Hochzeitsbräuche
Im Münsterland sind Trauungen oft mit viel Lärm verbunden

Münsterland -

Sie schießen in die Luft, sie blockieren die Autobahn und sie gefährden den Verkehr. Türkische Hochzeitskorsos tragen zurzeit nicht gerade zur Völkerverständigung bei. Doch Böllern und Wagensperren haben auch in Westfalen eine lange Tradition, wie Christiane Cantauw, wissenschaftliche Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission für Westfalen vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, sagt.

Sonntag, 28.07.2019, 18:14 Uhr aktualisiert: 29.07.2019, 07:43 Uhr
Nordrhein-Westfalen, Köln: Eine Polizistin steht vor den Fahrzeugen eines türkischen Hochzeutskorsos. Der Konvoi war einer von dreien, den die Polizei in der Rheinmetropole am Wochenende angehalten hat. Korsos, Schüsse und Blockaden - derzeit erregen türkische Hochzeiten einiges Aufsehen. Was davon ist Tradition, was Provokation? Experten sagen: Auch Straßenblockaden gehen im Ursprung auf einen alten Brauch zurück. Foto: Thomas Kraus/dpa
Nordrhein-Westfalen, Köln: Eine Polizistin steht vor den Fahrzeugen eines türkischen Hochzeutskorsos. Der Konvoi war einer von dreien, den die Polizei in der Rheinmetropole am Wochenende angehalten hat. Korsos, Schüsse und Blockaden - derzeit erregen türkische Hochzeiten einiges Aufsehen. Was davon ist Tradition, was Provokation? Experten sagen: Auch Straßenblockaden gehen im Ursprung auf einen alten Brauch zurück. Foto: Thomas Kraus/dpa Foto: dpa

Das Milchkannen-Schießen mit Karbid zum Beispiel: „Das wurde sehr extensiv gemacht“, sagt sie. Dabei wurde mit dem Karbid der Deckel unter lautem Getöse abgesprengt. Ein Zeitzeuge berichtet: „Wir mussten den Deckel der Kanne mit einem Seil festbinden, damit der nicht etwa auf den Bahnschienen oder sonst wo landet.“

Böllerjungs posen 1953 in Epe.

Böllerjungs posen 1953 in Epe. Foto: Wolfdietrich Borck

Das Problem ist, dass solche Bräuche immer doller werden müssen.

Christiane Cantauw

Containerladungen mit altem Porzellan

„Das Problem ist, dass solche Bräuche immer doller werden müssen“, sagt die Wissenschaftlerin. So wurden aus dem Tellerchen, das bei den ersten Polterabenden zerdeppert wurde, mit der Zeit ganze Containerladungen mit altem Porzellan. Eine ähnliche Entwicklung hat Cantauw auch bei den Abifeiern wahrgenommen.

Wegsperren gehen, Brautjungfern kommen

Beim Böllern haben die Schützen irgendwann angefangen, „kleine Kanönchen“ zu bauen. Das ist nicht so weltfremd, wie man auf den ersten Blick vermuten mag. So haben zum Beispiel bei einer Hochzeit im Juli 2014 junge Männer mit einer doppelläufigen Kanone geschossen, die mit Sauerstoff und Acethylen gespeist wird. Krach macht sie genauso.

Junge Männer schießen mit einer doppelläufigen Kanone.

Junge Männer schießen mit einer doppelläufigen Kanone. Foto: Martin Borck

Die Hochzeitstraditionen sind – wie alle Bräuche – ständigem Wandel unterworfen. „Einiges verschwindet, andere kommt dazu“, sagt Cantauw. Die Wegsperren, bei denen Kinder vom Brautpaar Süßigkeiten oder ein paar Groschen ergatterten, sind verschwunden, stattdessen kommen Brautjungfern über Hollywood dazu.

Junggesellenabschiede früher unüblich

Auch die Junggesellenabschiede waren bis vor wenigen Jahren so nicht üblich. „Ich kann nicht sagen, dass es an Bräuchen weniger geworden wäre“, sagt die Volkskundlerin. Traditionen seien nicht zementiert, sondern folgten dem Leben der Menschen. „Wenn Dinge keinen Sitz mehr im Leben haben, werden andere aufgenommen.“ Karbid zum Beispiel: „Man macht sich heute keine Freunde, wenn man mit so was rumhantiert“, sagt Cantauw.

Vom Fußmarsch zum Autokorso

Als Hochzeitspaare noch zu Fuß von der Kirche in eines der Elternhäuser zogen, um dort zu feiern, waren Autokorsos nicht denkbar. Als die Feiern in Lokalen stattfanden und die Autos den Alltag zu beherrschen begannen, war es logisch, mit dem Auto zur Feier zu fahren. Dass dabei irgendwann der erste auf die Hupe drückte und die anderen es ihm nachmachten, war nur eine Frage der Zeit.

Es ist keine böse Absicht dahinter. Es geht um eine spektakuläre Form, Aufmerksamkeit zu erlangen: ,Heute ist mein Tag! Und schaut mal her, was ich für eine große Hochzeit habe!

Migr­ationsforscherin Gülistan Gürbey

Dabei eine Autobahn zu blockieren und für Staus zu sorgen, ist eine Qualität, bei der der Spaß aufhört. Auch wenn die Migr­ationsforscherin Gülistan Gürbey von der Freien Universität Berlin sagt: „Es ist keine böse Absicht dahinter. Es geht um eine spektakuläre Form, Aufmerksamkeit zu erlangen: ,Heute ist mein Tag! Und schaut mal her, was ich für eine große Hochzeit habe!‘“. Auch andere Bevölkerungsgruppen, darunter auch Deutsche, übernähmen diese Form des Feierns zunehmend. „Sie kopieren es, weil es schlichtweg Aufmerksamkeit erzeugt und Spaß macht.“

Straßenblockaden eine „Domäne des Ruhrgebiets“

Die Münsterländer nicht. Nach den Worten von Roland Vorholt, Sprecher der Polizei in Münster, sind die Straßenblockaden durch Hochzeitsgesellschaften eine „Domäne des Ruhrgebiets“. Landesweit berichtete die Polizei von 259 Einsätzen seit dem 1. April, davon 35 auf Autobahnen und 55 gemeldeten und 26 nachgewiesenen Schüssen.

In Münster würden die Beamten bestenfalls Korsos „mit weißen Schleifen an Fahrrädern“ bemerken. Da könnte es schon mal passieren, „dass die zu zweit oder zu dritt nebeneinander her­radeln“, sagt Vorholt.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6812668?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F87%2F3862662%2F
Nachrichten-Ticker