Archiv 2006
„Das hast du extra gemacht!“

Mittwoch, 05.03.2008, 00:03 Uhr

Münster. Zoff auf dem Spielplatz: Irgendwann greift sich einer der Streithähne eine Hand voll Sand und schleudert ihn dem Gegner ins Gesicht. „Das hast du extra gemacht!“ schreit der erbost. Neulich ist er von der Schaukel gefallen und hat dabei ähnlich viel Sand ins Gesicht gekriegt. Aber das war ja seine eigene Schusseligkeit.

„War es deswegen weniger schlimm?“, fragt Ursula Nelles . Und: „Muss der Sandschmeißer jetzt für seine Tat bestraft werden?“ Die Rechtswissenschaftlerin ist Expertin, wenn es um so grundlegende Dinge im Leben geht, wie Schuld und Strafe. Am Freitag (22. September) um 16.15 Uhr hält sie im großen Hörsaal H 1 die erste Vorlesung im neuen Semester der Kinderuni. Der Satz „Das hast du extra gemacht!“ steht als Motto über dem Vortrag, der sich an Acht- bis Zwölfjährige richtet.

Mit einer Vorlesung über das Recht und die Rechte von Kindern ist die Kinderuni vor genau drei Jahren gestartet. 30 Vorlesungen und sechs Semester später geht es nun wieder um die Juristerei.

Ursula Nelles, Professorin am Institut für Kriminalwissenschaften der Universität, ist in ihrem Fachgebiet Spezialistin für Fragen, die jeden Menschen beschäftigen, wenn er meint, ihm sei Unrecht widerfahren. Der Junge, der auf dem Spielplatz mit Sand beworfen wurde, wird vielleicht sein Gegenüber zur Strafe auf den Boden schubsen. Oder Sand zurückwerfen.

Aber darf der Staat auch so mit Menschen verfahren, die Unrecht getan haben? Wie darf oder soll der Staat Verbrechen, die einzelnen seiner Bürger widerfahren sind, rächen? Und: Was bewirken Strafen? Soll der Übeltäter im Gefängnis oder durch Zahlung einer Geldstrafe ein besserer Mensch werden? Schreckt die Aussicht, für eine Tat ins Gefängnis gesperrt zu werden, Menschen ab, ein Verbrechen zu begehen?

Das sind die Fragen, die Strafrechtler umtreiben – und Prof. Ursula Nelles wird versuchen, sie den Kindern zu beantworten. Ihre Hauptbeschäftigung als Strafrechtlerin wird Ursula Nelles übrigens eine Woche nach ihrer Kindervorlesung für die nächsten vier Jahre erst einmal aufgeben: Sie übernimmt dann das Rektorenamt an der Universität, wird sozusagen Chefin aller Wissenschaftler und Studenten.

Vorher nimmt sie sich noch Zeit für die Studenten der Zukunft. Von ihnen weiß sie eines schon genau: „Kinder urteilen meist viel härter als erwachsene Richter und haben ein sehr ausgeprägtes Empfinden für Gerechtigkeit.“

Ein ungeschriebenes Gesetz der Kinderuni Münster lautet übrigens: Die Sitzplätze im Hörsaal gehören erst einmal den Kindern. Erwachsene Begleiter werden darum gebeten, die Übertragung der Vorlesung in die angrenzenden Hörsäle oder ins Foyer zu nutzen. Anmeldung ist nicht erforderlich, Studiengebühren sind auch kein Thema.

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