Coronavirus
UKM-Virologe: «Wir müssen keine Angst haben»

Münster -

Der Coronavirus stellt nach Auffassung der Mediziner am UKM (Universitätsklinikum Münster) bisher kein erhöhtes Risiko für die Bevölkerung dar. „Die Gefahr, sich mit der normalen Grippe anzustecken, ist derzeit wesentlich größer“, sagt UKM-Virologe Prof. Stephan Ludwig. Sollte es doch zu einer Verbreitung des Coronavirus kommen, ist das UKM darauf vorbereitet.

Mittwoch, 29.01.2020, 16:18 Uhr aktualisiert: 29.01.2020, 17:07 Uhr
Coronavirus: UKM-Virologe: «Wir müssen keine Angst haben»
Das Universitätsklinikum Münster (UKM) Foto: Oliver Werner (Archiv-Foto 2018)

Dass das Virus 2019-nCoV weitaus weniger krankheitserregend ist als ein saisonaler Grippevirus, ist dem Leiter des Instituts für Virologie, Prof. Stephan Ludwig , wichtig: „Ich würde dieses Thema derzeit nicht so hoch hängen. Wir müssen das mit anderen Situationen vergleichen. Beispielsweise hat die Grippewelle 2017/18 25.000 Todesopfer gefordert und wir haben derzeit vier Corona-Fälle in Deutschland. Es werden auch noch mehr Fälle dazukommen, aber es ist nicht so, dass wir Angst haben müssten, dass wir hier massiv in Kontakt mit Infizierten kommen.“

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Prof. Stephan Ludwig, Leiter des Instituts für Virologie. Foto: UKM

Sollte es doch zu einzelnen Fällen von Infektionen mit dem 2019-nCo-Virus kommen, ist das UKM als Klinikum der Maximalversorgung dafür gerüstet, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Mitteilng des UKM. Kommt ein Patient mit Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion ins UKM, greift als erstes die normale Triage (Sichtung) in der UKM Notaufnahme oder – bei jungen Patienten – in der Klinik für Kinderheilkunde.

„Bereits aus den Erfahrungen mit SARS und MERS heraus sind an uns spezielle Anforderungen gestellt worden, die die Isolierung der Patienten in solchen Fällen genau vorschreiben“, sagt beispielsweise der leitende Krankenhaushygieniker des UKM, Prof. Alexander Mellmann . „Im Prinzip unterscheiden sich die Strukturen, die bei uns auch für Influenza, Tuberkulose und vergleichbare Erkrankungen etabliert sind, beim Coronavirus nicht.“

In der vergangenen Woche gab es in der UKM Notaufnahme eine Patientin, die selbst den Verdacht geäußert hatte, sie könne vom Coronavirus betroffen sein. „Wir fragen bereits in der Anamnese ab, ob der Patient oder die Patientin in den vergangenen Wochen in China oder Asien war oder Kontakt zu Menschen aus dieser Region gehabt hat. Das konnten wir bei der betreffenden Frau ausschließen“, sagt Prof. Philipp Kümpers, Leiter der UKM Notaufnahme.

Sollte sich aber ein begründeter Verdachtsfall vorstellen, so orientiere sich der weitere Ablauf streng an den Richtlinien, die das Robert-Koch-Institut zum Umgang mit dem Coronavirus empfiehlt. „Im Verdachtsfall machen wir eine Röntgenaufnahme und einen Schnelltest auf normale Influenza“, so Kümpers. Sollte der negativ ausfallen, es also keine Erklärung für vorliegende grippeähnliche Symptome geben, wird eine Referenzprobe ans Institut für Virologie der Charité nach Berlin geschickt. Dort werden durch den sogenannten PCR-Test derzeit Abstriche aus ganz Deutschland auf den Virus untersucht. In den nächsten Tagen wird es aber auch am UKM die Möglichkeit zu einem Nachweisverfahren geben, sodass Patienten dann direkt Gewissheit bekommen.

Das UKM hält für Infektionsfälle spezielle Isolationszimmer vor. Weitere Zimmer könnten bei größerer Ausbreitung identifiziert werden, so Krankenhaus-Hygieniker Mellmann. Für den Fall einer pandemischen Ausbreitung liegen Notfallpläne bereit.

Was über das Corona-Virus bislang bekannt ist

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  • China reagiert mit der Abriegelung von Millionenstädten, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern. Auch in Deutschland gibt es den ersten bestätigten Fall. Was bislang über den neuartigen Erreger bekannt ist:

    Foto: Arne Dedert (dpa)
  • Übertragung: Angenommen wird, dass das Coronavirus durch Tröpfcheninfektion etwa beim Husten übertragen wird. „Eine Ansteckung über kontaminierte Gegenstände gibt es eher nicht“, sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM). Vermutet wird demnach derzeit, dass das Virus sich vor allem in den unteren Lungenbereichen ansiedelt und weniger ausgeprägt in den oberen Atemwegen. Das würde ein geringeres Ansteckungspotenzial bedeuten, da der es von Lunge zu Lunge weiter ist als etwa von Nase zu Nase.

    Foto: Uncredited (dpa)
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    Foto: dpa
  • Gefährlichkeit: Wie hoch die Sterberate bei dem neuen Erreger sei, lasse sich noch nicht sicher sagen, so Schmidt-Chanasit. „Nach derzeitigen Daten könnte sie ähnlich wie bei der letzten Influenza-Welle in Deutschland liegen.“ Allerdings gebe es bei beiden Infektionen eine hohe Zahl sehr milder und daher gar nicht erfasster Erkrankungen, die tatsächliche Sterberate könne daher noch weitaus niedriger liegen.

    Foto: Ringo Chiu (dpa)
  • Anpassungsfähigkeit: Das Virus sei bislang stabil und es seien keine Mutationen beobachtet worden, sagte Michael Ryan, Direktor der WHO-Notfallprogramms, in Genf. „Wir sehen keine Veränderungen in der genomischen Sequenz des Virus.“ Coronaviren gelten als sehr anpassungsfähig und wandelbar - Veränderungen im Erbgut könnten das neue Virus gefährlicher und ansteckender machen.

    Foto: Achmad Ibrahim (dpa)
  • Inkubationszeit: Die bisherigen Daten und die Erfahrungen mit anderen auf Coronaviren zurückgehenden Erkrankungen lassen Experten zufolge eine Inkubationszeit - also einen Zeitraum von der Ansteckung bis zu ersten Symptomen - von im Mittel etwa einer Woche annehmen. „Inkubationszeiten bei Atemwegserkrankungen bewegen sich zwischen 2 und 14 Tagen - und die Extremwerte sind dabei wirklich selten“, sagte der Virusforscher Christian Drosten von der Charité in Berlin.

    Foto: Arne Dedert (dpa)
  • Atemmasken als Schutz: Dass einfache Atemmasken einen guten Schutz vor dem Virus bieten, wird von Experten angezweifelt. Im Zuge der Sars-Epidemie 2002/2003 hätten einige Studien für sogenannte FFP3-Masken einen schützenden Effekt nahelegen wollen, sagte Drosten. „Das waren aber keine normalen Masken, wie man sie in Asien auf der Straße sieht oder bei uns im OP, sondern spezielle Feinpartikelmasken.“ Mit solchen Masken könne man im Alltag nicht lange herumlaufen. „Wogegen die normalen Masken schützen, ist vielleicht der häufige Griff an Mund und Nase – also die Schmierinfektion.“ Wissenschaftlichen Daten dazu lägen aber nicht vor. Von der WHO hieß es dazu, die Masken würden nicht als Vorbeugung für Gesunde empfohlen, sondern für Patienten und Leute, die sich möglicherweise angesteckt haben, damit sie das Virus nicht verbreiten

    Foto: Wang Quanchao (dpa)
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