„Alles andere als solidarisch″
„Alles andere als solidarisch″

Zahl der Organspender auf Tiefstand

Die Situation für Patienten, die auf ein Organ warten, ist so dramatisch wie schon lange nicht mehr. Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, die auf der Warteliste stehen und vergeblich auf eine neue Leber, ein Herz, eine Lunge oder eine Niere warten. Im vergangenen Jahr hat es in NRW nur noch 146 Organentnahmen gegeben, 2012 waren es noch 231. Mit 8,2 Organspendern pro eine Million Einwohner liegt Nordrhein-Westfalen an letzter Stelle der sieben Organspende-Regionen in Deutschland. Bundesweit sieht es mit 10,4 auch nicht viel besser aus. Um ihren Patienten überhaupt eine Chance zu geben, wenden die Ärzte alle möglichen Verfahren an. Doch das Problem bleibt: Es mangelt an Organen. Was das für Patienten bedeutet, berichtet eine Frau aus dem Emsland, die von einem Freund eine Niere bekommen wird. Und Wilfried Joecks aus Selm schildert, wie erschrocken und erleichtert er gleichzeitig war, als ihm eine neue Leber angeboten wurde.

Dramatischer Rückgang: „Wir müssen das System ändern“

von Stefan Werding, Hilmar Riemenschneider

Nach dem dramatischen Rückgang von Organspenden ist eine Debatte darüber entbrannt, wie die Spenden­bereitschaft gesteigert werden kann. „Wir müssen das System ändern“, sagt der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst. Er verweist auf „die schwer kranken Menschen auf der Warteliste mit einer katastrophalen Lebensqualität und ohne Fürsprecher, die auf Gedeih- und Verderb einer Solidargemeinschaft ausgeliefert sind, die alles andere als solidarisch ist“.

 

Zahlen und Fakten zur Organspende

Zahlen und Fakten zur Organspende Foto: dpa; Grafik Stetzkamp

 Dagegen sieht NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann nicht die Spendenbereitschaft als größtes Pro­blem, sondern die mangelhafte Identifikation von möglichen Organspendern in den Krankenhäusern. Er will die Stellung der Transplantationsbeauftragten stärken. „Ihr Engagement wird häufig durch hohes Arbeitsaufkommen und Zeitmangel konterkariert“, sagt der Minister. Zugleich prüfe die Landesregierung, wie eine verbindlichere Freistellung der Transplantationsbeauftragen gesetzlich geregelt werden kann. „Ziel muss sein, dass in den Kliniken ­genauer geprüft wird, wer für eine Organspende infrage kommt.“

Zur im Koalitionsvertrag fixierten Vereinbarung, die Organentnahme angemessen zu vergüten, sagte Windhorst unserer Zeitung: „Die Krankenhäuser sollen mit der Organspende nichts verdienen, aber es muss einen Kostenausgleich geben.“ Mit der Feststellung des Todes sind die Krankenkassen nicht mehr zuständig. Das bedeutet, dass Kliniken, die den Kreislauf eines Patienten über Stunden am Leben halten, den Körper mit Medikamenten versorgen und die Organe entnehmen, 4800 Euro erhalten. In den Augen von Windhorst ist das zu wenig, um die Kosten zu decken.

Es bleibt nur die Notlösung

von Gunnar A. Pier

Bis April 2016 war alles in Ordnung im Leben von Katrin Hölscher (Name von der Redaktion geändert). Doch nach einer Operation, die eine kleinere Sache sein sollte, braucht sie eine neue Niere. „Wenn ich ehrlich bin: Ich sitze auf einem Pulverfass“, formuliert die Emsländerin nüchtern.

Münster - Wegen einer kleineren Sache wird sie in einem emsländischen Krankenhaus in den Operationssaal geschoben. Doch es gibt Komplikationen, eine Hauptschlagader wird verletzt, und als Katrin aufwacht, ist ihr Leben zerstört: Akutes Nierenversagen, fortan muss sie drei Mal pro Woche zur Dialyse und sich an den Tagen dazwischen davon erholen. Berufliche Perspektiven, Familienplanung, freies Leben: alles weg.

Heute ist Hölscher 44 Jahre alt. Ihre Nieren leisten noch etwa 15 Prozent. Das reicht nicht: Ohne Hilfe würde sie schnell schwach, könnte kein Wasser mehr lassen und würde nach wenigen Tagen an Blutvergiftung sterben. „Das ist irreversibel“, verdeutlicht Professorin Barbara Suwelack, die Leiterin der Transplantationsnephrologie am Uniklinikum in Münster.

Zwölf Monate lang ging Hölscher zur Dialyse. Montags, mittwochs, freitags. Immer hing sie fast fünf Stunden lang an einem Gerät, das ihr Blut reinigte. „Sie glauben nicht, welche Schicksale Sie dort hören“, sagt sie. Sie hört von Menschen, die schon zu Lebzeiten ihr Leben verloren haben. „Es ist bedrückend, wenn um einen herum alle sterben“, sagt sie. Etwa sechseinhalb Jahre müsste Hölscher auf eine neue Niere warten.

„Wenn ich ehrlich bin: Ich sitze auf einem Pulverfass“, formuliert die Emsländerin nüchtern. Doch sie hat Hoffnung. Nicht auf eine reguläre Spenderniere – dafür gibt es viel zu wenig Organe. Aber Katrin Hölscher hat einen besten Freund, der angeboten hat, eine Niere abzugeben. „Lebendspende“, sagen die Experten. Für Ärztin Suwelack ist das zwar nur die zweitbeste Lösung: „Wir wollen eigentlich nicht, dass ein lebender, gesunder Mensch ein Organ abgibt.“ Doch Katrin Hölscher setzt auf diese Notlösung. Bis dahin verzichtet sie auf die Dialyse und verlässt sich auf Medikamente.

Zwei Tage lang wird der Nierenspender durchgecheckt. Nicht nur medizinisch, auch psychologisch: Weiß er, worauf er sich ­einlässt, was er riskiert? ­Etwa jeder Zweite wird abgelehnt. Der Freund von Katrin Hölscher hat den Test bestanden.

Auch die Patientin lässt sich beraten. Wie umgehen mit dem Gefühl, ewig dankbar sein zu müssen? „Ich muss mir klar sein, dass er es aus freien Stücken getan hat.“ Ende August soll die Doppel-OP durchgeführt werden. Danach? „Wenn ich mich an ein paar Spielregeln halte, führe ich wieder ein fast normales, freies Leben.“

„Es ist so schön, wieder ein Leben zu haben“

von Elmar Ries

Wenn Wilfried Joecks leise von seinem „neuen Leben“ spricht, dann ist das keine Phrase. Am 19. Januar hat er eine neue Leber bekommen. Es ist seine zweite. Die Zeit vor der Transplantation nennt er nur „den Horror“.

Münster/Selm - Der 65-Jährige leidet an einer Erkrankung, die primär sklerosierende Cholangitis (PSC) heißt. Vor neun Jahren erhielt er darum im münsterischen Uni-Klinikum (UKM)  das erste Mal ein neues Organ. Ein paar Jahre ging alles gut, der Lehrer aus Selm führte ein normales Leben. Dann begannen die Probleme. Das Transplantat baute ab, die PSC-Symptome traten wieder auf. Eine für Joecks neue Begleiter­scheinung: ein Juckreiz am ganzen Körper, alles bestimmend, chronisch, so schlimm, dass er am Ende akut selbstmordgefährdet war.

Was tun? Die Zahl der Spenderorgane ist gering. Ein zweites kam kaum in Betracht, schließlich arbeitete die transplantierte Leber noch. „Wir haben eigens bei der Bundesärztekammer eine Ausnahmegenehmigung beantragt“, sagt Prof. Hartmut Schmidt, Transplantationsmediziner und Direktor der Medizinischen Klinik B für Gastroenterologie und Hepatologie am UKM. Vergeblich.

Auf die erste Leber hatte Joecks ein halbes Jahr gewartet. Beim zweiten Mal stand er schon fast zwei Jahre auf der Warteliste und hatte die Hoffnung längst aufgegeben, als sich plötzlich eine Möglichkeit ergab: Ein Amyloidose-Patient sollte eine neue Leber bekommen. Dessen eigene war zwar durch die krankheitsbedingten Eiweißablagerungen angegriffen, befand sich aber in einem besseren Zustand als Joecks‘.

„Also haben wir uns für eine Domino-Transplantation entschieden“, erklärt Prof. Norbert Senninger, Direktor der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am UKM. Zwei je sechsstündige Operationen in zwei nebeneinanderliegenden OPs: Joecks bekam die Leber des Amyloidose-Pa­ti­enten, der wiederum eine andere erhielt.

Als der 65-Jährige von der zweiten Chance erfuhr, war er „zuerst geschockt“. Ein Organ gerade noch am Rand der Transplantationsfähigkeit. „Handelsklasse 3“, wie Senninger sagt. Doch dann, erklärt der frühere Mathematik-Lehrer, habe die Vernunft eingesetzt. Logik ge­gen Emotion. „Ich wollte nur noch von diesem quälenden Juckreiz befreit werden.“ Das hat funktioniert. Wilfried Joecks ist inzwischen beschwerdefrei. Und könnte es auch bleiben. Weil die Hoffnung besteht, dass Ablagerungen in der Leber und damit etwaige Nebenwirkungen medikamentös künftig in den Griff zu bekommen sind.

In den kommenden Wochen steht die Reha an. Und dann? Will der Pensionär mit seiner Frau verreisen. „In die Berge, so wie früher“, sagt er. Das geht jetzt wieder. „Es ist so schön, wieder ein Leben zu haben.“

Diese Prominenten haben schon einmal ein Organ gespendet oder empfangen:

Wann dürfen Organe entnommen werden?

von Stefan Werding

Verstorbenen Personen können nur dann Organe entnommen werden, wenn die Diagnose Hirntod festgestellt wurde. Was man über das Verfahren wissen sollte.

Eine Organspende ist nur dann möglich, wenn bei der verstorbenen Person der Hirntod festgestellt wurde. Dann sind Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm unwiederbringlich und unumkehrbar ausgefallen. Mit der Diagnose Hirntod steht der Tod des Menschen fest. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist die Feststellung des Hirntods völlig unabhängig von einer möglichen Organspende. Das Verfahren zur Feststellung des Hirntods werde durchgeführt, um ­sichere Erkenntnisse über den Zustand eines Patienten zu gewinnen.

Das Gehirn wird konstant mit Sauerstoff versorgt. Bekommt es schon für wenige Minuten keinen Sauerstoff, kann es zu einer bleibenden Schädigung und zum totalen Ausfall kommen. Ursachen dafür können Hirnblutungen, Hirntumore, Schlaganfälle oder Hirnhautentzündungen sein. Auch Herzrhythmusstörungen oder Herzinfarkte können die Durchblutung des Gehirns beeinträchtigen und zu einer Hirnschädigung führen. Schwere Schädel-Hirn-Verletzungen etwa nach einem Unfall können ebenfalls zum Hirntod führen.

So wird der Hirntod festegestellt.

So wird der Hirntod festegestellt. Foto: dpa

Ob das Gehirn eines Patienten tatsächlich unwiederbringlich und unumkehrbar ausgefallen ist, entscheiden zwei Ärzte unabhängig voneinander. Beide untersuchen den Patienten und protokollieren ihre Ergebnisse. Die Ärzte müssen über eine mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung von Patienten mit akuten schweren Hirnschädigungen verfügen. Mindestens einer von ihnen muss ein Facharzt für Neurologie oder Neurochirurgie sein. Verfügt das Krankenhaus nicht über solche Ärzte, stellt die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) auf Anfrage Kontakt zu erfahrenen Ärzten her.

Transplantationsbeauftragter: Schnittstelle zwischen Patient und Organspende

von Stefan Werding

Rheine - Dr. Christoph Hartger ist Kummer gewohnt. „Ich muss täglich Todesbotschaften überbringen“, sagt der Ärztliche Leiter der Intensivstation des Mathias-Spitals in Rheine. Der 53-Jährige weiß, wem es auf der Station mit 18 Betten wie geht. Und er weiß auch, wer als möglicher Organspender in Frage kommt. Viele sind es nicht: 2017 hat die Klinik einen Organspender explantiert. Hartger erklärt das mit den relativ vielen Tumor- und Lungenkranken, die in Rheine behandelt werden. „Unsere klassische Klientel ist nicht der Motorradfahrer nach einem Unfall“, sagt er.

Hartger ist nicht nur Ärztlicher Leiter der Intensivstation, sondern auch Transplantationsbeauftragter. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, ist das ein Dorn im Auge. „Die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken werden vielfach in der Durchführung ihrer speziellen Arbeit eingeschränkt“, beklagt er. Ihr Engagement werde behindert durch viel Arbeit und Zeitmangel, fehlende Akzeptanz im Krankenhaus oder die Tatsache, dass sie für ihre Aufgabe nicht freigestellt werden.

Hartger findet das dagegen okay. „Das gehört zu meiner Arbeit dazu“, meint er zu seiner Aufgabe als Transplantationsbeauftragter. Er sieht sich als „Schnittstelle von Intensivpatienten zur Organspende“. Jeder Patient, der für eine Organspende infrage kommt, liege auf seiner Station. „Es muss jemanden geben, der die Abläufe kennt, der sensibel ist, der zugewandt ist“, sagt er.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) plant eine gesetzliche Stärkung der Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern. Das Gesetz ist schwammig. Es sieht eine Freistellung vor, „wie es zur ordnungsgemäßen Durchführung der Aufgaben nach diesem Gesetz erforderlich ist“. Seitdem in Bayern geregelt ist, dass pro zehn Betten 0,1 Vollkräfte freigestellt werden müssen, ist dort die Zahl der Organspender gestiegen.

Auch Hartger betrachtet die Arbeitsverdichtung im Krankenhaus als Problem – gerade am Wochenende, wenn Stationen dünn besetzt sind. „Da unterfliegen Patienten schon mal den Radar“, sagt er über andere Kliniken als das Mathias-Spital. Aber sich und die Kollegen zum Thema Hirntod weiterzubilden, die Kennzeichen eines Hirntods schnell zu erkennen, Ablaufpläne zu entwickeln – all das sei mit den anderen Aufgaben, die ein Arzt auf einer Intensivstation zu bewältigen hat, schwer unter einen Hut zu bringen.

Kommentar: Es fehlt die Kultur

von Wolfgang Kleideiter

Der Trend ist im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlich. Die Deutschen, die sonst vielfach uneigennützig helfen und immer wieder für finanzielle Spendenrekorde sorgen, fremdeln scheinbar nach wie vor mit der lebensrettenden Organspende. Der aktuelle Tiefstwert ist eine bittere Nachricht vor allem für all jene, die auf ein Spenderorgan hoffen.

Es wäre falsch, den Rückgang der vergangenen Jahre allein an den ganz unterschiedlichen Richtlinienverstößen einzelner Kliniken festzumachen. Die Skandale von damals sind längst aufgearbeitet, Gesetze wurden überarbeitet, die Kontrolle verbessert. Der Rückgang deutet vielmehr auf ein nicht funktionierendes System hin, eine fehlende Kultur, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation zurecht feststellt.

Die komplizierte Zustimmungsregelung, bei der die bewusste Entscheidung für oder gegen die Organspende zählt, gehört zu den nicht sauber ineinander greifenden Zahnrädern. Funktioniert das Transplantationsregister richtig? Im Klinikalltag fehlt es zum Beispiel oft an der letzten Konsequenz, den Transplantationsbeauftragten zu informieren.

Dass eine Spende ein freiwilliges Geschenk an den Nächsten sein muss, steht außer Frage. Doch allein auf den Altruismus zu setzen, führt offensichtlich nicht zum Ziel. Die Wartelisten werden lang und länger.

Haben Sie Fragen zur Organspende?

von Stefan Werding

Wie ist das mit dem Hirntod? Muss ich als Besitzer eines Organspendeausweises Angst haben, in einem Notfall schlechter behandelt zu werden, weil Ärzte meine Organe anderen Patienten einpflanzen möchten? Ich bin 70. Da lohnt es sich doch sowieso nicht mehr, Organe zu spenden, oder? Wenn Sie Fragen wie diese haben, können Sie am Mittwoch (21.2.2018) bei uns anrufen.

Ihre Ansprechpartner der Uniklinik Münster sind (im Bild oben von links nach rechts): Dorothee Lamann, Organspendebeauftragte, Dr. Christian Wilms, Oberarzt und Bereichsleiter Transplantationsambulanz und Hepatobiliäre Tumoren, Medizinische Klinik B, sowie Professorin Barbara Suwelack, leitende Oberärztin Sektion Transplantationsnephrologie, Medizinische Klinik D.

Die Telefone sind freigeschaltet von 14 bis 16 Uhr, die Telefonnummer lautet: 0251/690 907 910.

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Jetzt eine Mail schicken und kostenlos einen Organspendeausweis erhalten! Foto: dpa

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