Warten auf die neue Leber
Semun Turan ist schwer krank – und doch nicht krank genug, um ein Spenderorgan zu erhalten

Münster -

Semun Turan ist schwer krank. Der 52-Jährige benötigt eine neue Leber. Doch das Organangebot ist zu gering, weil es zu wenig Spender gibt; Chancen auf eine Spenderleber hätte Turan nur, wenn es ihm deutlich schlechter ginge.

Donnerstag, 22.11.2012, 09:11 Uhr

Warten auf die neue Leber  : Semun Turan ist schwer krank – und doch nicht krank genug, um ein Spenderorgan zu erhalten
Semun Turan befindet sich auf der Warteliste für eine Leber-Transplantation. 1987 war bei ihm nach einer Hepatitis-Infektion eine Leberentzündung diagnostiziert worden. Foto: kal

Der Leidensweg von Semun Turan begann vor 25 Jahren. Bei einer Routinekontrolle stellte sein Arzt fest, dass er unter Hepatitis B – also Leberentzündung – leidet. Turan begann, Medikamente zu nehmen, zwischendurch sah es tatsächlich so aus, als hätte er die Krankheit besiegt.

Ein Trugschluss: „Im vergangenen Jahr verschlechterten sich plötzlich meine Blutwerte“, berichtet der 50-jährige Vater von fünf Kindern. Die Ärzte diagnostizierten eine Leberzirrhose, seitdem bilden sich unter anderem in seiner Speiseröhre Krampfadern, die jeden Moment platzen können. Turan würde dann verbluten.

Nur eine Lebertransplantation kann ihn retten. Seit einem halben Jahr befindet er sich auf der Warteliste für eine Organtransplantation – doch vorerst wird er keine Leber erhalten: Seine Laborwerte sind zu gut.

„Wir würden Herrn Turan lieber in diesem Zustand operieren“, sagt Prof. Dr. Hartmut Schmidt , Leiter der Klinik für Transplantationsmedizin an der Uniklinik Münster – die Chancen auf eine erfolgreiche Operation und eine schnelle Genesung seien bei stabilen Patienten deutlich besser. Doch weil es in Deutschland zu wenig Organspender gibt, erhalten nur Schwerkranke eine neue Leber. Das münsterische Uniklinikum hat dieses Organ seit Jahresbeginn 29 Mal transplantiert, rund 100 Patienten befinden sich auf der Warteliste, jeder fünfte wird laut Schmidt die lebensrettende Operation nicht mehr erleben.

Semun Turan war kürzlich bei seiner Mutter zu Besuch. „Du kannst meine Leber bekommen“, habe sie ihm gesagt. Semun Turan lächelt verlegen. Ja, auch seine Kinder seien besorgt. Als er wieder mal von Gronau – wo er wohnt – nach Münster gefahren ist, um im Uniklinikum die Krampfadern in seiner Speiseröhre behandeln zu lassen, habe er ihnen nur gesagt: „Eine Routinekontrolle.“ Sie sollen sich keine Sorgen machen – das tue er schließlich auch nicht. Dies nimmt man Turan durchaus ab, er wirkt gelassen, lächelt, wenn man ihn zu seiner Krankheit befragt. Ob er Angst habe? „Nein“, versichert der 50-Jährige, „Angst würde alles nur noch schlimmer machen.“

Diese Einstellung passt zu seiner Verfassung, Turan hat keine Schmerzen, fühlt sich nicht einmal krank – eine trügerische Ruhe. „Patienten wie Herr Turan können plötzlich Leberkrebs entwickeln“, berichtet Schmidt – von den Krampfadern in der Speiseröhre, tickenden Zeitbomben in seinem Körper, ganz zu schweigen.

Gäbe es mehr Spenderorgane – Turan wäre womöglich längst gesund, würde ein normales Leben leben. Stattdessen ist er ein Frührentner, der mit einer deprimierenden Prognose leben muss: Eine neue Leber wird er nicht bekommen, so lange es ihm den Umständen entsprechend gut geht – sondern erst dann, wenn es ihm so schlecht geht, dass das Risiko einer Transplantation ungleich höher ist.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1286008?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F57398%2F57637%2F1208613%2F
Nachrichten-Ticker