"Deutsche Mundgesundheitsstudie“
Murks beim Zähneputzen: neuer Zahnbürsten-Typ im Selbstversuch

Münster -

Die Deutschen haben so gute Zähne wie keine andere Nation. Das hat die fünfte „Deutsche Mundgesundheitsstudie“ ergeben. Sie putzen viel und richtig. Und das mit der guten alten Zahnbürste. Da können neue Modelle nicht mithalten – hat Professor Benjamin Ehmke im Selbstversuch herausgefunden. Die sind Murks.

Freitag, 29.11.2019, 09:00 Uhr aktualisiert: 29.11.2019, 09:45 Uhr
Professor Ehmke hat den neuen Zahnbürsten-Typ getestet und dafür vier Tage aufs Zähneputzen verzichtet, damit die Unterschiede auch sichtbar sind.
Professor Ehmke hat den neuen Zahnbürsten-Typ getestet und dafür vier Tage aufs Zähneputzen verzichtet, damit die Unterschiede auch sichtbar sind. Foto: Jürgen Christ

Professor Benjamin Ehmke will es wissen. Um herauszufinden, ob die elektrische Ultraschall-Zahnbürste aus dem Internet seine Zähne besser putzt als seine klassische elektrische Bürste, hat der Direktor der Poliklinik für Parodontologie und Zahnerhaltung am Uniklinikum Münster vier Tage seine Zähne nicht geputzt. Jetzt liegt er selbst im Zahnarztstuhl und lässt sich von der Zahnärztin Karoline Preuße die Zähne färben, um zu prüfen, was die neueste Generation der Zahnbürste kann. Und was nicht.

Das Ergebnis: Sie kann nichts. Der 51-Jährige kann keinen „relevanten Reinigungseffekt“ entdecken.

Ich fände es super, wenn es funktioniert, aber das tut es nicht.

Professor Benjamin Ehmke

Es wäre ja auch zu schön gewesen. Dabei hatte die Werbung versprochen, dass das neue Modell „die Mundhöhle sterilisiert und desinfiziert, effektiv Zahnstein und Zahnbelag entfernt und die Mundhöhle frisch und gesund macht.“ Dazu müssen die Nutzer die u-förmige Bürste auf ihre Zähne schieben und das Gerät einschalten. Danach verteilen Silikonborsten die Zahnpasta in der Bürste auf den Zähnen.

Die linke Seite seiner Zähne hat er­­ 30 Sekunden mit seiner alten elektrischen Bürste geputzt – so lange, wie das freihändige Putzen mit dem neuen, u-förmigen Modell angeblich nötig ist, um dabei auch noch die „Lebenseffizienz zu verbessern“, wie es in der Werbung heißt. Die andere mit der neuen.

Fakten zum Zähneputzen

 • Kinder von Eltern ohne Schulabschluss haben fast doppelt so oft Karies wie Kinder, der Eltern Abitur oder Hochschulabschluss besitzen.

• Wer den Grund für Löcher in seinen Zähnen mit den Genen zu begründen versucht, liegt oft falsch. „Solche Störungen sind extrem selten“, sagt Ehmke. Tatsächlich sei eine geänderte Lebensweise nötig, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Also seltener Süßes und besser putzen.

80 Prozent der Kinder in Deutschland sind bis zu ihrem zwölften Lebensjahr kariesfrei. Sechs Prozent haben 80 Prozent der Karies. Oft stecke ein Wissensdefizit der Eltern dahinter. Darum sei es wichtig, dass Zahnärzte mehr mit den Eltern erkrankter Kinder sprechen und sie ermuntern, zum Beispiel Wasser statt Fanta auf den Tisch zu stellen und zweimal am Tag zwei Minuten die Zähne zu putzen.

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Der Unterschied ist beachtlich: Die Oberflächen der Zähne, die Ehmke herkömmlich geputzt hat, sind zum großen Teil sauber, lediglich am Übergang vom Zahnfleisch zum Zahn und zwischen den Zähnen bleibt Farbe hängen. „Da muss man mit Zahnseide ran“, sagt der Professor.

Professor Ehmke bleibt angesichts des Test-Ergebnisses bei seiner alten Zahnbürste.

Professor Ehmke bleibt angesichts des Test-Ergebnisses bei seiner alten Zahnbürste. Foto: Jürgen Christ

Auf der anderen Seite hätte Ehmke sich die Mühe auch ganz sparen können. Das Versprechen, in 30 Sekunden alle Zähne reinigen zu können, kann die neumodische Zahnbürste aus China nicht halten. „Ich fände es super, wenn es funktioniert, aber das tut es nicht“, sagt der Mediziner. Er berichtet: „Zwar bewegt sich im Mund etwas, aber es ist halt gar nichts passiert.“

Patente für Ul­traschall-Zahnbürsten gibt es schon länger. Die Idee bei solchen Varianten ist, dass der Ultraschall Zahnpasten mit winzig kleinen Schleifmitteln in Bewegung versetzt, die die Zahnoberfläche von Plaques und Ablagerungen befreien sollen. Allerdings braucht es dafür sehr viel Energie, durch die es im Mund viel zu heiß werden würde. „Darum sind die nie gebaut worden“, sagt Ehmke.

Er fühlt sich in seiner Erkenntnis bestätigt: „Die Bürstenoberfläche muss die Zähne berühren, sonst bringt das nichts“, sagt er. Und: „Bis auf Weiteres sei keine Innovation der Zahnbürste in Sicht.“ Immerhin sei ein Entwicklungsstand erreicht, auf dem die Pflege der Zähne „eigentlich sehr gut funktioniert“.

Was Sie über die Zahnbürste wissen müssen

• Solange die Borsten parallel zueinander stehen, muss die Zahnbürste nicht aussortiert werden.

• Hart, weich, mittel? Im Augenblick sind die weichen en vogue, sagt Ehmke. Egal, ob mittel, hart oder weich – „die putzen alle gleich gut“, sagt der Zahnmediziner.

• Plane, gewellte oder gezackte Borsten? Das ist aus medizinischer Sicht egal. Wichtig ist nur, wie sie hergestellt werden. Die Zeiten, in denen die Borsten bei der Produktion mit einem heißen Draht abgeschnitten wurden, sind vorbei. Die scharfen Kanten konnten dann das Zahnfleisch verletzten. Heute werden sie abgestanzt und abgerundet und sind damit auch nicht mehr gefährlich fürs Zahnfleisch.

• Um zu verhindern, dass sich am Kopf der Zahnbürste Bakterien oder Schimmel bilden, sollte sie trocken und offen gelagert werden. Sie aufrecht in einen Becher zu stellen, ist eine ideale Variante.

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