Wanderarbeiter aus Ost- und Südosteuropa
„Minimalstandards dürfen nicht unterlaufen werden“

Kreis Steinfurt -

Im Rahmen der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus ist die Arbeitnehmer-Freizügigkeit innerhalb der EU stark eingeschränkt. Konkret heißt das: Der Nachschub an Arbeitskräften aus Ost- und Südosteuropa bleibt aus. Eine Situation, die Prälat Peter Kossen, der in Lengerich den Verein „Würde und Gerechtigkeit“ gegründet hat, zum Anlass nimmt, auf die Lage dieser Arbeitsmigranten hinzuweisen.

Montag, 30.03.2020, 08:15 Uhr aktualisiert: 30.03.2020, 08:26 Uhr
Prälat Kossen ist besorgt über das Los der Wanderarbeiter.
Prälat Kossen ist besorgt über das Los der Wanderarbeiter. Foto: cro

Außer der Landwirtschaft würden zurzeit auch Fleischindustrie, Paketdienste, Ausstallkolonnen, Reinigungsgewerbe und Privathaushalte nicht mehr mit billigen Arbeiterinnen und Arbeitern „beliefert“.  

Der Menschenhandel sei zum Stillstand gekommen. Und schon gebe es Forderungen, die Restriktionen zu lockern, heißt es in einer Pressemitteilung von Kossen . Der Markt verlange nach billigem Fleisch, Gratispaketen und billiger 24-Stunden-Pflege. Im Zweifel sollen die, die da sind, mehr arbeiten dürfen.

Kossen warnt: „Kaum vorhandene Minimalstandards in Sachen Arbeitsschutz, Entlohnung und Wohnung dürfen jetzt nicht noch unterlaufen werden. Die verbliebenen Migranten müssen davor beschützt werden, dass man sie noch mehr als bisher auspresst und verschleißt, um sie dann wie Maschinenschrott zu entsorgen.“

Zunehmend Kinder betroffen

Bisher hätten Kontrollen zu keiner erkennbaren Verbesserung der Wohn- und Arbeitssituation geführt. Die aktuelle Gefahr ließe jetzt keinen Aufschub mehr zu. „Der Corona-Pandemie sind die von unmenschlicher Arbeit ausgelaugten und häufig gesundheitsschädlich untergebrachten Migranten schutzlos ausgeliefert. Dass zunehmend Kinder mitbetroffen sind, verschärft das Problem und macht die Lösung noch dringlicher“, so Kossen.

Die Arbeitsmigranten seien auch gleich die ersten, die bei Schwierigkeiten des Unternehmens auf der Straße stünden. „Wer zahlt für sie, wenn sie in Quarantäne gehen müssen?“, fragt Kossen. „Wenn es keiner tut, bleibt den Betroffenen nichts weiter übrig, als arbeiten zu gehen.“

Lange haben Wirtschaft, Politik und Gesellschaft über schwere Menschenrechtsverletzungen unter dem Deckmantel der Arbeitnehmerfreizügigkeit hinweggesehen.

Peter Kossen

Jetzt zeige sich, was alle wüssten, dass die Geisterarmee am Rande der Gesellschaft aus sehr realen Menschen bestehe, aus EU-Mitbürgern, denen Würde und Gerechtigkeit bei uns nicht selten vorenthalten werden. „Lange haben Wirtschaft, Politik und Gesellschaft über schwere Menschenrechtsverletzungen unter dem Deckmantel der Arbeitnehmerfreizügigkeit hinweggesehen. In der Pandemie ist es vielleicht schon zu spät, die modernen Sklaven vor der Ansteckung und vor schweren Krankheitsverläufen jetzt noch schützen zu wollen. So haben sie doppelt verloren, sind betrogene Verlierer.“ Das System einer Wertschöpfung, die weitgehend auf der Ausbeutung von Arbeitsmigranten aufgebaut ist, sei krank und mache krank.

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