Roland Jahn, Beauftragter für Stasi-Unterlagen, diskutiert im Rahmen des Klasse!-Projekts mit Schülern
Zum Staatsfeind erzogen

Münster -

Als Junge lange Haare tragen, Musik hören, die einem gefällt und sagen, was einem nicht passt – all das war in der DDR nicht erlaubt. Und über all das hat sich der ehemalige DDR-Bürger und heutige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, in seiner Jugend geärgert. „Dadurch bin ich zum Staatsfeind erzogen worden.“

Donnerstag, 11.06.2015, 08:06 Uhr

Über seine ganz persönlichen Erfahrungen mit der Stasi und sein Leben in der DDR, über Spionage und Verrat, sprach Roland Jahn, Journalist und heutiger Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, mit Schülern im Medienhaus Aschendorff.
Über seine ganz persönlichen Erfahrungen mit der Stasi und sein Leben in der DDR, über Spionage und Verrat, sprach Roland Jahn, Journalist und heutiger Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, mit Schülern im Medienhaus Aschendorff. Foto: Oliver Werner

Jahn war gestern zu Gast im Medienhaus Aschendorff , um Schülern im Rahmen des Klasse!-Projekts über sein Leben in der DDR und die Methoden der Staatssicherheit ( Stasi ) zu berichten.

Achtklässer der Johannes-Gutenberg-Realschule Münster-Hiltrup und des Mariengymnasiums Warendorf sowie Zwölftklässler der Waldorfschule Münster löcherten den 61-Jährigen mit Fragen. Jahn berichtete, dass er zunächst angepasst gewesen war und Einschränkungen erst später realisiert habe. Als Schüler habe er – wie alle – in der staatlichen Jugendorganisation FDJ mitgemacht. Er sei stolz bei den Märschen zum 1. Mai, dem Kampftag der Werktätigen, mitgelaufen. Später habe er nicht mehr mitgemacht. „Ich habe hinterfragt, das war nicht gewünscht.“ Dennoch sei er überzeugt, dass fragen, hinterfragen und widersprechen richtig und wichtig seien, sagte er den Schülern.

Roland Jahn – Beauftragter für die Stasi-Unterlagen

Er neige dazu, „in Opposition zu treten“, schrieb eine Lehrerin schon über den Achtklässler. 1975 beginnt der 1953 in Jena geborene Roland Jahn ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. 1977 wird er exmatrikuliert, weil er unter anderem gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann Stellung bezieht. Er protestiert gegen das Bildungsverbot am Rande der Mai-Demo mit einem weißen Plakat. Eine Zäsur ist es, als sein Freund Matthias Domaschk 1981 in Stasi-Haft umkommt. Jahn schaltet ein Jahr später in der Lokalpresse Traueranzeigen. Er wird schließlich wegen seiner oppositionellen Arbeit festgenommen und zu 22 Monaten Haft verurteilt. Wegen der internationalen Proteste wird er nach sechs Monaten frei- gelassen. Mit Freunden gründet er die „Friedensgemeinschaft Jena“. Am 8. Juni 1983 wird er aufs Wohnungsamt bestellt. Dort wartet die Stasi und schiebt ihn, gefesselt, gegen seinen Willen in den Westen ab. Auch dort beobachtet ihn die Stasi, fertigt heimlich Skizzen seiner Berliner Wohnung an, wie er später beim Lesen seiner Stasiakte feststellt. Als westdeutscher Journalist hält Jahn Kontakt zu DDR-Oppositionsgruppen, berichtet über sie im Westfernsehen, aus dem die DDR-Bürger von der Opposition erfahren. 2011 wird er Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.

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Seine Eltern hätten ihn gewarnt und gesagt: „Halt‘ dich mit Kritik an der Politik zurück. Das gibt nur Ärger.“ Etwa auch Konsequenzen für die eigene Familie. Weil er das Bekenntnis zum Staat nicht abgeben wollte und gute Freunde ihn verrieten, gab es den angekündigten Ärger: Ausschluss vom Studium, Untersuchungshaft und später die Ausweisung in die Bundesrepublik.

Die Schüler wollten wissen, wie es sich lebt mit dem Wissen, von Freunden verraten worden zu sein, und wie er heute in der Lage sei, überhaupt Freundschaften einzugehen. Misstrauisch sei er geblieben, räumte Jahn ein. Damals sei er wütend gewesen, aus heutiger Sicht könne er das Verhalten eher nachvollziehen. Seinen Freunden habe die Stasi damals schließlich mit empfindlichen Strafen gedroht.

„Wie war das mit den Verhören im Gefängnis?“, fragte ein Jugendlicher. Jahn erzählte bewegend von den grausamen Methoden, mit denen die psychologisch geschulten Mitarbeiter der Geheimpolizei auch ihn fast gebrochen hätten.

Ob es Parallelen zwischen Stasi und NSA gebe, wollten die Schüler auch wissen. „Abhören ist Abhören“, so Jahn. Aber die Arbeit der NSA sei demokratisch legitimiert und kontrolliert. „Es ist wichtig, genau hinzuschauen, wie viel Freiheit eingeschränkt werden kann, um Freiheit zu schützen.“

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