Borkenkäferplage im Teutoburger Wald
„Die Bäume sind dem Tod geweiht“

Lienen -

Die Borkenkäferplage hat auch die heimischen Wälder fest im Griff. Im Teutoburger Wald ist dadurch der gesamte Fichtenbestand gefährdet. „Die Bäume sind dem Tod geweiht“, sagt Revierförsterin Mechthild Gretzmann. Die Experten sind sich einig: Der Klimawandel ist im Münsterland angekommen.

Mittwoch, 07.08.2019, 10:14 Uhr aktualisiert: 07.08.2019, 10:50 Uhr
Die Revierförster Mechthild Gretzmann (Mitte, Forstbetriebsbezirk Lengerich und Lienen) und Dr. Georg Berkemeier (rechts, Forstbetriebsbezirk Ibbenbüren und Tecklenburg) sowie Gottfried Steinigeweg, Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft Lengerich (FBG), inspizieren einen vom Borkenkäfer befallenen Baum.
Die Revierförster Mechthild Gretzmann (Mitte, Forstbetriebsbezirk Lengerich und Lienen) und Dr. Georg Berkemeier (rechts, Forstbetriebsbezirk Ibbenbüren und Tecklenburg) sowie Gottfried Steinigeweg, Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft Lengerich (FBG), inspizieren einen vom Borkenkäfer befallenen Baum. Foto: Kristian van Bentem

Schon auf dem Weg hoch zum Treffpunkt fallen ganze Flächen mit braunen Fichten an den Hängen des Teutoburger Waldes auf. Oben fast angekommen, an der Gaststätte Malepartus, fährt man auf der Straße stellenweise über einen dichten Teppich aus frischen Fichtennadeln, die erst kürzlich von nun kahlen Kronen niedergerieselt sein müssen.

Zahlreiche Bäume in diesem Teil des Waldes sind mit einem roten oder gelben Farbring markiert und werden schon bald so enden wie die zahlreichen aufgestapelten Stämme – sogenannte Holzpolter – in der Umgebung. Kein Zweifel: Die in ganz Deutschland grassierende Borkenkäferplage hat auch den Teuto fest im Griff. „Auch dieser Hang ist hin, verloren“, sagt Revierförsterin Mechthild Gretzmann (Forstbetriebsbezirk Lengerich und Lienen) mit Resignation in der Stimme.

Zusammen mit Dr. Georg Berkemeier (Forstbetriebsbezirk Ibbenbüren und Tecklenburg) und Gottfried Steinigeweg, Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft Lengerich (FBG), die rund 170 Waldbesitzer mit etwa 1600 Hektar Wald vertritt, macht sie beim Ortstermin auf die dramatische Situation aufmerksam. WN-Redakteur Kristian van Bentem hat sich mit ihnen auf einen Waldspaziergang mit erschreckenden Aha-Effekten begeben. Klar ist danach: Wer den Teutoburger Wald noch so erleben will, wie er seit Generationen aussieht, der sollte sich sputen.

Katastrophe begann mit Friederike

Den Borkenkäfer gab es doch schon immer. Warum ist die Situation im Teutoburger Wald derzeit so beängstigend?

Gretzmann: Das hat seinen Ausgang schon Anfang 2018 genommen, als Orkan Friederike gewütet und zahlreiche Bäume entwurzelt oder geschädigt hat. Es folgte ein sehr trockenes Jahr, und im Spätsommer und Herbst 2018 gab es dann das erste Käferproblem. Doch damit nicht genug: Wir hatten auch noch einen milden Winter und erneut ex­treme Trockenheit in diesem Jahr, sodass sich die Borkenkäfer nun explosionsartig vermehren konnten. Die Fichten sind inzwischen regelrecht gestresst, dadurch viel anfälliger gegen die Käfer und können sich nicht mehr wehren. Die Försterin zeigt nach oben Schauen Sie sich die vielen braunen Kronen an. Eigentlich trägt die Fichte sonst ganzjährig Nadeln. Da hat der Borkenkäfer schon ganze Arbeit geleistet.

Wie lässt sich das Ausmaß der Schäden beziffern?

Gretzmann: Das ist schwierig. Aber im Forstbetriebsbezirk Lengerich und Lienen gibt es etwa 300 Hektar Fichtenwald mit rund 150 000 Bäumen. Und die sind alle bedroht – alle! Umgerechnet auf die Bevölkerung in Lengerich und Lienen sind das etwa fünf Bäume pro Einwohner, die sterben. Bereits geschlagen haben wir von September 2018 bis jetzt rund 20 000 Fichten.

Berkemeier: Und noch mal so viele Tote-Käfer-Bäume, die schnellstens gefällt werden müssen, stehen noch.

Gretzmann: Selbst für viele Fichten, die gerade noch grün sind, gilt: Die Bäume sind dem Tod geweiht.

Steinigeweg: Und das ist ja nicht nur hier ein Problem. Der Käfer kennt weder Landes- noch Waldbesitzergrenzen. Mit einem bitter-sarkastischem Unterton Selbst vor dem Wald des Forstbetriebsgemeinschaftsvorsitzenden macht er keinen Halt . . .

Massenvermehrung der Käfer kann fünf Jahre dauern

Wie wird die Entwicklung im Teuto weitergehen?

Berkemeier: Erfahrungen aus Süddeutschland lassen vermuten, dass eine Massenvermehrung von Borkenkäfern etwa fünf Jahre anhält. Aber so lange wird das hier nicht dauern – bis dahin ist der ganze Fichtenbestand schon weg.

Noch sind reichlich Fichten zu sehen. Nur ein paar Meter abseits des Weges finden die Wald-Experten beim Rundgang ohne langes Suchen ein verdächtiges Exemplar.

Berkemeier: Man erkennt die befallenen Fichten ganz schnell. Die scheinen zunächst nur rot in der Krone durch. Aber dann ist es schon zu spät. Dann sind sie bereits abgestorben und die Käfer längst schon wieder raus, nachdem sie den Baum erledigt haben.

Borkenkäferplage im Teutoburger Wald

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  • Ein Borkenkäfer krabbelt über die Unterseite einer Fichtenrinde. Die Plage durch massenhafte Vermehrung hat inzwischen auch das Münsterland fest im Griff.

    Foto: Roland Weihrauch / dpa
  • Besonders dramatisch ist die Lage im Teutoburger Wald bei Lienen, wo der gesamte Fichtenbestand gefährdet ist.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Frisch befallene Bäume sind leicht zu finden. Bohrmehl am Fuß der Fichten deutet auf die Eindringlinge hin.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Zu finden sind die Spuren auf der windabgewandten Seite.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Durch kleine Löcher bohren sich die Borkenkäfer unter die Rinde.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Hier inspizieren die Revierförster Mechthild Gretzmann (Mitte, Forstbetriebsbezirk Lengerich und Lienen) und Dr. Georg Berkemeier (rechts, Forstbetriebsbezirk Ibbenbüren und Tecklenburg) sowie Gottfried Steinigeweg, Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft Lengerich (FBG), einen vom Borkenkäfer befallenen Baum.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Mit einem Schabeisen wird ein Stück Rinde entfernt, um die von den Käfern geschaffenen Spuren ans Licht zu bringen.

  • Von den Zentralgängen aus entsteht schnell ein dichtes Wegenetz, das die Saftbahnen des Baumes unterbricht und ihn absterben lässt.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Sind die Bäume durch extreme Trockenheit geschwächt, fehlen ihnen die Abwehrkräfte, um die Käfer auszuharzen – die eigentlich natürliche Reaktion.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Die Folgen der anhaltenden Trockenheit und des milden Winters 2018/19 sind im Teutoburger Wald bei Lienen überall zu sehen. Zahlreiche Fichten sind mit einem Farbring markiert – Zeichen dafür, dass sie befallen und nicht mehr zu retten sind und somit gefällt werden müssen,

    Foto: Kristian van Bentem
  • Ein dichter Teppich aus Fichtennadeln unter den eigentlich ganzjährig grünen Bäumen zeigt, dass sie bereits abgestorben sind.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Kahle Fichtenkronen breiten sich immer weiter aus. Der gesamte Bestand im Teuto ist gefährdet.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Einmal befallene Bäume sind nicht mehr zu retten. Für Waldbesitzer wie Gottfried Steinigeweg geht es dann darum, die Bäume schnellstmöglich zu fällen, ehe sie entwertet werden.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass der Klimawandel im Münsterland angekommen ist, sehen die Experten unter anderem darin, dass seit einiger Zeit auch die eigentlich sehr robusten Buchen absterben. Dieser Baum hat noch ausgetrieben, doch die Krone ist bereits tot.

    Foto: Kristian van Bentem

Einige Schritte weiter identifizieren die Förster einen Baum, dessen Todeskampf gerade erst begonnen hat. Die Krone ist noch grün, aber ein kleines Einbohrloch in der Rinde und braunes Bohrmehl, das die Blätter des Brombeergestrüpps am Fuß des Baumes bedeckt, zeugen von den unerwünschten Eindringlingen. Mit einem Schäleisen schabt der Förster die Stelle frei. Zum Vorschein kommen auf dem nackten Stamm die ersten Spuren der anstehenden Verwüstung, die sonst unbeobachtet hinter der Rinde gezogen werden.

Der Baum lebt nur zwischen Rinde und Holz – also genau dort, wo sich der Borkenkäfer verlustiert.

Dr. Georg Berkemeier

Berkemeier: Der Baum lebt nur zwischen Rinde und Holz – also genau dort, wo sich der Borkenkäfer verlustiert. Hier sieht man schon den Zentralgang, die Rammelkammer.

Rammelkammer

Ein Blick in Wikipedia hilft: „ Die Rammelkammer ist der zen­trale Teil des Brutsystems verschiedener rindenbrütender Borkenkäferarten. Angelegt werden sie von den Männchen, die dann die Weibchen dorthin locken und begatten. Ausgehend von der Rammelkammer erzeugen daraufhin die Weibchen die Muttergänge.“

...

Berkemeier: Mit ihrem Wegenetz unterbrechen die Borkenkäfer die Saftbahnen des Baumes und lassen ihn damit absterben. Die währenddessen in den Gängen geschlüpften Larven verpuppen sich, die neuen Käfer fliegen schließlich aus und suchen sich neue Bäume.

Wenn die Temperaturen so sind wie zuletzt, wird der Baum zum schnellen Brüter.

Dr. Georg Berkemeier

Wie lange dauert so ein Zyklus?

Berkemeier: Das liegt entscheidend an den Temperaturen. Wenn die so sind wie zuletzt, wird der Baum zum schnellen Brüter. Früher hatten wir nur zwei Borkenkäfergenerationen pro Jahr. Jetzt hat sich schon die zweite in diesem Jahr eingebohrt. Und weil sie sich bei dem Wetter wohl fühlt, gehen wir diesmal von einer dritten Generation aus. Die Käfer vermehren sich exponentiell.

Holzmarkt ist angespannt

Was kann man denn tun, wenn die ersten Käfer eingedrungen sind?

Gretzmann: Um den Baum retten? Das kann man dann nicht mehr. Keine Chance, der erholt sich nicht mehr. Für den Waldbesitzer geht es dann nur noch um wirtschaftliche Schadenbegrenzung und die Frage, wie er die Fichte möglichst schnell noch nutzen kann, bevor sie entwertet wird. Eine große Herausforderung, denn es gibt begrenzte Ressourcen für Fällung, Abtransport und Aufbereitung. Dazu kommt, dass der Markt ziemlich angespannt ist, da das Borkenkäferproblem europaweit auftritt und für enorme Fichtenholzmengen und somit niedrige Preise sorgt. Das meiste Fichtenholz wird inzwischen nach China verschifft.

Steinigeweg: Die Situation ist für Waldbesitzer auch psychisch sehr belastend. Man hat über Generationen den Wald gehegt und gepflegt, und dann ist er binnen kürzester Zeit weg. Eine Fichte braucht immerhin etwa 70 Jahre, bis sie genutzt werden kann.

Fichten fehlen natürliche Abwehrkräfte

Wie sieht es mit natürlichen Feinden des Borkenkäfers aus?

Berkemeier: Hören Sie da hinten den Specht klopfen? Der holt sich gerade ein paar Käfer – aber das reicht bei Weitem nicht, der ist irgendwann satt. Wenn Sie morgens zwei Brötchen gegessen haben, wollen sie auch nicht drei, vier weitere.

Steinigeweg: Normalerweise könnte der Baum sich ja auch selbst helfen. Wenn er genügend Wasser hat und sich wohlfühlt, dann harzt er den Käfer einfach aus. Das wäre die ganz natürliche Reaktion. Aber die Trockenheit nimmt ihm die letzten Abwehrkräfte.

Auch Buchen sterben ab

Es gibt hier auch viele Buchen. Wie steht es um die?

Gretzmann: Die bisher stabilen Buchern sind nicht vom Borkenkäfer befallen, aber auch sie leiden unter der Trockenheit. Bei ihnen verzeichnen wir seit einigen Wochen ebenfalls flächiges Absterben.

Berkemeier: zeigt auf einen Baum Diese Buche hier zum Beispiel muss gefällt werden. Sie hat noch ausgetrieben, aber die Krone ist oben schon tot. Die ist so trocken, die splittert wie Glas, wenn sie runterkommt.

Steinigeweg: Der Zustand des Waldes ist gerade auch eine Gefahr für die Sicherheit der vielen Spaziergänger. Jeder sollte unbedingt äußerst vorsichtig sein.

Berkemeier: Da ist „Hans guck in die Luft“ angesagt.

Die Fichte ist der Baum, der von der Wirtschaft gebraucht wird.

Gottfried Steinigeweg

Warum hat man eigentlich so stark auf die so Borkenkäfer-anfällige Fichte gesetzt, wenn die Buche weniger Probleme hat?

Berkemeier: Richtig ist: Die Fichte war für die Waldbesitzer schon immer eine spekulative Aktie. Aber die Buche hat ein Problem: Ihr Produkt ist Buchenholz.

Steinigeweg: Die Fichte ist der Baum, der von der Wirtschaft gebraucht wird. Wenn sie weg bricht, hat die Holzindustrie ein Problem. Fast jeder Dachstuhl ist aus Fichtenholz. Da muss man noch nach Alternativen forschen.

Gretzmann: Angesichts des Klimawandels muss man in Zukunft mehr auf Mischbestände setzten, um besser gewappnet zu sein.

Berkemeier: Wir stellen den Wald künftig breiter auf.

Steinigeweg: Nur mit was, das ist noch nicht klar.

Der Klimawandel ist im Münsterland angekommen!

Dr. Georg Berkemeier

Sie haben gerade einen Begriff in den Mund genommen, den manche immer noch für Hokuspokus halten: Klimawandel . . .

Berkemeier: Sehen Sie, die Buche war früher eine sichere Bank. Wenn die schon Schwierigkeiten bekommt, dann ist das ein deutliches Zeichen: Hier verschiebt sich was. Der Klimawandel ist im Münsterland angekommen!

Gretzmann: Früher hat ein Förster ein richtig großes Schadensereignis, zum Beispiel einen Schneebruch, nur ein Mal in seiner Zeit erlebt. Doch nun häufen sie sich. Jetzt ist alle ein bis zwei Jahre irgendwas. Das Öko-System Wald wird zwar dennoch weiter bestehen, aber der Teuto wird in fünf Jahren nicht mehr so aussehen wie bisher. Da, wo jetzt noch Fichten stehen, gibt es dann vielleicht Freiflächen oder eine Wüste von Brombeeren oder Springkraut. Bei der Trockenheit lassen sich ja auch nicht direkt neue Bäume pflanzen. Schließlich können wir nicht mit der Gießkanne da hin.

Berkemeier: Was wir am dringendsten brauchen, ist Wasser.

Gretzmann: Wenn 2020 noch mal so ein Jahr wird, dann läuft die Entwicklung noch komprimierter. Aber das mag ich mir gar nicht vorstellen.

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