„Meine Brust gehört zu mir“
Gewebe-Rekonstruktion am UKM-Brustzentrum

Münster -

Die Entfernung einer Brust kann für Patientinnen ein traumatisches Erlebnis sein. Ein Verfahren, bei dem entweder Fettgewebe aus dem Bauch oder der Innenseite des Oberschenkels entnommen und zu einer neuen Brust modelliert wird, hilft den Betroffenen, den Ersatz besser zu akzeptieren.

Donnerstag, 28.11.2019, 06:46 Uhr aktualisiert: 28.11.2019, 07:16 Uhr
Professor Tobias Hirsch und Dr. Joke Tio haben die Brust von Andrea Bober mit deren eigenem Gewebe wieder rekonstruiert.
Professor Tobias Hirsch und Dr. Joke Tio haben die Brust von Andrea Bober mit deren eigenem Gewebe wieder rekonstruiert. Foto: Wilfried Gerharz

Wenn es um ihre Gesundheit geht, macht Andrea Bober keine Kompromisse. „So war es für mich auch selbstverständlich, regelmäßig die Einladungen zum Mammografie-Screening zur Brustkrebsvorsorge wahrzunehmen“, erzählt die 55-Jährige. Auch im April 2018 ließ sie sich in der Radiologie eines Krankenhauses im nördlichen Münsterland wieder untersuchen. Dabei wurden in der linken Brust Auffälligkeiten entdeckt. „Der Vergleich der aktuellen Aufnahmen mit früheren Bildern zeigte ganz deutlich die Veränderungen“, erinnert sich An­drea Bober noch gut an das Gespräch mit den Fachärzten. „Die vielen kleinen Verkalkungen konnte ich auf den Bildern selbst erkennen, aber sie waren nicht zu ertasten.“ Eine Biopsie brachte weitere Klarheit und zur Weiterbehandlung kam Andrea Bober ins Brustzentrum des Universitätsklinikums Münster ( UKM ).

Weitere Untersuchungen folgten. Im Termin mit Dr. Joke Tio , Leiterin des UKM-Brustzentrums, erfuhr die Patientin, dass die Ärztin in der gesamten linken Brust Veränderungen gefunden hat. „Der Befund war für mich nicht leicht, aber ich fühlte mich von Anfang an gut aufgehoben und immer gut informiert, um mit den Ärzten gemeinsam die Entscheidungen für die nächsten Schritte zu treffen“, sagt Andrea Bober in der Rückschau.

„Mein Körper ist mein Körper. Was fühlt sich für mich richtig an?“

„Wir arbeiten im UKM-Brustzentrum mit Experten unterschiedlicher Fachbereiche bei der Früherkennung und bei der Aufklärung eng zusammen. Jeder abzuklärende Befund wird in unserer Tumorkonferenz gemeinsam durch Gynäkologen, Radiologen und Pathologen besprochen. Im Mittelpunkt stehen dabei immer die Patientin und ihre Bedürfnisse. Neben fachlicher Kompetenz und innovativer Technik ist für uns das persönliche Gespräch besonders wichtig“, erläutert Dr. Joke Tio. „Das bedeutet für die Patienten eine abgestimmte Entscheidungsfindung, die optimale Therapiestrategie und eine ganzheitliche Behandlung nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.“

Die Verfahren zur Rekonstruktion einer Brust sind vielfältig. Das kann Eigengewebe, aber auch ein Implantat sein.

Die Verfahren zur Rekonstruktion einer Brust sind vielfältig. Das kann Eigengewebe, aber auch ein Implantat sein. Foto: Wilfried Gerharz

Für Andrea Bober stand nach den Empfehlungen der Brustkonferenz fest, dass sie sich für eine komplette Entfernung der Brust entscheiden würde, um jedes Risiko auszuschließen, an Brustkrebs zu erkranken. „Ich habe mich sofort nach der ersten Biopsie intensiv mit allen denkbaren Optionen auseinandergesetzt und auch da schon mit der Frage beschäftigt, welche Möglichkeiten es gibt, die Brust nach der Operation wieder zu rekonstruieren“, blickt Andrea Bober zurück. „Mein Körper ist mein Körper. Was fühlt sich für mich richtig an?“, war die Frage, die sie bewegte.

Brustkrebs

17.850 Frauen sterben jährlich an den Folgen von Brustkrebs. Das berichtet die Deutsche Krebsgesellschaft. Danach ist Brustkrebs mit etwa 30,5 Prozent die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in allen Staaten der industrialisierten Welt.

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Psychische Belastung durch Brust-Operation

Und damit ist Andrea Bober nicht alleine. „Wir wissen, dass Brust-Operationen für die betroffenen Frauen nicht nur physisch, sondern auch psychisch hoch belastete Situationen sein können. Da hilft es, mit der Idee einer passenden Rekonstruktion der Brust optimistischer in die Operation zu gehen“, wissen Dr. Joke Tio und Professor To­bias Hirsch, Leiter der Sektion Plastische Chirurgie am UKM und Chefarzt für Plastische Chirurgie an der Fachklinik Hornheide. Deshalb werden im UKM-Brustzentrum die Patientinnen bereits vor anstehenden Operationen interdisziplinär von beiden beraten.

Dabei spielt der Brustaufbau mit Eigengewebe gegenüber dem Silikonimplantat eine immer größere Rolle. „Silikonimplantate werden bisweilen als Fremdkörper empfunden. Sie können Schmerzen oder ein Kältegefühl, aber auch psychische Belastungen verursachen“, weiß Professor Tobias Hirsch. „Der Brustwiederaufbau aus Eigengewebe bietet viele Vorteile. Entscheidend ist, gemeinsam genau die passende Lösung für die jeweilige Patientin zu entwickeln. Dabei ist gegenseitiges Vertrauen die wichtigste Grundlage.“

Das passiert bei der Rekonstruktion

Bei einer Rekonstruktion der Brust mit Eigengewebe wird während einer großen Operation entweder Fettgewebe aus dem Bauchbereich oder der Innenseite des Oberschenkels entnommen. Mit dem Transplantat wird eine neue Brust modelliert und mikrochirurgisch an das Gefäßsystem der zu rekonstruierenden Brust angeschlossen. Dabei stehen Brustexperten und plastische Chirurgen gemeinsam am OP-Tisch. „Nach der Operation gehört die mit Eigengewebe aufgebaute Brust wieder direkt zum Körper. Sie hat dieselbe Temperatur und nimmt mit dem gesamten Körper auch zu oder ab“, beschreibt Hirsch.

Taktgeber seien bei allen Behandlungsvorschlägen und Entscheidungen die Patientinnen, sagen Tio und Hirsch. „Wir beraten umfassend und bieten den Frauen mit innovativer Technik und weiterer Forschung die neuesten Behandlungsmethoden an. Unsere Rolle ist die Begleitung über einen Weg, bei dem die Patientin viel vorgibt und im Miteinander transparent die einzelnen Schritte festgelegt werden“, erklärt Dr. Joke Tio.

Nach intensiver Beratung mit Joke Tio und Tobias Hirsch hat sich Andrea Bober für eine Rekonstruktion ihrer Brust mit Eigengewebe entschieden. „Vor der Operation hatte ich großen Respekt“, sagt Andrea Bober. „Aber ich fühlte mich umfassend informiert über alles, was passiert, und war mir sicher: Du kommst da durch. Und das Ergebnis ist toll: Meine neue Brust gehört zu mir. Sie ist meins. Und das Brustkrebsrisiko ist gebannt. Für mich bedeutete die Behandlung am UKM Klarheit und Sicherheit. Das hat es mir auch erleichtert, über die Zeit mit meiner Erkrankung offen umzugehen und insbesondere auch Freundinnen und Kolleginnen klarzumachen, wie wichtig es ist, die Möglichkeiten der Brustkrebs-Früherkennung zu nutzen.“

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