Missbrauchskomplex Münster
Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen 27-Jährigen aus Aachen

Münster -

Im Zusammenhang mit dem münsterischen Missbrauchskomplex hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen einen 27-jährigen Mann aus Aachen erhoben. Es besteht unter anderem der Verdacht des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern. Der Mann soll sich auch an einem heute achtjährigen Jungen aus Münster vergangen haben.

Mittwoch, 28.10.2020, 11:15 Uhr aktualisiert: 28.10.2020, 11:22 Uhr
Missbrauchskomplex Münster: Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen 27-Jährigen aus Aachen
Foto: GaToR/Fotolia

Die Staatsanwaltschaft Münster hat gegen einen mittlerweile 27 Jahre alten Angeschuldigten aus Aachen bei der Jugendschutzkammer des Landgerichts Münster Anklage wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern, des Herstellens kinderpornografischer Schriften sowie wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz erhoben.

Dem Angeschuldigten werden in der Anklageschrift insgesamt 18 Handlungen über einen Zeitraum vom 13. April 2019 bis zu der Festnahme am 30. Juni 2020 vorgeworfen. Soweit der Verdacht von sexuellen Missbrauchstaten besteht, sollen diese zum Nachteil von insgesamt drei Kindern begangen worden sein, heißt es in einer Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Münster. Bei diesen Kindern soll es sich zum einen um zwei Jungen aus Dortmund aus dem verwandtschaftlichen Umfeld des Angeschuldigten handeln. Diese beiden Kinder sollen zu den angeklagten Zeitpunkten acht bzw. neun Jahre alt gewesen sein. Zudem soll der Angeschuldigte einen heute elf Jahre alten Jungen aus Münster mehrfach und zum Teil schwer sexuell missbraucht haben. Dieser Junge ist das Kind, das nach derzeitigen Erkenntnissen wiederholt von verschiedenen männlichen Personen sexuell missbraucht worden ist.

Kriminalität: Missbrauchsfall von Münster in der Chronologie

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  • Chronologie Missbrauchsfall Münster

    Der Missbrauchsfall Münster hat enorme Ausmaße. Der Hauptverdächtige, Adrian V. aus Münster, wurde am 14. Mai 2020 festgenommen. Doch der Fall hat eine lange Vorgeschichte und ist noch lange nicht abgeschlossen. Eine Chronologie:

  • 2010-2013 Verbreitung Kinderpornografie

    September 2010 (bis September 2013): Adrian V. aus Münster verbreitet kinderpornografisches Material, dafür wird er später vom Jugendschöffengericht verurteilt.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2013: Mit knapp 20 Jahren kommt Adrian V. mit seiner drei Jahre älteren Freundin zusammen, die bereits einen dreijährigen Sohn hat.

  • 2014 Kinderpornografie Teil 2

    September 2014 bis Dezember 2014: Erneut verbreitet Adrian V. kinderpornografische Werke. Später bekommt er in einem zweiten Urteil dafür eine Bewährungsstrafe.  

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Ende 2015: Das erste Strafverfahren gegen Adrian V. läuft. Es ist ein Fall für die „Clearingstelle“, in der Kinderschutzfälle anonymisiert von Vertretern der Polizei, der Gerichtsbarkeit, der Psychologie, der Kinderschutzambulanz und pädagogischen Fachkräften des ASD beraten werden. Am Ende steht die Entscheidung, dass momentan keine familiengerichtlichen Maßnahmen notwendig seien. Auch, weil Adrian V. zu dieser Zeit nicht mit seiner Freundin und deren Sohn zusammen wohnt.

  • 2016 Erstes Urteil

    13. Januar 2016: Das Jugendschöffengericht Münster verurteilt Adrian V. wegen des Besitzes und der Verbreitung kinderpornografischen Materials zu zwei Jahren auf Bewährung. Die Taten liegen zwischen September 2010 und September 2013. Adrian V. muss eine Therapie beginnen.

    Foto: Ahlke (Symbolbild)
  • 2016 Jugendamt

    2016: Die Kindesmutter wird nach 2016 vom Jugendamt Münster in ihrer Elternverantwortung belassen. Es habe bis heute keine Hinweise aus dem sozialen Umfeld auf eine mögliche Gefährdung oder Auffälligkeiten des Jungen gegeben, betont ein Sprecher der Stadt Münster

    Foto: Oliver Werner
  • 2017 Zweites Urteil

    8. Juni 2017: Das Schöffengericht Münster verurteilt Adrian V. wegen öffentlichen Zugänglichmachens kinderpornographischer Schriften zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren - wieder auf Bewährung. Die Taten lagen zwischen September 2014 und Dezember 2014, also vor der Bewährungszeit. Seine Therapie setzt er fort.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2018 Ermittlungsverfahren beginnt

    2018: Es beginnt ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen der Verbreitung von Kinderpornografie im Darknet. Der Täter gesteht seiner Lebensgefährtin, dass er ihren Sohn regelmäßig missbraucht.

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  • 2018 Missbrauchsfälle

    November 2018 bis Mai 2020: Adrian V. soll den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin sexuell missbraucht, die Taten zum Teil per Video und auf Fotos dokumentiert und über das Darknet verbreitet haben. 15 Taten, beginnend im Jahr 2018 bis zum Zeitpunkt der Festnahme im Mai 2020, werden ihm auf Grundlage elektronischer Beweismittel vorgeworfen.

    Foto: dpa
  • 2019 Anfangsverdacht

    April 2019: Anfangsverdacht gegen Adrian V.: Eine ermittelte IP-Adresse führt die Spur zu einem landwirtschaftlichen Betrieb in Dülmen (Kreis Coesfeld), bei dem der Münsteraner als IT-Administrator arbeitet.

  • 25./26. April 2020:

    25./26. April 2020:  In der Kleingarten-Hütte der Mutter in Münster-Kinderhaus sollen sich mindestens vier der Beschuldigten an zwei Opfern vergangen und die Taten teilweise gefilmt haben. Diese Tat ist bislang noch nicht Tatbestand des Haftbefehls. Die Mutter von Adrian V. soll bei dieser Missbrauchstat Hilfe geleistet haben.

    Foto: dpa
  • 7. Mai 2019: Wohnungsdurchsuchung

    7. Mai 2019: Wohnungsdurchsuchung bei Adrian V. in Münster: Die Ermittler stellen umfangreiche Mengen an Datenträgern sicher, die ebenfalls mit hochprofessioneller Verschlüsselungstechnik gesichert waren und zum Teil noch sind.

    Foto: Polizei Münster
  • 12. Mai 2020: Einer der sichergestellten Laptops wird entschlüsselt. Auf der Festplatte fanden sich zahlreiche Dateien mit Missbrauchshandlungen zum Nachteil des zehnjährigen Jungen aus dem häuslichen Umfeld des Beschuldigten.

  • Polizeipräsidium Münster

    13. Mai 2020: Das Polizeipräsidium Münster übernimmt aufgrund des ermittelten Wohnsitzes die Ermittlungen.

    Foto: Matthias Ahlke (Archivbild)
  • Festnahme Adrian V.

    14. Mai 2020: Adrian V. wird morgens in Münsters Innenstadt festgenommen. Kurze Zeit später wird der zehnjährige Junge bei einer Verwandten in Begleitung zweier Männer (29 und 35) aus Hannover angetroffen. Da keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die beiden Männer Straftaten zum Nachteil des Jungen begangen haben könnten, werden sie vorerst nicht festgenommen. Der Junge wird direkt in die Obhut des Jugendamtes der Stadt Münster gegeben.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Durchsuchung Gartenlaube

    15. Mai 2020: Durchsuchung der Gartenlaube in Kinderhaus: Ermittler finden, in einer Zwischendecke versteckt, eine von Adrian V. gelöschte Festplatte.

    Foto: Polizei Münster
  • 29. Mai 2020: Ein 43-Jähriger aus Kassel, dessen zwölfjähriger Neffe zu den Opfern zählt, wird festgenommen. Dadurch ergeben sich Hinweise auf einen Mann in Köln, der das zehnjährige Opfer aus Münster missbraucht haben soll.

  • 30. Mai 2020: Der 41-jährige Verdächtige aus Köln wird festgenommen. Er räumt den Missbrauchsvorwurf nach der Festnahme ein.

  • 2020 - Festnahmen 4. Juni

    4. Juni 2020: Die Daten der Festplatte aus der Gartenlaube können durch Experten des Polizeipräsidiums Münster wiederhergestellt werden. Dabei wird ein Videofilm entdeckt, auf dem sexuelle Handlungen zum Nachteil des Zehnjährigen und eines Fünfjährigen zu sehen sind, die durch Adrian V. und drei weitere Männer begangen wurden. Die Beschuldigten werden festgenommen: ein 30-Jähriger aus Staufenberg bei Gießen, dessen fünfjähriger Sohn zu den Opfern zählt, ein 42-Jähriger aus Schorfheide in Brandenburg und der am 14. Mai bereits aufgefallene 35-Jährige aus Hannover. Auch die Mutter des hauptverdächtigen Adrian V. wird festgenommen. Es werden vier weitere verdächtige Personen festgenommen, die jedoch noch am selben Tag wieder freigelassen werden.

    Foto: Polizei Münster
  • 2020 - Pressekonferenz

    6. Juni 2020: Die Polizei und die Staatsanwaltschaft Münster informieren die Öffentlichkeit in einer großen Pressekonferenz über die bisherigen Ermittlungen zum Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 9. Juni 2020: Es gibt Hinweise auf zwei weitere Opfer. Ein Polizeisprecher bestätigt, dass zwei Väter Anzeige erstattet hätten, dass ihre Söhne von dem im Fall bereits Beschuldigten unsittlich berührt worden seien. Die Anzeigen richteten sich nicht gegen den 27-jährigen Hauptbeschuldigten aus Münster.

  • 2020-06-14 Abriss Gartenlaube

    14. Juni 2020:  Die Ermittler suchen nach weiteren Beweisen - und nehmen dafür die Gartenlaube in Münster-Kinderhaus als Tatort komplett auseinander .

    Foto: Oliver Werner
  • 2020 - Zahl der Tatverdächtigen steigt

    17. Juni 2020: Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul berichtet im Innenausschuss des Landtags, dass weitere Opfer und auch weitere Tatverdächtige identifiziert wurden. Die Zahl der Tatverdächtigen steigt damit um sieben auf insgesamt 18 an. Die Zahl der Opfer hat sich laut Reul auf sechs erhöht.

    Foto: dpa
  • 2020-06-30 Durchsuchungen

    30. Juni 2020: In einer konzertierten Aktion führt die Polizei mit 180 Beamten Durchsuchungen in vier Bundesländern (Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Schleswig-Holstein) durch. Im Anschluss werden vier Männer verhaftet, denen vorgeworfen wird, den zehnjährigen Jungen aus Münster schwer sexuell missbraucht zu haben: ein 52-Jähriger aus Norderstedt (Schleswig-Holstein), ein 26-jähriger Mann aus Aachen und zwei 29  und 49 Jahre alte Männer aus Hannover.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Festnahme Anfang August

    6. August 2020: Die Polizei identifiziert einen weiteren Tatverdächtigen. Ein 62-jähriger Franzose wird im Saarland festgenommen. Insgesamt gibt es in dem Komplex nun 22 Verdächtige, von denen elf in Haft sind.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Festnahmen Ende August

    28. August 2020: Die Polizei verhaftet zwei weitere Tatverdächtige. Ein 22-jähriger Mann aus Erfurt wird in Kassel festgenommen. In Dresden nehmen Fahnder einen 55-Jährigen aus Pirna fest. Beiden Männern werden sexueller Missbrauch eines Kindes und der Besitz kinderpornografischer Schriften vorgeworfen. 

    Foto: dpa
  • Anklage stützt sich auf Filmmaterial

    4. September 2020: Der Hauptbeschuldigte, Adrian V., soll gemeinsam mit seiner Mutter sowie drei weiteren Tatverdächtigen noch in diesem Jahr vor Gericht stehen. Die Staatsanwaltschaft Münster hat gegen die fünf Angeschuldigten  Anklage bei der Jugendschutzkammer des Landgerichts Münster erhoben . Ihnen drohen langjährige Haftstrafen. 

    Die Anklageschrift, die Tatvorwürfe aus den Jahren 2018 bis 2020 umfasst, stützt sich vor allem auf April 2020.  Adrian V. und die drei weiteren Männer aus Staufenberg (Hessen), Hannover und Schorfheide (Brandenburg) sollen damals den Jungen der Lebensgefährtin und den fünfjährigen Sohn des Angeschuldigten aus Staufenberg mit K.o.-Tropfen wehrlos gemacht, mehrfach sexuell missbraucht und die Taten gefilmt haben. Der Mutter von Adrian V. wird Beihilfe vorgeworfen. Sie soll ihre Gartenlaube in Kinderhaus in dem Wissen um die Taten zur Verfügung gestellt haben.

    Foto: dpa
  • 15. September 2020: Weitere Anklageerhebung im Missbrauchsfall: Die Staatsanwaltschaft Münster klagt einen mittlerweile 53-Jährigen aus Norderstedt an. Ihm wird schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen.

  • 8. Oktober 2020: Im Missbrauchsfall von Münster erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen einen 50-Jährigen aus Hannover. Der Vorwurf: schwerer sexueller Missbrauch. Auch gegen den Hauptangeklagten Adrian V. wird eine weitere Anklage erhoben, weil er den sexuellen Missbrauch gebilligt und nicht verhindert habe.

Der Verdacht der Straftaten zum Nachteil der beiden Jungen aus dem verwandtschaftlichen Umfeld betrifft 13 Ereignisse, an denen der Angeschuldigte in Dortmund mit seinem Mobiltelefon Bildaufnahmen von diesen beiden Kindern – ganz überwiegend von dem damals acht Jahre alten Jungen – gefertigt haben soll. Im Zeitpunkt der Bildaufnahmen sollen die Kinder im Bereich des Unterkörpers unbekleidet gewesen sein. Bei sechs dieser angeklagten Ereignisse soll der Angeschuldigte zugleich auch sexuelle Handlungen an dem achtjährigen Jungen vorgenommen haben. Ein Verdacht des schweren sexuellen Missbrauchs zum Nachteil dieser beider Kinder besteht nicht.

Nach den bislang vorliegenden Erkenntnissen soll der Angeschuldigte ab dem Jahr 2016 über einen Messengerdienst zunächst den – bereits gesondert angeklagten – Tatverdächtigen aus Staufenberg und sodann in der Folgezeit auch den – ebenfalls schon angeklagten – Angeschuldigten aus Münster sowie weitere in dem Verfahren festgenommene und mehrheitlich schon von der Staatsanwaltschaft Münster angeklagte Tatverdächtige kennengelernt haben. Über diese Verbindung soll der Angeschuldigte Kontakt zu dem Jungen aus Münster bekommen haben.

Der Angeschuldigte soll diesen Jungen aus Münster bei drei Gelegenheiten schwer sexuell missbraucht haben. Diese angeklagten Geschehnisse sollen sich vermutlich im November 2019 in einer Ferienwohnung in Winterberg, im Herbst bzw. Winter 2019/2020 in der Wohnung des Münsteraners sowie Ende Januar/Anfang Februar 2020 in einem Ferienhaus in Pirna ereignet haben. Anfang Mai 2020 soll es anlässlich nach einer Übernachtung in der Gartenlaube der gesondert angeklagten Mutter des 27-jährigen Münsteraners zu sexuellen Handlungen zwischen dem Angeschuldigten und dem Jungen gekommen sein. Bei diesem angeklagten Vorfall soll es nicht zu einem schweren sexuellen Missbrauch gekommen sein. Ein Tatverdacht gegen die Mutter des 27-Jährigen besteht insoweit nicht. Soweit der Verdacht besteht, dass sich der bereits gesondert angeklagte Mann aus Münster im Zusammenhang mit den nunmehr angeklagten Geschehnissen zum Nachteil des Jungen aus Münster ebenfalls strafbar gemacht haben könnte, wird diesem Verdacht gesondert nachgegangen.

Bei einer Durchsuchung der Wohnung des Angeschuldigten am 30. Juni 2020 wurden eine Dose mit 0,63 Gramm Marihuana und 3,32 Gramm getrocknetes Cannabis-Strauchwerk sichergestellt. Der bislang nicht vorbestrafte Angeschuldigte hat sich laut Staatsanwaltschaft nicht zu den Tatvorwürfen geäußert.

Der Verdacht gegen den Angeschuldigten hat sich unter anderem nach der Auswertung eines im Rahmen von Durchsuchungen sichergestellten und nach Ansichtder Staatsanwaltschaft dem Angeschuldigten gehörenden Datenträgers ergeben. Der Angeschuldigte befindet sich weiterhin in Untersuchungshaft.

Das Landgericht Münster hat über die Zulassung der Anklageschrift zu entscheiden.

Die Ermittlungen in dem Gesamtsachverhalt sind noch nicht abgeschlossen.

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