Archiv 2004
Nur wer viel spielt, kann denken lernen

Montag, 14.01.2008, 00:01 Uhr

Münster. Imo war ein kluges Kind. Das Rotgesichtsmakaken-Mädchen aus Japan sorgte nämlich dafür, dass Rotgesichtsmakaken-Affen jetzt die Kartoffeln viel besser schmecken. Imo entdeckte, als sie mit einer Kartoffel im Wasser spielte, dass gewaschene Kartoffeln viel besser schmecken als solche, an den noch Erdklumpen hängen. Bald stellte die ganze Affenbande fest, dass Imos Kartoffel-Wascherei durchaus einen Sinn hat und machten es ihr nach.

Es entstand, um einen Fachausdruck zu benutzen, eine „Verhaltenstradition“. Was seine Kollegen einst in Japan beobachtet hatten, erzählte der Verhaltensbiologe Prof. Dr. Norbert Sachser gestern einem jungen Publikum, das biologisch nicht so ganz weit von Imo entfernt ist. Sachser nimmt sich selbst gar nicht aus.

Denn jeder Mensch ist auch ein Säugetier, wie Affen, Katzen oder Goldhamster auch, lernten gut 900 Kinder im vollbesetzten großen Hörsaal bei der letzten Kinder-Vorlesung des Wintersemesters. Sogar die angrenzenden Hörsäle, in die die Vorlesung per Video übertragen wurde, waren noch von jungen Hörern bevölkert, die sämtlich die Frage des Nachmittags brennend interessierte: „Können Tiere denken?“.

Um es vorwegzunehmen: Die Antwort des Professors war ein entschiedenes „Jein“. Denken bedeutet, dass einer sich vorher überlegt, bevor er handelt. Wie der Schimpanse in Denkerpose, dessen Bild Sachser den Kindern zeigte. Der Affe hatte sich überlegt, oder vielleicht früher erfahren, dass auch einem Schimpansen fürchterlich die Hand juckt, wenn er in einen Termiten-Haufen greift. Die Insekten aber sind für Schimpansen eine Köstlichkeit. Der Affe brach sich einen Zweig ab, und piekste ihn in den Termitenbau: Die darauf herumkrabbelnden Tierchen, konnte er nun ablecken wie Eis am Stiel.

So schlau werden Tiere und Menschen aber nur, wenn sie als Kinder möglichst viel spielen, ermunterte Sacher seine Zuhörer. Alle Säugetiere sind neugierig und spielen, wenn sie klein sind – und lernen dabei alles Wichtige fürs Leben. Es sei denn: Ihnen ist es langweilig weil in einer tristen Umgebung leben, die Erwachsenen sich streiten sich, oder Gefahr durch Feinde droht. (Tier-)Kinder, um sich kein Erwachsener kümmert, spielen nie. „Sie probieren nichts aus, sind sehr ängstlich und haben große Probleme im Leben“, erzählte Norbert Sachser den Acht- bis Zwölfjährigen, die ihre Haustiere jetzt ganz genau beobachten wollen.

„Mein Meerschweinchen gucke ich mir jetzt mal ganz genau an“, sagte Anna (9), bevor sie sich am Ende noch eine Stempel in den Kinder-Studentenausweis drücken ließ.

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