„Wir nennen Ross und Reiter“
Historiker untersucht Missbrauchsfälle im Bistum Münster

Münster -

Im Auftrag des Bischöflichen Generalvikariats wird der münsterische Historiker Thomas Großbölting die Missbrauchsfälle im Bistum Münster aufarbeiten. Gemeinsam mit seinem Team soll er Fälle aufdecken und untersuchen, sie beschreiben und jene Strukturen rekonstruieren, die den Missbrauch begünstigt oder seine Aufdeckung verhindert haben. 

Mittwoch, 18.09.2019, 19:46 Uhr aktualisiert: 19.09.2019, 07:01 Uhr
Prof. Thomas Großbölting (l.) und Generalvikar Dr. Klaus Winterkamp erklären die Bedeutung der Missbrauchsstudie.
Prof. Thomas Großbölting (l.) und Generalvikar Dr. Klaus Winterkamp erklären die Bedeutung der Missbrauchsstudie. Foto: Wilfried Gerharz

Das erklärte Generalvikar Dr. Klaus Winterkamp am Mittwoch. Großbölting ist Historiker an der Universität. Der Professor für Neuere und Neueste Geschichte hat Erfahrung mit komplizierten Ermittlungen: Von 2005 bis 2007 leitete Großbölting   die Abteilung Bildung und Forschung bei der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin. 

Die Untersuchung diene nicht dazu, „unser Image zu verbessern oder unsere Glaubwürdigkeit zu erhöhen“, betonte er. Antrieb sei vielmehr der Wunsch der Opfer, Täter zu benennen, und jene, die die Taten vertuscht oder nicht verhindert haben.

Deutlich wird an diesem Nachmittag: Sowohl Winterkamp als auch Großbölting meinen es offenbar ernst. „Wir werden Ross und Reiter nennen“, sagt der Historiker. Für die Arbeit der Wissenschaftler gelte das Prinzip: größtmögliche Offenheit, was Täter, Beschuldigte und Verantwortliche angehe; größtmöglicher Schutz für die Betroffenen. „Wir werden auch Namen von Verantwortungsträgern nennen, die Übergriffe vertuscht oder verheimlicht haben“, ergänzt der Generalvikar. Das gelte auch für noch lebende Personen.

Immer neue Nachrichten zum Missbrauch

Seit 2010 schocken immer neue Nachrichten zum Missbrauch in der katholischen Kirche. 2018 gab die Deutsche Bischofskonferenz Zahlen einer Studie bekannt, die heruntergebrochen auf das Bistum Münster 138 Beschuldigte und 450 Opfer für den Zeitraum von 1945 bis 2015 ergaben. 77 Priestern wurde der Missbrauch von Minderjährigen vorgeworfen.

Natürlich sprechen die Zahlen für sich. Sie sagen aber nichts über den Hintergrund aus, über Strukturen, Bedingungen, Befindlichkeiten und die Dynamik der Zeit, sprich: den Rahmen, der die Verbrechen möglich machte – und womöglich beförderte. Genau hier setzt Großbölting an. Ihm gehe es „um eine qualitative und quantitative Untersuchung“, sagt er. Was geschah wann und wo? Wer tat was? Wie konnte es unerkannt geschehen, warum wurde es nicht offensiv verhindert? Das will das Team ermitteln, erforschen, erklären.

Bischof Felix Genn und Uni-Rektor Johannes Wessels unterzeichnen den Vertrag zwischen Bistum und Hochschule.

Bischof Felix Genn und Uni-Rektor Johannes Wessels unterzeichnen den Vertrag zwischen Bistum und Hochschule. Foto: Wilfried Gerharz

Um Licht ins Dunkel der dunklen Vergangenheit zu bringen. „Aber eben auch im Dienst der Prävention“, sagt Winterkamp. Falls es Strukturen in der Kirche gegeben habe, die den Missbrauch beförderten „und die immer noch nachhaltig wirken“, gelte es, Abhilfe zu schaffen.

Auf 2,5 Jahre angelegtes Projekt

Ein Wort, das am Donnerstag immer wieder fällt, ist „Unabhängigkeit“. Für Großbölting ist sie eine nicht verhandelbare Voraussetzung. Für das Bistum ist sie zwingend für die Glaubwürdigkeit. Folglich zahlt das Generalvikariat für das auf 2,5 Jahre angelegte Projekt 1,3 Millionen Euro – und hält sich ansonsten komplett heraus. Großböltings Mannschaft erhält das volle Zugriffsrecht auf die für ihre Arbeit nötigen Archivbestände des Bistums. Personalakten, Sachakten – in Regalmetern wollte der Wissenschaftler den Umfang am Donnerstag nicht messen.

Einer, der die spätnachmittägliche Vorstellung stumm verfolgt, ist Martin Schmitz aus Rede. Opfer, Betroffener, Gründer einer Selbsthilfegruppe. Er sei im Vorfeld unsicher gewesen, ob er bei der Sache mitmachen könnte, sagt er. Weil er sich nicht sicher gewesen sei, ob das Projekt der Aufarbeitung diene. „Bei dem, was ich heute gehört habe, würde ich sagen: ,Ja, ich könnte es‘“, sagt er am Ende. Mehr geht nicht.

Kommentar: Strukturen durchleuchten

Der Skandal um sexuellen Missbrauch hat mittlerweile viele gesellschaftlichen Schichten, Strukturen und Institutionen erfasst, führt stets erneut zu schockierenden Nachrichten und dem Ruf nach Aufarbeitung und konsequenter Bestrafung. Die moralische Fallhöhe der Kirche, die doch eigentlich als Anwalt der Schwachen gilt und ein besonderer Schutzraum für Kinder und Jugendliche sein soll, ist dabei weitaus höher anzusiedeln, und sie tut daher gut daran, bei Nachforschung, Aufarbeitung und Prävention besondere Sorgfalt walten zu lassen. Auf Initiative des Bistums Münster wird ein Team von Wissenschaftlern unter Leitung von Thomas Großbölting, Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Universität Münster, jetzt in einer über mehrere Jahre angelegten Studie die Missbrauchsfälle im Bistum Münster intensiv aufarbeiten. Dabei geht es nicht allein darum, bislang vielleicht noch unbekannte Fälle aufzudecken, sondern zugleich darum, auffällige Strukturen zu erkennen oder zu rekonstruieren, die Missbrauch begünstigten und seine Aufdeckung verhinderten. Dem erschreckenden Phänomen sexueller Gewalt kommt man nicht durch Schockstarre bei, auch nicht durch Dämonisierung. Vielmehr sind alle relevanten wissenschaftlichen Disziplinen, von der Geschichtswissenschaft über die Sozialpädagogik bis hin zur Medizin gefordert, sich des Themas umfassend anzunehmen. Nur so ist es möglich, eine wirksame Prävention zu entwickeln. Von Johannes Loy

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