Nach Mordversuch in Westerkappeln
Tatwaffe „geborgt“ - Vater räumt Mitschuld ein

Westerkappeln/Tecklenburg -

In der Nacht zu Ostermontag vergangenen Jahres hatte ein damals 16-Jähriger einen ahnungslosen 22-Jährigen aus nichtigen Gründen mit zwei Pistolenschüssen beinah umgebracht. Der junge Mann und seine beiden, wenig älteren Komplizen sitzen deshalb hinter Gittern. Der Vater des Haupttäters trägt wohl eine Mitschuld an diesem Verbrechen.

Mittwoch, 11.09.2019, 18:38 Uhr aktualisiert: 11.09.2019, 19:11 Uhr
Mit einer Heckler & Koch-Pistole – hier eine ähnliche 9-Kaliber-Polizeidienstwaffe – hatte Ostern 2018 ein damals 16-jähriger Westerkappelner fast einen Menschen umgebracht. Seinem Vater, dem die Pistole gehörte, wird eine Mitschuld zugeschrieben. Er muss sich vor Gericht wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz und fahrlässiger Körperverletzung verantworten.
Mit einer Heckler & Koch-Pistole – hier eine ähnliche 9-Kaliber-Polizeidienstwaffe – hatte Ostern 2018 ein damals 16-jähriger Westerkappelner fast einen Menschen umgebracht. Seinem Vater, dem die Pistole gehörte, wird eine Mitschuld zugeschrieben. Er muss sich vor Gericht wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Foto: dpa

In der Nacht zu Ostermontag vergangenen Jahres hatte ein damals 16-Jähriger einen ahnungslosen 22-Jährigen aus nichtigen Gründen mit zwei Pistolenschüssen beinah umgebracht. Der junge Mann und seine beiden, wenig älteren Komplizen sitzen deshalb hinter Gittern. Der Vater des Haupttäters trägt wohl eine Mitschuld an diesem Verbrechen. Davon ist das Amtsgericht in Tecklenburg überzeugt. Dort wird der Westerkappelner derzeit zur Verantwortung gezogen.

Rückblende: Am 2. April 2018 hatte der Sohn durch das Badezimmerfenster einer Wohnung an der Kreuzstraße in Westerkappeln auf das 22-jährige Opfer drei Schüsse abgefeuert. Zwei Kugeln trafen den Mann, der lebensgefährliche Verletzungen davontrug.

Der 16-jährige wurde vergangenes Jahr kurz vor Weihnachten wegen gemeinschaftlichen versuchten Totschlags und der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung zu sechs Jahren und drei Monaten Jugendhaft verurteilt. Sein am Ostermontag noch 17-jähriger Kumpel erhielt eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Und der 18-jährige Komplize muss insgesamt vier Jahre absitzen.

Sohn fand Schlüssel für Waffenschrank offenbar häufiger

Die Tatwaffe – eine halbautomatische 9-Millimeter Heckler & Koch – hatte sich der 16-Jährige aus dem Waffenschrank des Vaters „geborgt“, in dem dieser – ein Jäger – weitere Waffen verwahrte; darunter auch eine Pumpgun, wie ein Beteiligter der jetzigen Hauptverhandlung berichtete.

Der Schlüssel für den Tresor sei zwar stets abgeschlossen gewesen und sein Vater habe diesen auch immer penibel verwahrt, er habe ihn am Abend vor der Tat aber dennoch gefunden, hatte der Jugendliche seinerzeit vor der 1. Großen Strafkammer in Münster ausgesagt. Im Verlauf des damaligen Prozesses kam aber heraus, dass der Sohn den Schlüssel wohl häufiger gefunden hat. Bei den Treffen der Clique habe der 16-Jährige mehrfach eine Waffe dabei gehabt und „ein-, zweimal damit in die Luft geschossen“, sagte einer der beiden Mittäter damals aus.

Einspruch gegen 54.000 Euro-Strafe

Relevant für das Verfahren gegen den Vater sind jedoch nur die Vorgänge am Tattag. Dem Westerkappelner wird ein Verstoß gegen das Waffengesetz sowie fahrlässige Körperverletzung vorgeworfen. Ein Richter am Amtsgericht Tecklenburg hatte ursprünglich auf Antrag der Staatsanwaltschaft in Münster einen Strafbefehl erlassen. Danach soll der Familienvater 180 Tagessätze á 300 Euro zahlen, also insgesamt 54 000 Euro.

Tagessätze

Ein Tagessatz entspricht dabei einem Tag Freiheitsstrafe. Bei mehr als 90 Tagessätzen gilt ein Verurteilter als vorbestraft. Die Höhe des Tagessatzes bestimmt das Gericht unter Berücksichtigung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Täters.

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Mit dem Strafbefehl war der Westerkappelner jedoch nicht einverstanden. Er wies die ihm vorgeworfene Mitschuld von sich und legte Einspruch ein, wodurch es zur Hauptverhandlung gekommen ist. Nach dem Auftakt mit Verlesung der Anklage und der Anhörung von zwei Zeugen, ist der Prozess am Mittwoch fortgesetzt worden. Als Zeugen waren dieses Mal drei Polizeibeamte und die Mittäter des 16-Jährigen geladen, die aus der Haft vorgeführt werden sollten. Dazu ist es aber gar nicht gekommen.

Deal zeichnet sich ab

Denn es zeichnet sich ein Deal ab. Die Strafprozessordnung – in diesem Fall der § 257c – nennt es eine Verständigung zwischen Gericht und den Verfahrensbeteiligten. Voraussetzung ist ein Geständnis des Angeklagten. Dieser äußerte sich am Mittwoch zwar nicht zu den Vorwürfen, räumt seine Mitschuld an den Geschehnissen jetzt aber offensichtlich ein. Sein Verteidiger, die Staatsanwaltschaft und der Nebenkläger, der das Opfer vertritt, haben sich – vorläufig – auf folgendes Ergebnis verständigt: Der Angeklagte nimmt seinen Einspruch gegen den Strafbefehl zurück beziehungsweise beschränkt diesen auf die Rechtsfolgen, also auf das Strafmaß. Gleichzeitig hat er den Nachweis zu erbringen, innerhalb von zwei Wochen eine „nicht unerhebliche Zahlung“ an den Geschädigten zu leisten. Diese muss mindestens 10 000 Euro betragen. Der Nebenklägeranwalt machte dabei deutlich, dass diese Zahlung als Abschlag auf mögliche zivilrechtliche Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüche zu verstehen seien.

Folgt der Angeklagte diesen Auflagen, wird die Hauptverhandlung abgekürzt. Weitere Zeugen müssen nicht mehr gehört werden. Und Richter Thorsten Weber kündigte an, in dem Fall eine Geldstrafe von nicht mehr als 140 Tagessätzen zu verhängen. „Das Strafrecht nennt das tätige Reue. Und die rechtfertigt eine Strafmilderung.“

Am 25. September treffen sich die Prozessbeteiligten wieder. Der Richter wird dann das Ergebnis der Verständigung bestätigen. Sollten sich bis dahin allerdings rechtlich oder tatsächlich bedeutsame Umstände neu ergeben, wäre das Gericht nicht mehr an den Deal gebunden.

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