Neue Studie
Die Autotür wird leicht zur Falle

Münster -

Und plötzlich geht die Tür des parkenden Autos auf: Für Radfahrer ist diese Situation aut einer neuen Studie eine der größten Gefahren. Was die Unfallgefahr nach Angaben der Experten verringern könnte, wird Autofahrer nicht freuen.

Dienstag, 14.07.2020, 18:50 Uhr aktualisiert: 14.07.2020, 20:42 Uhr
Radfahrer werden häufig durch plötzlich auffliegende Pkw-Türen bedroht. Wie schwer eine solche Kollision verlaufen kann, führten die Unfallforscher der Versicher am Dienstag in Wolbeck mit einem Fahrradfahrer-Dummy vor.
Radfahrer werden häufig durch plötzlich auffliegende Pkw-Türen bedroht. Wie schwer eine solche Kollision verlaufen kann, führten die Unfallforscher der Versicher am Dienstag in Wolbeck mit einem Fahrradfahrer-Dummy vor. Foto: Matthias Ahlke

Der Radfahrer nähert sich dem am Straßenrand parkenden Pkw mit eher gemütlichem Tempo – 13 km/h zeigt der Tacho an. Doch das ist noch zu viel, um rechtzeitig auf die plötzlich auffliegende Pkw-Tür reagieren zu können. Der Radler kracht frontal in die Fahrzeugtür, stürzt mit einem lauten Knall zu Boden.

„Das sieht schlecht aus“, sagt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft . „Er hat sich wohl schwerste Verletzungen zugezogen.“ Genauer: hätte – denn auf dem Asphalt des Wolbecker Unternehmens CTS Crashtest-Service liegt kein Mensch, sondern ein Dummy, der demonstrieren soll, was passieren kann, wenn Radfahrer mit Pkw-Türen kollidieren.

Für jeden fünften Unfall verantwortlich

Dass diese Situation gefährlich ist, ist nicht neu – neu ist hingegen die Studie, deren Ergebnisse der UDV am Dienstag in Münster vorstellte. Von parkenden Pkw, so könnte man das Fazit knapp zusammenfassen, geht eine deutliche größere Gefahr für Fußgänger und Radfahrer aus als bisher angenommen.

Die Gefahr der parkenden Autos

1/6
  • Und plötzlich geht die Tür auf: Parkende Autos sind für Radfahrer und Fußgänger eine große Gefahr.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Der Crashtest hat einen Unfall demonstriert, bei dem ein Radfahrer gegen eine geöffnete Autotür prallt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Obwohl der Radfahrer gerade einmal mit 13 Stundenkilometern unterwegs war, blieb keine Zeit zu Bremsen.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Fast jeder 20. Unfall ist laut einer neuen Studie auf parkende Autos zurückzuführen.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Das geparkte Auto schränkt das Sichtfeld von Radfahrern und Fußgängern ein...

    Foto: Matthias Ahlke
  • ...und wird auch deshalb zu einer großen Gefahr.

    Foto: Matthias Ahlke

Bislang, so Brockmann, gingen Experten davon aus, das nur fünf Prozent aller Unfälle mit verletzten Radfahrern und Fußgängern im Zusammenhang mit parkenden Kraftfahrzeugen stehen. Mit der neuen Studie stehe hingegen fest: Sie sind für fast jeden fünften Verkehrsunfall verantwortlich. Mal verstellen parkende Fahrzeuge die Sicht, mal werden Radler und Fußgänger beim Ein- oder Ausparken erwischt, mal fliegt, wie beim simulierten Dummy-Unfall, die Tür eines parkenden Pkw auf.

Türen als große Gefahrenquelle

Solche „Dooring-Unfälle“ sind übrigens die mit Abstand größte Gefahrenquelle für Radfahrer, betont Brockmann. Jeder zweite Unfall unter Beteiligung geparkter Pkw sei darauf zurückzuführen. Dies alles habe eine Untersuchung der zwischen 2012 und 2016 in Sachsen-Anhalt verfassten Unfallbeschreibungen ergeben, deren Ergebnisse auf die gesamte Republik übertragbar seien.

Parkende Autos: Eine Gefahr für Radfahrer und Fußgänger

Problem erkannt – doch wie kann es nun gebannt werden? „Die Kommunen sollten sämtliche Parkplätze am Straßenrand kritisch überprüfen“, fordert Brockmann. Denn oft, dies habe die Studie ergeben, verstellten Pkw die Sichtachsen und werden so zu einem Sicherheitsrisiko. Der Unfallforscher führt zur Begründung einen Animationsfilm mit einer Modellstraße vor: Bei Tempo 50 müssten neun der elf Parkplätze gestrichen werden, bei Tempo 30 immerhin drei, damit die Unfallgefahr sinkt.

Die Kommunen sollten sämtliche Parkplätze am Straßenrand kritisch überprüfen.

Siegfried Brockmann

Kritisch sieht er es zudem, den Radverkehr auf die Straße zu verlagern – eine Option, die auch in Münster immer wieder diskutiert wird. Sie zahle sich nur aus, wenn zwischen parkenden Pkw und Radverkehr ein Sicherheitsstreifen von mindestens 75 Zentimetern angelegt wird. Anderenfalls, so Brockmann, würde sich an der Gefahr von „Dooring-Unfällen“ nichts ändern.

Die Unfallforscher fordern zudem, das Geschwindigkeitsniveau auf der Straße zu verringern, Sichtfelder durch bauliche Maßnahmen wie Poller frei zu halten und, wo erforderlich, zusätzliche Zebrastreifen anzulegen. Von der Polizei wünscht er sich mehr Überwachung, von den Herstellern eine Blockierung, damit Türen nicht sofort in Richtung Radweg fliegen. Verkehrserziehung und Aufklärung seien auch wichtig – allein, sein Optimismus halte sich in Grenzen, dass dies ausreiche, sagt er.

Kommentar

Viele Unfälle wegen parkender Autos: Frage des Abstands

Der niedrigste Stand seit 60 Jahren: 3046 Verkehrstote hatte die Bundesrepublik 2019 zu beklagen. Kein Grund zu jubeln. Jeder einzelne ist einer zu viel. Zudem gab es noch 384.000 Verletzte bei Unfällen.

Die Aufgaben sind klar definiert. In den Verkehrsräumen unserer Städte werden stehende, einparkende und rangierende Autos immer mehr zum Problem. Gefahren sind nicht zu sehen, schwächere Verkehrsteilnehmer werden von stärkeren zum Ausweichen gezwungen, immer wieder fahren Autos auf die Radspuren – und Radler von Radwegen auf die Straße.

Radwege, Parkplätze und Fahrbahnen brauchen Abstand zueinander. Dann führt auch eine unachtsam geöffnete Autotür nicht gleich zum ernsten Unfall. So bitter das manchem aufstoßen mag: Für Distanz und Übersichtlichkeit müssen zwangsläufig manche Parkplätze an Eng- und Gefahrenstellen weichen.

Über allem aber steht die persönliche Verantwortung: „Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.“ Weiß schon die Straßenverkehrsordnung. (Uwe Gebauer)

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7493739?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F87%2F3862662%2F
Nachrichten-Ticker