Wohnungsnot unter Studierenden
„Bevor man auf der Straße landet, nimmt man alles“

Münster -

Das neue Semester fängt bald an und viele Studierende strömen auf den münsterischen Wohnungsmarkt, verzweifelt auf der Suche nach einer Bleibe. Doch was schon Jahre schwierig war, könnte in diesem Jahr noch aussichtsloser werden. Denn dem Studierendenwerk fehlen rund 1000 Wohnheimplätze. Das macht die Suche nach einer Bleibe für die Studierenden noch nervenaufreibender. 

Montag, 23.09.2019, 14:55 Uhr aktualisiert: 23.09.2019, 15:31 Uhr
Wohnungsnot unter Studierenden: „Bevor man auf der Straße landet, nimmt man alles“
Zum Start des Wintersemesters sind dieses Jahr wieder tausende Studierende auf Wohnungssuche in Münster. Foto: Colourbox.de

Die Sprechstunde der Abteilung studentisches Wohnen im Studierendenwerk Münster ist voll. Sieben Studierende warten auf eine Beratung, viele fragen auch nach freien Zimmern. Eine der Studierenden, die gerade eine Bleibe suchen, ist Carolina. Die 19-Jährige wohnt zwar bereits seit einem Jahr in Münster, muss aber jeden Tag eine halbe Stunde Radweg hinter sich bringen, mit einem Cello im Gepäck. Carolina studiert nämlich am Institut für Musikpädagogik in der Philippistraße. Deshalb hatte sie sich nach einer Alternative in der Nähe ihrer Uni umgeschaut und mehr als 40 Vermieter angeschrieben, die meisten antworteten nicht, sagt Carolina. 

Rund 5400 Studierende werden im Oktober ihr Studium an der Universität in Münster aufnehmen. Doch was schon seit vielen Jahren anspruchsvoll ist, wird dieses Jahr womöglich noch schwieriger: Die Suche nach einer Unterkunft. Dem Studierendenwerk fehlen dieses Jahr nämlich rund 1000 Wohnheimplätze. Grund dafür: Sanierungen oder das Auslaufen von Mietverträgen wie im Germania-Campus, wo erst kürzlich 136 Studierende ausziehen mussten. 

Die akute Wohnungsnot sorge für Frust bei den Studierenden und dafür, dass sich immer mehr nach anderen Studien-Standorten umschauen, so der Wohnraumreferent des Asta, Luca Horoba . Besonders internationale Studierende und diejenigen mit sehr kleinem Geldbeutel würden verstärkt dazu gezwungen, auf andere Orte auszuweichen, weil sie sich schlicht die Mieten in Münster nicht leisten könnten, so der Student.

Mietvertrag ohne Besichtigung

Carolina hatte sich auch für einen Wohnheimplatz in Münster beworben, und das vor zwölf Monaten. Vor wenigen Wochen bekam sie eine Mail vom Studierendenwerk, dass ein Zimmer im Rudolf-Harbig-Weg frei werde. Für 27 Quadratmeter bezahlt man hier 339 bis 342 Euro warm. Doch in der Sprechstunde erfährt die Studentin, dass eine Besichtigung des Appartements nicht möglich sei. Grund: Die Appartements seien ständig belegt und man könne nicht von den Mietern verlangen, ständig für eine Besichtigung abrufbar zu sein, so die Sprecherin des Studierendenwerkes, Kathrin Peters . Das und die drei Bilder des Appartements auf der Website des Studierendenwerks reichen der Studentin aber nicht: "Ich kaufe ja nicht die Katze im Sack", meint sie. 

Bafög-Pauschale reicht nicht für WG-Zimmer

Auch die zu Oktober steigenden Bafög-Sätze helfen den Studierenden in Münster nur bedingt, so Horoba. Denn die Wohnpauschale steige zwar für die Empfänger von 250 auf 325 Euro, in Münster müsse man aber im Durchschnitt rund 350 Euro für ein WG-Zimmer veranschlagen.

Es muss alles getan werden, dass der günstige Bestand an Wohnungen bleibt.

Luca Horoba, Wohnraumreferent des ASTA

Horoba fordert: „Es muss alles getan werden, dass der günstige Bestand an Wohnungen bleibt.“ Er bemängelt das Wegfallen von günstigem Wohnraum. Nur noch acht Prozent der Studierenden könne das Studierendenwerk mit Unterkünften versorgen, vor einigen wenigen Jahren seien es noch zwölf Prozent gewesen, so Horoba. 

Das Problem Wohnraummangel ist kein Problem, dass man morgen oder übermorgen löst, ist der Wohnraumreferent überzeugt. Er fordert stattdessen noch mehr Maßnahmen von verschiedenen Stellen. Er schlägt institutionalisierte Kurzzeitmieten vor, um auf die akute Wohnungsnot von Studierenden zu reagieren. Außerdem solle das Studierendenwerk stärker vom Land gefördert werden und die Stadt solle den Wohnungsmangel stärker in der Bauplanung berücksichtigen und vor allem im Nord-Westen von Münster für multifunktionale Raumnutzung sorgen. So seien in der Corrensstraße vor allem noch die Unigebäude und Parkplätze häufig, die viel Raum einnehmen, aber keinen Raum zum Wohnen und für Freizeitgestaltung bieten.

Aber auch die Universität sei in der Verantwortung. Sie solle zusammen mit dem Studierendenwerk und dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb daran arbeiten, dass auch die Studierenden mit geringverdienenden Eltern in Münster unterkommen könnten. „Die Studierenden sind die Lebensader der Stadt“, meint Horoba. Rund 70 Prozent der Studierenden arbeiteten neben dem Job Teilzeit in der Gastronomie oder in anderen Bereichen und unterstützten so die Wirtschaft in Münster. Deshalb sei es umso wichtiger, für bezahlbaren Wohnraum für Studierende zu sorgen.

Uni-Start in der Jugendherberge

Carolina erinnert sich noch gut an ihr erstes Semester in Münster vor einem Jahr. Einige ihrer Kommilitonen hätten die ersten Wochen in Jugendherbergen geschlafen, so Carolina. „Bevor man auf der Straße landet, nimmt man alles“, so die Studentin. „Wie kann man unter solchen Umständen erwarten, dass sich Studenten auf Klausuren oder Vorlesungen vorbereiten?“, fragt sie. Sie möchte nun auf eigene Faust einen Kontakt zu einem Mieter im Rudolf-Harbig-Weg herstellen, um sich die Zimmer selbst anzuschauen.

Mit der Aktion „Deine Couch für Erstis“ fordert der Asta alle Menschen in Münster auf, ihr Sofa oder ein freies Zimmer für ein paar Wochen für Studenten auf Wohnungssuche kostenlos zur Verfügung zu stellen. Die Erfahrung zeige, dass die meisten Studierenden vor Ort besser eine Wohnung finden als aus der Ferne. Möglich sei hier auch das Model Wohnen für Hilfe, wie es von Erwin Stroot  in Münster praktiziert wird. Hier helfen Studierende im Haushalt von Senioren, die selbst nicht mehr so können und erhalten dafür im Austausch eine Unterkunft.

Zum Thema

Wer einen Student im September oder Oktober kurzfristig aufnehmen möchte, kann ein Zimmer auf der Wohnbörse des ASTAs anbieten ( www.asta.ms/wohnboerse ) oder er wendet sich an Erwin Stroot von „Wohnen für Hilfe“ unter der Telefonnumer 0251/294907 oder per Mail an e.stroot@gmx.de

Wohnungssuchende und Vermieter in Münster erhalten bei der Kampagne „Studierzimmer Münster“ Tipps, wie sie am schnellsten an ihr Ziel gelangen. Die Kampagne wurde von Hochschulen, Asten, Studentenwerk, Bürgerschaft und der Stadt initiiert und ist zu finden unter www.studierzimmer-muenster.de

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