Zu Besuch im Kinderheim Vizenzwerk in Münster-Handorf
Willkommen in "Hogwarts"?

An einem kühlen Januarmorgen stehe ich vor einem alten Backsteingebäude am Rande von
Münster-Handorf. Es erinnert mich ein wenig an ein Krankenhaus oder ein Kloster. Auf einem
weißen Schild am Eingang ist jedoch zu lesen, dass es sich bei dem „alten Kasten“ um das
„Vinzenzwerk, Heim für Kinder und Jugendliche“ handelt.

Freitag, 20.04.2018, 14:04 Uhr

Zu Besuch im Kinderheim Vizenzwerk in Münster-Handorf: Willkommen in "Hogwarts"?
Der Eingang zum „Vinzenzwerk Kinder- und Jugendheim“ in Münster-Handorf. Foto: Hannah Gerke

Ich bin mit einer Mitarbeiterin des Kinderheims verabredet, die ich mit meinen Fragen „löchern“ darf. Was für Kinder leben in dem Heim? Warum sind sie dorthin gekommen?  Wie leben sie dort und wer kümmert sich um sie?

Mit einigen Freundinnen habe ich vor dem Besuch über das Thema gesprochen. Ihre und meine Vorstellungen möchte ich mit der Realität „abgleichen“. Ich muss zugeben, dass ich bisher wenig über Kinderheime wusste. Als ich darüber nachdachte, wie es dort zugeht, fiel mir spontan
das Zaubererinternat „Hogwarts“ ein, in dem Harry Potter das Zaubern erlernt. Die Kinder schlafen in großen Schlafsälen, verbringen ihre Freizeit in Gemeinschaftsräumen und essen gemeinsam mit ihren Betreuern und Lehrern in einer großen Halle.

 

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Gemütlich:Blick in eines der Wohnzimmer. Foto: Gerke


Mit Vorstellungen im Kopf betrete ich das rote Backsteingebäude durch eine schwere Eichentür. An der Tür erwartet mich schon die Mitarbeiterin
des Heims. Sie begrüßt mich und führt mich in einen Konferenzraum, wo ich ihr und der Verwaltungsleiterin der Einrichtung meine Fragen stelle. Anschließend zeigt sie mir das Haus und das Außengelände des Heims. Sie berichtet, dass sich das „Vizenzwerk“ derzeit um 192 Kinder und Jugendlichen kümmert. 152 von ihnen leben in Wohngruppen mit acht bis neun Kindern. Nicht alle Gruppen sind auf dem Gelände in Handorf untergebracht. Einige befinden sich auch an anderen Orten wie Hiltrup oder Telgte. 40 Kinder leben in Pflegefamilien, die vom Heim aus betreut werden.

Früher mag es so gewesen sein, dass die Heimkinder in großen Sälen geschlafen haben, aber das ist schon lange nicht mehr so. Heute hat jedes Kind ein eigenes Zimmer in seiner Wohngruppe. Zusätzlich hat jede Wohngruppe ein Wohnzimmer, eine Küche, mehrere Bäder und weitere Räumlichkeiten, die von der jeweiligen Wohngruppe nach individuellen Bedürfnissen eingerichtet werden können. In einer Wohngruppe leben meistens Jungen und Mädchen gleichen Alters. Nur in einer Gruppe in Handorf wohnen ausschließlich Mädchen, die von überwiegend weiblichem Personal betreut werden.

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Foto: Gerke

Die meisten Betreuer im „Vinzenzwerk“ sind Frauen. Insgesamt kümmern sich 180 Angestellte um das Wohl der Kinder. Dazu gehören Hauswirtschafterinnen, die das Essen kochen, putzen und die Wäsche waschen, Pädagogen, Psychologen, Sozialarbeiter, Hausmeister und Verwaltungsmitarbeiter. Und jedes Kind hat einen Bezugsbetreuer, dem es sich anvertrauen kann. Leerstehendes Zimmer eines Heimkindes

Von der Mitarbeiterin des Kinderheims erfahre ich außerdem, dass die meisten Kinder und Jugendlichen, die im „Vinzenzwerk“ leben, auf Veranlassung des Jugendamts dorthin gekommen sind. Entweder weil sie schwer erziehbar sind und ihre Eltern deshalb nicht mit ihnen zurechtkommen oder weil ihnen zu Hause Gefahr droht; etwa durch gewalttätige Eltern. Oft denkt man, dass Heimkinder keine Eltern mehr haben oder von ihren Eltern nicht gewollt werden. Es gibt jedoch nur noch sehr wenige Waisenkinder, die in Heime kommen.

Auch die Vorstellung, dass ein Kind, das einmal in einem Heim untergebracht wurde, dort bleibt, bis es volljährig wird, stimmt nicht immer. Nach einiger Zeit wird geprüft, ob es für den einzelnen Bewohner Alternativen zum Leben im Heim oder Anschlussangebote gibt. Das kann dann auch die
Rückkehr zu den Eltern sein.

Wenn ein Kind an seinem 18. Geburtstag immer noch im „Vinzenzwerk“ lebt, wird es nicht automatisch auf die Straße gesetzt. Es bekommt die Möglichkeit, eines der Apartments auf dem Gelände zu beziehen, und kann mit Unterstützung eines Pädagogen auf Wohnungssuche gehen. Wer eine eigene Wohnung bezogen hat, kann bei Bedarf weiterhin von Mitarbeitern des Heims betreut werden. Kinder und Jugendliche, die in Heimen wohnen, haben zwar nicht so oft Kontakt zu ihren Eltern, aber dafür sind ständig andere Kinder und die Pädagogen anwesend. Die Mitarbeiterin des „Vinzenzwerks“ erklärt mir, dass der Alltag von Heimkindern sich nicht besonders von dem anderer Kinder unterscheidet. Heimkinder gehen in „ganz normale“ Schulen und gestalten ihre Freizeit genauso wie meine Freunde und ich. Sie treffen sich mit Freunden, gehen ins Kino und treiben Sport.

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Jede Wohngruppe hat eine eigene Wohnküche. Foto: Gerke

Ihr Taschengeld erhalten die Kinder im Heim vom Jugendamt. Die Höhe des Taschengelds ist nach Altersgruppen abgestuft. Wenn ich mein monatliches Taschengeld aufgebraucht habe, aber unbedingt ins Kino möchte, kann ich meine Eltern fragen, ob sie mir Geld geben. Die Kinder im Heim können das nicht. Außer dem Taschengeld übernimmt das Jugendamt noch ein monatliches Bekleidungsgeld.

Am Ende meines Besuchs im Kinderheim hämmert mir der Kopf. Ich habe viel Neues erfahren und festgestellt, dass die Realität in modernen Heimen mit den Vorstellungen, die meine Freundinnen und ich bisher von diesen Einrichtungen hatten, nicht übereinstimmen. Die Bilder, die sich viele von Kinderheimen machen, sind veraltet und stammen vermutlich aus Büchern und Filmen. Niemand schläft dort heute noch in einem Schlafsaal mit mehrstöckigen Betten Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich die Kinder im Heim wohlfühlen. Jeder hat sein eigenes Zimmer und die Pädagogen und die anderen Kinder in der Wohngruppe übernehmen die Rolle von „Eltern“ und „Geschwistern“. Im Kinderheim geht es also nicht so zu wie bei Harry Potter in „Hogwarts“, sondern eher wie in einer großen Familie.

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