Unterwegs mit Elektro-Antrieb
Wie gefährlich ist Pedelec-Fahren?

Münster -

Die Anzahl der Pedelecs im Straßenverkehr hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Damit stieg zugleich die Zahl der Unfälle. Tatsächlich unterschätzen viele Fahrer die Kraft des Elektromotors. Doch wie gefährlich ist das Fahren mit Elektrofahrrädern wirklich?

Samstag, 10.08.2019, 10:06 Uhr aktualisiert: 10.08.2019, 10:19 Uhr
Unterwegs mit Elektro-Antrieb: Wie gefährlich ist Pedelec-Fahren?
Ihre Leidenschaft für das Pedelec treibt Silke Paech im Monat durchschnittlich 500 Kilometer voran. Heinrich Schwate nutzt zwar noch den reinen Muskelantrieb, spielt aber schon lange mit dem Gedanken, sich ebenfalls eins zuzulegen. Foto: Cengiz Sentürk

Immer mehr Leute steigen von ihrem herkömmlichen Fahrrad und auf ein Pedelec um. Die Vorteile: Es ist schnell, umweltfreundlich - und der Radfahrer kommt frisch und unverschwitzt am Ziel an. Das Elektrofahrrad hat aber auch seine Nachteile: Häufig unterschätzen die Nutzer die Schnelligkeit des Gefährts, sodass es schon mal zu lebensgefährlichen Kollisionen kommen kann. Die Zahl der Unfälle, bei denen Pedelecs beteiligt waren, steigt - oftmals haben diese lebensbedrohliche Kopfverletzungen zur Folge. Ob die elektrisch-motorisierten Fahrräder nun eine ernsthafte Gefahr darstellen, wird ganz unterschiedlich gesehen.

Den richtigen Umgang lernen

Christoph Becker von der Verkehrswacht Münster ist sich sicher, dass das Pedelec ein großes Problem in Zukunft sein wird: „Die Leute müssen lernen, langsam zu fahren“, warnt der berufserfahrene Polizist. Um der Gefahrenlage entgegenzuwirken, leitet er Kurse zum richtigen und sicheren Umgang mit E-Bikes. Zwölf Einheiten mit jeweils 15 Teilnehmern hat er mit der Verkehrswacht in diesem Jahr schon durchgeführt. Der 62-Jährige ist froh, dass das Angebot so gut angenommen wird, denn dadurch erhofft er sich eine Besserung auf den Straßen.

Pedelec oder E-Bike?

Nach Vorfällen wird häufig von E-Bikes gesprochen, dabei handelt es sich nach Angaben des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADAC) in 90 Prozent der Fälle um Pedelecs. Letztgenannte haben denselben verkehrsrechtlichen Status wie Fahrräder und erreichen bei einer maximalen Leistung von 250 Watt nicht mehr als 25 Kilometer pro Stunde. E-Bikes hingegen gelten als Kleinkrafträder, die bis zu 45 Kilometer pro Stunde fahren können.

...

Radfahrer ernster nehmen

Die regelmäßige Pedelec-Fahrerin Silke Paech sieht die Gefahr nicht beim Radler, sondern bei Autofahrern. Seit Jahren ärgert sie sich, dass Fahrradfahrer in der benachteiligten Position sind: „Wir werden nicht ernst genommen“. Von der Stadt Münster erwartet sie sich ein Konzept, das Radfahrer besser in den Verkehr integriert und Autofahrer verstehen lässt, dass Radfahrer ebenfalls vollwertige Verkehrsteilnehmer sind. „Sonst ist es ein Kampf gegen Goliath“, sagt die Münsteranerin.

Gleichzeitig empfiehlt Silke Paech, das Auto für Gelegenheitsfahrten abzuschaffen und stattdessen aufs Pedelec umzusteigen. „Es ist nicht nur umweltschonender, sondern man spart auch laufende Kosten“, betont sie aus Erfahrung. In ihrem Freundeskreis würde sie immer schief angeguckt, wenn sie verrät, was ihre Elektro-Fietz gekostet hat. Die Blicke verziehen sich allerdings sehr schnell, wenn sie anfängt, ihre Ausgaben mit denen für einen Zweitwagen zu vergleichen.

Das richtige Verhalten

Die Pedelec-Fahrerin hält es für klug, schon der jüngeren Generation in Seminaren an Schulen zu vermitteln, dass das Rad nicht nur einen Spaßfaktor erfüllt - sondern zugleich ein gleichwertiges Verkehrsmittel darstellt.

Raimund Gerwing, Inhaber des Fahrradgeschäftes „Drahtesel “ in Münster, sieht es ähnlich wie Silke Paech: „Man muss da mal die Kirche im Dorf lassen. Autos, die zu schnell fahren, sind eher das Problem“, entgegnet er auf die Frage, wie er die ansteigenden Unfallzahlen bewerte.

Wer die Zahlen genau betrachtet, wird feststellen, dass das Verhältnis zwischen den vorhandenen Pedelecs in deutschen Haushalten und den tatsächlichen Unfallzahlen relativ gering bleibt. Die Summe der Unfälle steigt laut dem Statischen Bundesamt zwar an, die der Käufe geht jedoch viel rasanter in die Höhe. „Es wird leider nie soweit kommen, dass sich alle korrekt verhalten“, sagt Raimund Gerwing.

Statista zufolge gibt es aktuell 5,9 Millionen Pedelecs in Deutschland - 2018 waren es noch 4,78 Millionen. Gleichzeitig steigt die Anzahl der Unfälle, die mit den motorisierten Rädern passieren. Im vergangenen Jahr starben 445 Fahrradfahrer bei Unfällen, davon waren 89 mit dem Pedelec unterwegs. Gründe dafür sind meist die unterschätzte Geschwindigkeit sowie die Unerfahrenheit im Umgang mit dem Gefährt, benennt der ADAC die Ursachen.

...

Beim Kauf auf die eigene Intuition hören

Um das Risiko als Pedelec-Nutzer gering zu halten, empfiehlt Raimund Gerwing beim Kauf auf gewisse Dinge zu achten: „Ein gutes Pedelec sollte pannensicher und komfortabel sein. Das Technische sollte dabei eher in den Hintergrund rücken. Wichtig ist, dass sich der Käufer wohlfühlt“, hebt der 60-Jährige hervor. Es sei typisch deutsch, sich lieber auf ein Testergebnis zu verlassen als auf die eigene Intuition.

Selten kommt es vor, dass Elektrorad-Interessenten noch nie eins benutzt haben. In solchen Fällen empfiehlt der Experte einen Probetag auf den Pedelecs seiner Mietradflotte. Außerdem ist er großer Befürworter der Sicherheitstrainings, wie sie der Verkehrswacht oder der  ADFC  anbieten.

Eine weitere Option, um sich effektiv vor schwerwiegenden Verletzungen zu schützen, ist ein Fahrradhelm - so simpel es auch klingen mag. Eine Pflicht ihn zu tragen, gibt es zwar nicht - aber er kann Leben retten.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6838834?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F87%2F3862662%2F
Soll der Marienplatz neu gestaltet werden?
Pro & Contra: Soll der Marienplatz neu gestaltet werden?
Nachrichten-Ticker