Schüler-Interview mit der niederländischen Schriftstellerin Johanna Reiss
„Hass ist nicht cool“

1000 Tage und 1000 Nächte lebten Annie und ihre zehn Jahre ältere Schwester Sini im Schlafzimmer einer Bauernfamilie in Usselo. Die Erlebnisse aus dieser Zeit hat Annie viele Jahre später aufgeschrieben. Da lebte die Niederländerin in New York, war verheiratet und hatte zwei Töchter. Im Interview mit dem Schüler-Redaktionsteam erzählt Johanna Reiss von ihrem Buch, ihrer Kindheit. Sie hat auch eine Botschaft an uns alle. Die können Luca, Louis, Pauline, Lina, Simone, Leonie, Johannes, Mira und Julie weitergeben.

Samstag, 25.01.2020, 10:00 Uhr
Johanna Reiss, Autorin mit Wurzeln in Winterswijk, lebt in New York "Im Fenster der Himmel"
Johanna Reiss, Autorin mit Wurzeln in Winterswijk, lebt in New York "Im Fenster der Himmel" Foto: Benda Film

Der Holocaust und die Geschehnisse während des Zweiten Weltkriegs sind für viele junge Menschen heute schwer zu verstehen. Zum Prozess der Aufarbeitung und der Erinnerung an die Gräueltaten dieser Zeit tragen Bücher, Fotos und Filme, aber vor allem Überlebende bei, die ihre Erlebnisse mit den jüngeren Generationen teilen.

Eine Überlebende des Holocausts ist Johanna Reiss . Sie wurde 1932 als Annie de Leeuw in Winterswijk geboren. Wie viele andere Juden musste sie sich verstecken, als die Deutschen die Niederlande besetzten.

1000 Tage und 1000 Nächte im Versteck

1000 Tage und 1000 Nächte lebten Annie und ihre zehn Jahre ältere Schwester Sini im Schlafzimmer einer Bauernfamilie in Usselo. Ihre Geschichte erzählt sie in dem Buch „Und im Fenster der Himmel“. Johanna Reiss lebt seit 65 Jahren in New York. Wir haben ihr Fragen gestellt, die die 87-Jährige im Telefongespräch beantwortet hat. Das Gespräch hat Sixtina Harris vom „Kolle Kaal Förderverein e.V.“ in Borken/Winterswijk vermittelt.

Zum Holocaust-Gedenktag

Dieser Verein geht in Winterswijk und Umgebung auf Spurensuche von Johanna Reiss. Sixtina Harris und Johanna Reiss sind seit Jahren befreundet.

„Und im Fenster der Himmel“

Das Buch hat Johanna Reiss ursprünglich für ihre Töchter geschrieben. Die waren damals etwa 9 und 10 Jahre alt und wollten am Wochenende bei Mitschülerinnen übernachten. Doch das durften sie nicht – weil ihre Mutter Angst um sie hatte. Johannas Mann ermunterte seine Frau, sie solle ihre Geschichte für die Mädchen aufschreiben. Das Buch heißt in den USA „The upstairs room“, ist in 13 Sprachen übersetzt und in Deutschland in vielen Schulen fester Bestandteil des Unterrichts.

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Pauline und Lina: Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit in Winterswijk – vor dem Krieg?

Johanna Reiss: Ich war ein einfaches holländisches Kind wie alle anderen auch. Meine beste Freundin war Willy Bos , die Tochter des Tierarztes. Wir saßen in der Schule nebeneinander, bis eines Tages Willys Mutter in die Schule kam und sich beschwerte, dass ihre Tochter neben einem jüdischen Kind saß. Von da an musste ich allein hinten in der Klasse sitzen. Willy durfte nicht mehr mit mir spielen.

Ich war ein einfaches holländisches Kind wie alle anderen auch.

Johanna Reiss

Mira: Sie besuchen Schulen, erzählen von Ihrer Geschichte. Warum machen Sie das?

Johanna Reiss: Antisemitismus gibt es wieder. Nicht nur in Amerika, auch in Deutschland, überall auf der Welt. Die Nazi-Zeit war eine schreckliche Zeit. Ich denke, meine Funktion als Zeitzeugin ist es, jungen Menschen zu erklären, dass Hass nicht cool ist, sondern furchtbar.

Simon und Leonie: Was können junge Menschen tun?

Johanna Reiss: Wir können alle gemeinsam aufpassen, dass sich die Zeit nicht wiederholt. „Do not hate“ – „Bitte hasst nicht“ sage ich immer. Die Menschen sind verschieden, denken anders, glauben anders, sehen anders aus. Das heißt aber nicht, dass sie schlechte Menschen sind. Alle haben unseren Respekt verdient.

Johannes: Wissen Sie noch, was Sie als Erstes gemacht haben, als der Krieg vorbei war?

Hass ist nicht cool.

Johanna Reiss

Johanna Reiss: Ja. Das weiß ich noch. Ich ging am Befreiungstag in Usselo auf die Straße, um die Kanadier zu erwarten. Ich konnte kaum laufen, meine Beinmuskeln waren verkümmert. Ich schämte mich, wollte ins Haus. Johann, der uns all die Jahre versteckt hatte, sagte: „ Ich sehe jetzt, was der Krieg dir angetan hat, aber gehe nicht mit Hass in die Welt hinaus. Dafür habe ich dich nicht gerettet!“

Louis und Luca: Warum sind Sie 1955 nach Amerika gegangen?

Johanna Reiss: Es war die Idee meines Vaters. Er schlug vor, dass ich dorthin gehen sollte – für ein Jahr oder so. Dass ich nicht mehr wiederkommen würde, hat er wohl nicht gedacht. Ich bin damals mit dem Schiff gereist, war die meiste Zeit seekrank. Als ich ankam, sprach ich kaum Englisch.

Julie: Machen Ihnen die aktuellen politischen Ereignisse Angst?

Wir müssen alle aufpassen und die Augen offenhalten, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

Johanna Reiss

Johanna Reiss: Ja, das machen sie. Amerika ist nicht mehr das Land, in dem ich vor 65 Jahren angekommen bin. Es hat sich verändert. Ich wäre so gern Ende des Monats nach Deutschland gereist, um mit den jungen Menschen in Ahaus, Gronau, Billerbeck persönlich zu sprechen. Leider bin ich krank – und darf nicht reisen. Ich bin aber sehr glücklich, dass sich junge Menschen mit dem Thema Holocaust beschäftigen. Wir alle müssen aufpassen und die Augen offenhalten, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

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Das Redaktionsteam mit Schülerinnen und Schülern aus Münster. Foto: Doerthe Rayen

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