine Bombe zu zünden.

Seit Mittwoch steht der heute 25-jährige Mann vor dem Landgericht. Der Tecklenburger gab die Tat zu. Eine Gutachterin attestierte ihm, zum Tatzeitpunkt unter einer „krankenhaften seelischen Störung“ gelitten zu haben. Ausgesagt haben am ersten Verhandlungstag die beiden 23-jährigen Trainerinnen und der Einsatzleiter der Polizei. Die beiden Frauen betonten, sie hätten Todesängste ausgestanden. 

Psychiatriegelände unerlaubt verlassen

Der 25-Jährige hatte am Nachmittag des 7. Januar unerlaubt das Gelände der LWL-Klinik verlassen. Dorthin war er eingewiesen worden, nachdem er gedroht hatte, sich in die Luft zu jagen. Spezialisten des Landeskriminalamtes ( LKA ) fanden damals „nur“ rund 3,2 Kilogramm Feuerwerkskörper bei ihm. Um 17.03 Uhr rief er die Feuerwehr an, um zu sagen, dass er zwei Bomben in der Halle platziert habe. Dann ging er in die Halle und sagte den Betreuerinnen, dass draußen die Polizei sei.

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Ruhig und zurückhaltend zeigte sich der Angeklagte neben seiner Verteidigerin vor Gericht. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Der 52-jährige Einsatzleiter war wenige Minuten zuvor mit zwei Kollegen an der Halle vorgefahren.  „Er sagte, er wolle als Märtyrer für seine Brüder in Syrien und im Irak sterben,“ berichtete der Beamte. In der Hand habe er einen Gegenstand gehabt, der eine Bombenfernzündung möglich erscheinen ließ. Während weiterer Gespräche habe er dann erfahren, dass der 25-Jährige Vater eines Kindes ist. Da hat der Polizist angesetzt, um ihn zur Freilassung der Kinder und Jugendlichen zu bewegen. Erfolgreich, wie sich später zeigte

Betreuerinnen in Todesangst

Der 25-Jährige verschwand in der Halle, kurz darauf kam die Trainerin. Ihr erklärte der Einsatzleiter, wie die Kinder und Jugendlichen die Halle verlassen sollten. Wichtig sei gewesen, sie nichts von der Bombendrohung wissen zu lassen. Die Trainerinnen erzählten den Sportlerinnen, es gebe die Bitte der Polizei, die Halle zu verlassen. In Zweierreihen und in Begleitung des 25-Jährigen verließen die Sechs- bis 18-Jährigen um 17.21 Uhr das Gebäude. Die beiden 23-Jährigen mussten zurückbleiben.

Großeinsatz: Geiselnahme in Sporthalle

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  • Am frühen Montagabend hat ein 25-jähriger Mann aus dem Kreis Steinfurt die Sporthalle in Lengerich betreten.

    Foto: Jens Keblat
  • Dort bedrohte er eine etwa 40-köpfige Übungsgruppe mit dem Zünden einer Bombe, teilte die Polizei mit.

    Foto: Jens Keblat
  • Der Mann hat die Kinder dann nach und nach gehen lassen.

    Foto: Jens Keblat
  • Kurze Zeit später ließ er auch die beiden Betreuerinnen der Kindergruppe frei.

    Foto: Jens Keblat
  • Kräfte eines Spezialeinsatzkommandos konnten den Mann noch in der Sporthalle festnehmen.

    Foto: Jens Keblat
  • Bei der Geiselnahme wurde nach Informationen der Polizei niemand verletzt.

    Foto: Jens Keblat
  • Die betroffenen Kinder wurden nach ihrer Freilassung betreut.

    Foto: Jens Keblat
  • Die Polizei geht aktuell von einem Einzeltäter aus.

    Foto: Jens Keblat
  • Gerüchte, dass es noch einen zweiten Täter geben könnte, bestätigten sich somit nicht.

    Foto: Jens Keblat
  • Die Bahnhofstraße war für die Zeit der Spurensicherung gesperrt.

    Foto: Jens Keblat
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  • Foto: Jens Keblat

Und auch die zwei Betreuerinnen konfrontierte der 25-Jährige wiederholt damit, sich und sie zu töten.  Als er eine der beiden aufforderte, Zigaretten zu holen und sie nach draußen kam, ließ die Polizei sie nicht wieder zurück in die Halle. Das sei für sie „mit das Schlimmste“ gewesen, schließlich habe sie ihre Freundin zurücklassen müssen.

In dieser Situation bekam der Einsatzleiter den Eindruck, „die letzte Geisel kriegen wir nicht mehr lebend raus“. Und auch die verbleibende Geisel empfand jene Minuten als besonders bedrohlich. Er habe gesagt: „Jetzt kann ich uns ja beide umbringen.“

Junge Frauen mit erheblichen psychischen Problemen

Trotzdem gelang es dem Verhandlungsführer mit dem Argument, dass er für einen „medienwirksamen Tod“ keine Geisel brauche, auch die zweite Trainerin freizubekommen. Sie verließ um 18.19 Uhr die Halle. Um 18.20 Uhr hat die Polizei den 25-Jährigen überwältigt.

Im Gerichtssaal verlas er eine Erklärung, mit der er sich entschuldigen wollte. Er habe durch seine Krankheit „Gut und Böse“ nicht mehr unterscheiden können.

Die jungen Frauen haben seitdem mit teils erheblichen psychischen Problemen zu kämpfen, das Schlimmste aber wohl überstanden. Eine konstatierte: „Ich glaube, dass wird mich wohl mein Leben lang begleiten.“


Hinweis: Der Pressekodex sieht vor, dass über Suizide zurückhaltend berichtet wird. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Grund für die Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Selbsttötungen. In diesem Fall überwiegt aufgrund der Umstände aber das öffentliches Interesse.

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge . Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Ergänzend können Sie das Angebot der Krisenhilfe Münster  (0251-519005) in Anspruch nehmen und dort bis zu zehn kostenlose persönliche Beratungstermine vereinbaren.

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