Ein leiser Hilferuf
Susanne Welz ist Tag und Nacht auf Hilfe angewiesen

Münster -

Susanne Welz würde gerne weiter in ihren vier Wänden im Südviertel leben. Wenn es ihr nicht bald gelingt, Assistenten zu finden, die die Betreuung rund um die Uhr sichern, dann sieht die Psychologin ihr selbstständiges Leben in Gefahr.

Donnerstag, 26.09.2019, 20:00 Uhr aktualisiert: 26.09.2019, 22:29 Uhr
Susanne Welz ist rund um die Uhr auf Assistenten angewiesen, nur so kann sie in ihren eigenen vier Wänden leben.
Susanne Welz ist rund um die Uhr auf Assistenten angewiesen, nur so kann sie in ihren eigenen vier Wänden leben. Foto: gh

Susanne Welz hat noch nicht resigniert, aber sie ist kurz davor. Die 55-Jährige äußert nur einen Wunsch, sie sucht Assistenten, die ihr helfen, weiter zu überleben und die Betreuungssituation zu verbessern. Momentan sei es eng, sehr eng, beschreibt die Münsteranerin ihre Lage. Es ist wie ein Hilferuf, mit dem sich die Psychologin an die Öffentlichkeit wendet. Wenn sich niemand findet, erzählt Susanne Welz mit leiser, ruhiger Stimme, dann sei ihr selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden im Südviertel in Gefahr.

Susanne Welz trägt ein Schicksal, das ihr eine Last aufbürdet, die nur sehr schwer zu tragen ist. Bis jetzt meistert die Münsteranerin ihre Krankheit mit Geduld – und mit einer Betreuung durch Freunde und Mitarbeiter.

Ich darf keine Sekunde alleine bleiben.

Susanne Welz

Rund um die Uhr muss die 55-Jährige betreut werden. „Ich darf keine Sekunde alleine bleiben.“ Etwa 800 Stunden monatlich kommen zusammen, rechnet Susanne Welz vor, die seit einigen Monaten künstlich ernährt wird. Wenn beispielsweise nachts das Atemgerät ausfällt, das die Münsteranerin mit Umgebungsluft versorgt, weil sie nicht die Kraft zum alleinigen Atmen hat, dann muss sofort das Ersatzgerät angeschlossen werden. „Auch das ist schon vorgekommen“, sagt Welz.

Die Münsteranerin, die aus Iserlohn stammt, leidet seit ihrer Geburt an einer Muskelerkrankung, bei der sich die Muskeln zurückbilden. Seit 1995 sitzt die 55-Jährige im Rollstuhl, ist schwerst pflegebedürftig und organisiert trotzdem ihr Leben selbst.

Starke Willenskraft

Ihre Willenskraft ist stark. In den letzten 25 Jahren fand sie einen Großteil ihrer Mitarbeiter im Studentenkreis. Was aber zunehmend schwierig wird, sagt sie. Auch Freunde scheiden altersbedingt aus dem Dienst aus, berichtet Susanne Welz, die nachts gedreht und die gehoben werden muss. Sie wiege zwar nur 40 Kilogramm, entschuldigt sie sich, trotzdem sei diese Aufgabe nicht leicht. Dennoch hofft sie auf Hilfe.

Susanne Welz kam fürs Studium der Psychologie nach Münster – und blieb. Damals konnte sie noch Laufen. Freunde halfen bei täglichen Besorgungen. Susanne Welz arbeitet seit 1997 als Psychologin für den Kreis Steinfurt, inzwischen hat sie sich zu Hause ein Büro eingerichtet – und nutzt seit 2011 einen besonderen Elektrorollstuhl, mit dem sie in ein Fahrzeug rollen kann.

Um Wege zu sparen, finden Besprechungen mit Kollegen häufig bei der Schulpsychologin in Münster statt. Susanne Welz kümmert sich um Supervisionen, tauscht sich mit Lehrkräften aus und arbeitet bei Projekten mit, bei denen Schüler eine Rolle spielen, die in einer normalen Schule keinen Platz mehr finden.

Dauernde Suche nach Assistenten

Die Psychologin würde gerne noch mehr aus ihrem Leben machen, wenn ihr nicht die formalen Schwierigkeiten in ihrer eigenen Situation die Luft zum Atmen nehmen würden, sagt sie. Die dauernde Suche nach Assistenten setzt der 55-Jährigen sichtlich zu. Es gebe keine Organisation in Deutschland, die dabei helfe, selbstständig zu leben, bedauert sie. Auch nicht bei der Suche nach Mitarbeitern und bei deren Einarbeitung. Pflegedienste vermittelten keine Assistenzkräfte, und die Agentur für Arbeit habe keine Bewerber, so Welz, die Patientin im Palliativnetz in Münster ist.

Dass sie ihre Wohnung im Südviertel gefunden hat, das beschreibt sie für sich als Glücksfall. Damals gab ein Bäcker seine Backstube auf und baute diese zu einer ebenerdigen Wohnung um. Susanne Welz ist glücklich in ihren eigenen vier Wänden, in denen ein großer Tisch der Mittelpunkt ist. Die 55-Jährige lebt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Blick ins Grüne.

Ein hauptamtlicher Mitarbeiter, der für sie im Einsatz ist, legt zunehmend mehr Überstunden ein, um die Betreuung abzusichern. „Aber das kann nicht von Dauer sein“, weiß die Münsteranerin.

Ich habe mich bis heute nicht so gequält, um dann an den Gesellschaftsstrukturen zu scheitern.

Susanne Welz

Susanne Welz erwartet von ihren Helfern keine Vorkenntnisse, nur stark und sensibel müssten sie sein. Zwischendurch vergießt die 55-Jährige Tränen. „Ich habe mich bis heute nicht so gequält, um dann an den Gesellschaftsstrukturen zu scheitern.“ Welz möchte ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft bleiben und selbstständig in ihrer Wohnung leben, das ist ihr Ziel. Das Thema Inklusion fällt ihr dabei ein.

„Ich gehe nicht in ein Pflegeheim“, sagt die Münsteranerin und bekräftigt mehrfach: „Ich werde es nicht tun.“ Außerdem sei ihrer Meinung nach ein Pflegeheim auch nicht in der Lage, „mir ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen“. „In letzter Konsequenz würde ich in einem Hospiz untergebracht werden, um dort zu sterben. Das wäre die brutale Konsequenz, wenn ich mein selbstbestimmtes Leben, gesichert durch die Hilfe von Assistenzkräften, nicht leben kann – weil ich keine Helfer finde.“

Ihre jetzige Situation beschreibt die Psychologin als furchtbar. „Ich komme nicht mehr dahin, Freude zu entwickeln.“ Zeit und Kraft für Muße fehlten ihr. „Eigentlich müsste meine Kraft ins Leben fließen, aber nicht in wachsende Ängste.“

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Menschen, die sich an Susanne Welz wenden möchten, können sie unter 0172/5811880 erreichen.

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