Trotz Rekorddefizits am Uniklinikum
Aufsichtsrat sieht positive Entwicklung

Münster -

Das UKM hat im vergangenen Jahr ein Defizit von 39,5 Millionen Euro eingefahren. Trotzdem sprach der Aufsichtsrat dem Vorstand am Montagabend sein Vertrauen aus.

Dienstag, 30.06.2020, 20:00 Uhr aktualisiert: 30.06.2020, 20:12 Uhr
Trotz Rekorddefizits am Uniklinikum: Aufsichtsrat sieht positive Entwicklung
Das UKM fuhr schwere Verluste ein. Foto: WN

Das Defizit des Universitätsklinikums Münster ( UKM ) ist, wie berichtet, im Geschäftsjahr 2019 nach oben geschnellt wie nie zuvor – um 16,2 auf 39,5 Millionen Euro. Der Aufsichtsrat des UKM hat am Montagabend dem Vorstand den roten Zahlen zum Trotz das Vertrauen ausgesprochen. Der kaufmännische Direktor Dr. Christoph Hoppenheit wurde für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt.

Der Aufsichtsrat sieht das Klinikum auf einem guten Weg. „Themen wie die strukturellen Probleme der Finanzierung der Hochschulmedizin und der Fachkräftemangel in der Pflege begleiten uns seit Jahren und sind oftmals nicht kurzfristig zu beheben“, erklärt der Vorsitzende des UKM-Aufsichtsrats, Prof. Dr. Martin Schulze Schwienhorst, die Ursachen für das Defizit.

Zwölf Prozent mehr ambulante Fälle

Grundsätzlich werde die Entwicklung positiv bewertet: Patienten und Mitarbeiterzahlen seien gestiegen. Außerdem zeugten zentrale, vom Land unterstützte Bauprojekte wie die Erweiterung des Zentralklinikums und der Forschungscampus Ost davon, dass „strukturiert an der Zukunftsfähigkeit des Klinikums gearbeitet“ werde. So gab es im Vergleich zum Jahr 2018 zwölf Prozent mehr ambulante Fälle und gut vier Prozent mehr operative Eingriffe am UKM.

Die hohen Ausgaben konnte dies jedoch nicht kompensieren: 17 Millionen Euro des Defizits erklärt das UKM in einer am Dienstag verbreiteten Presseerklärung mit „eigenfinanzierten Investitionskosten“. Dazu gehörten etwa die Automatisierung der Labordiagnostik mit 2,7 Millionen, die Anschaffung von zwei MRT-Geräten für insgesamt drei Millionen und auch SAP-Lizenzen für 1,2 Millionen Euro. Hinzu kämen „Millionen-Beiträge für Kleinstgeräte, die derzeit nicht vom Land finanziert werden. Dinge, die schlichtweg notwendig sind, um die Basis der Krankenversorgung sicherzustellen“, erläutert eine UKM-Sprecherin.

Keine ganzen Stationen mehr geschlossen

Weitere zehn Millionen Euro des Defizits werden mit der „Unterfinanzierung der Pflege“ erklärt. Der Mangel an Pflegekräften führte seit Längerem vermehrt zu Bettenschließungen, die wiederum zu „Einbußen im Millionenbereich“ führten, weil weniger Patienten aufgenommen werden konnten. Auch hier sieht der UKM-Vorstand Verbesserungen: Zum einen ändere sich ab 2020 die Finanzierung der Fallpauschalen, außerdem seien mit 114 neuen Pflegekräften im ersten Halbjahr 2020 schon mehr Personen neu eingestellt worden als im Vorjahr. Im UKM gibt es rund 1600 Vollzeitpflegestellen.

Die schwierige Finanzierung der Hochschulkliniken

Die Finanzierung der Universitätskliniken in Deutschland ist allgemein schwierig. So ist, wie eine Recherche im Netz ergibt, das UKM keineswegs die einzige Uniklinik, die rote Zahlen schreibt, wobei ein Defizit von knapp 40 Millionen Euro ein überdurchschnittlich hoher Betrag ist. Jens Bussmann, Generalsekretär des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands, betont, dass die außerordentlich hohen Kosten  der Hochschulkrankenhäuser durch besonders schwer Erkrankte nicht bei der Krankenhausfinanzierung berücksichtigt würden. Allein sogenannte „Extremkostenfälle“ verursachten pro Standort drei bis vier Millionen Euro an zusätzlichen Kosten, so Bussmann. Ungünstig für die Effizienz wirke sich auch aus, wenn ein Klinikum in alten, dezentralen Gebäuden arbeiten müsse. Genau dies wird von den Verantwortlichen im UKM, das seit Jahren stückweise Modernisierungen vornimmt, seit Langem beklagt.  

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Es seien aber wegen des Pflegekräftemangels derzeit nicht mehr ganze Stationen geschlossen, nur einzelne Betten, erläuterte die UKM-Sprecherin.

Der Aufsichtsrat hat dem Vorstand des UKM um den seit Juni 2019 amtierenden Vorsitzenden und Ärztlichen Direktor Prof. Dr. Hugo Van Aken einen „Drei-Jahres-Plan“ auferlegt. Prof. Van Aken skizziert eine bevorstehende Entwicklung der zunehmenden Schwerpunktbildung einzelner Krankenhäuser und die Intensivierung der Zusammenarbeit in der Region. „Ein Universitätsklinikum muss künftig nicht mehr jede einzelne, noch so kleine Leistung abdecken“, präzisierte Van Aken.

Kommentar

Haushaltsbilanz des UKM: Keine schnelle Heilung

Dass die jüngste Haushaltsbilanz kein Grund zum Jubeln sein würde, hatte der UKM-Vorstandsvorsitzende bereits beim Neujahrsempfang im Januar angedeutet. Ein derart massives Defizit von fast 40 Millionen Euro kommt allerdings dennoch für viele unerwartet – zumal das UKM nach den internen Querelen um die Ausrichtung und die Abberufung des früheren Ärztlichen Direktors im vergangenen Jahr wieder etwas zur Ruhe gekommen schien.

Die tiefroten Zahlen zeigen, dass die strukturellen Probleme des Riesentankers UKM mit mittlerweile über 11 000 Mitarbeitern nicht kurzfristig zu lösen sind. Selbst wenn die Rundum-Modernisierung des Zentralklinikums mit Hochdruck realisiert würde: Die Umsetzung im laufenden Betrieb ist ein Langzeitprojekt, eine schnelle Heilung – leider – unrealistisch. Und abseits vom speziellen Fall UKM zeigt sich zunehmend, dass sich Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen allgemein nur bedingt eignen, wie Wirtschaftsunternehmen geführt zu werden. Die Folgen der Corona-Pandemie werden das deutlich zeigen – in der Bilanz für das Jahr 2020. (Karin Völker)

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